Als "radikale Zeitdiagnose" preist der Spiegel vollmundig eine Gedankensammlung des Schriftstellers Botho Strauß. Die Anspielung ist klar: Vor zwanzig Jahren veröffentlichte das Magazin vorab Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang; die Langfassung erschien in der rechten Zeitschrift Der Pfahl (Matthes und Seitz). Das Stück machte Furore, aber seine Demokratieverachtung, vor allem: sein eitles Hoffen auf eine "Wiederkehr der Tragik" lösten bei vielen blankes Entsetzen aus.

Der Plurimi-Faktor: Anmerkungen zum Außenseiter heißt Strauß’ jüngster Text, und er liest sich wie eine Nachschrift zum Bocksgesang. Es gibt darin treffliche Beobachtungen, kaum einer nimmt das digitale Mediensubjekt ("Hülle aus Sprachklumpen") so scharf ins Visier wie Strauß. Diesmal jedoch fehlt das Lob der "Volksgemeinschaft", und die Demokratie ist erstaunlicherweise nicht dekadent, sondern "selbstgewiß und stattlich".

Dann knirscht, welch ein Widerspruch, erneut das Sattelleder des Herrenreiters, der auf hohem Ross die Moderne verloren gibt und insgeheim mit Heidegger auf den großen Knall wartet. Schuld an unserem Elend sei der "Plurimi-Faktor", die Herrschaft der Masse und ihrer vulgären Medien. Das Wort "Kapitalismus" nimmt er bei seiner Massenmedienkritik nicht mehr in den Mund; vermutlich erinnert es Strauß an seine große Zeit von Paare, Passanten, als er mit Adorno im Rücken haarfein beschrieb, wie die geldgetriebene Medienmaschine alles zu einem großen semantischen Brei verrührt. Man sollte das Buch noch mal lesen.