Ein Fallschirmjäger ist ein Soldat, der hinter die feindlichen Linien springt. Quälende Sekunden lang hängt er nach dem Absprung wehrlos in der Luft, eine perfekte Zielscheibe. Nach dem Aufprall muss er schnell seine Truppe finden, sonst ist er verloren.

Gerhard Schindler hat all das gelernt, vor 42 Jahren bei der Bundeswehr. Wenn man den BND-Chef dieser Tage fragt, ob ihn seine jetzige Lage an die eines Fallschirmjägers erinnert – alle blicken auf ihn, manche versuchen, ihn abzuschießen, er darf nicht öffentlich kontern –, dann lacht er und wischt das vom Tisch. Schließlich ist er nicht in der Normandie gelandet, sondern nur vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr).

Schindler redet generell nicht gern über sich. Als er vor anderthalb Jahren sein Amt an der Spitze des Bundesnachrichtendienstes antrat, gab es keinen Lebenslauf und kein Foto von ihm. Dabei war er als Ministerialdirektor im Innenministerium und Leiter der Abteilung Öffentliche Sicherheit nicht irgendwer, sondern ein zentraler Architekt der deutschen Terrorabwehr.

In den vergangenen Tagen ist ein Bild von ihm als "hartem Hund" entstanden, der dem amerikanischen Geheimdienst NSA bei der von Edward Snowden behaupteten Ausspähung deutscher Bürger eifrig geholfen habe. Weil es in einem angeblichen US-Dokument hieß, der BND habe auf eine "laxere" Auslegung des Datenschutzgesetzes hingewirkt sowie eine Software der NSA benutzt, hat die Opposition eine Art "Komplizenschaft" entdeckt und seinen Rücktritt gefordert. Hat ihn das erschreckt?

Er reagiert erstaunt. Die Vorstellung, es gehe in der Geheimdienstarbeit auch ohne internationale Zusammenarbeit, gerade in der Terrorbekämpfung, verblüfft Schindler. Darum ging es auch bei seinem angeblichen Versuch, deutsches Recht zu verwässern: um die Möglichkeit, im Notfall und nach Genehmigung durch Kanzleramt und Parlament Daten an befreundete ausländische Dienste weiterzugeben. Genau zwei Mal sei das geschehen: Schindler hat 2012 im Zusammenhang mit einem Entführungsfall zwei Datensätze über das deutschamerikanische Opfer an die NSA ausgehändigt. Niemand im Parlamentarischen Kontrollgremium hatte damals etwas dagegen, auch nicht dessen Vorsitzender, der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, der das heute einen "ungeheuerlichen Vorgang" nennt.

Die britische Fernsehserie Spooks ("Schnüffler"), entstanden kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001, porträtiert eine Gruppe von Agenten der Terrorabwehr beim Geheimdienst MI5. Es sind weltgewandte, gut aussehende Individualisten, die für England ihr Leben aufs Spiel setzen, mit der Bürokratie hadern, ganz London im Visier ihrer Videokameras haben und für das Volk Helden sind, unbekannte natürlich. Undenkbar, dass deutsche Geheimdienstmitarbeiter hierzulande so dargestellt werden könnten. Wenn von Geheimdiensten die Rede ist, denken Deutsche zuerst an Repression, nicht an Schutz. Das war erst am vergangenen Wochenende wieder zu sehen, als in mehreren deutschen Städten gegen Überwachung demonstriert wurde. Deutsche denken dabei an Gestapo und Stasi, an Dunkelmänner aus dem (Kalten) Krieg.

Schindler mit seiner guten Laune stößt da auf Befremden. Grundrechte gefährden und Spaß dabei haben? "No risk, no fun" – so was darf ein Geheimdienstmann in Deutschland einfach nicht sagen. Die Bemerkung fiel in Schindlers Antrittsrede beim BND – einem Haus, das "bürokratisch ausgerichtet war", wie Schindler meint, "sehr deutsch, dass man alles regelt".