Wie oft er diesen Satz heute wohl schon gesagt hat? Hundert Mal? Seine Stimme klingt trotzdem noch freundlich und zugewandt: "Guten Tag, mein Name ist Florian Hüfner, ich bin der SPD-Bundestagskandidat. Wissen Sie schon, wen Sie am 22. September wählen wollen?" Die Frau in der Hollywoodschaukel im Naumburger Kleingartenverein Silberblick kommt zum Zaun. "Nee, ich habe noch keine Ahnung", sagt sie und schaut den jungen Mann im roten Poloshirt interessiert an. Hüfner muss jetzt schnell sein, er darf die Frau nicht langweilen; er reicht ihr einen Flyer und sagt: "Den können Sie sich in Ruhe durchlesen. Hinten klebt ein Tütchen mit Glücksklee drauf, der ist für Sie."

Der 26-Jährige, der in Weißensee lebt und in Halle Politik, VWL und Wirtschaftsrecht studiert, hat sich viel vorgenommen. 2009 erreichte die SPD in Sachsen-Anhalt mit den Zweitstimmen nicht einmal 18 Prozent. Es war das Bundesland mit der geringsten Wahlbeteiligung in Deutschland. Und einer hohen Zahl von Wechselwählern. Darin sieht er eine Chance: Hier gibt es Menschen, die er überzeugen kann. "Die Themen der SPD sind richtig gut", sagt er: "Ein Mindestlohn von 8,50 Euro, gleiche Bildungschancen für alle, kostenlose Kita-Plätze". Der Kies knirscht unter seinen Turnschuhen, die Sonne sticht, schön wäre es, jetzt im Schatten zu sitzen. Aber das kommt Hüfner nicht in den Sinn. Er will so viele Schrebergärten wie möglich abklappern. Jeder hier, ob er nun Rosen schneidet oder Kirschen erntet, könnte ein Wähler sein.

Nicht alle, die er anspricht, reagieren so offen wie die Frau, die zum Zaun kam. Immer wieder trifft Hüfner auf Menschen, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Eine Frau ruft ihm zu: "Nein, ich gehe nicht wählen. Wir sind schon viel zu oft betrogen worden." Und heute Morgen, als er an einem Infostand auf dem Naumburger Marktplatz stand, hob ein Mann abwehrend die Arme und sagte: "Lassen Sie mich bloß mit Politik in Ruhe."

Hüfner ist hier aufgewachsen, er versteht die Wut der Leute, weiß um ihre Probleme. Seit über zwanzig Jahren hoffen sie auf eine Angleichung der Renten an den Westen; passiert ist bis heute nichts. Er hört den Enttäuschten zu und sagt mit fester Stimme: "Dafür werde ich kämpfen." Dabei kommt ihm zugute, dass er erst 26 Jahre alt ist: Damit ist er zu jung, um schuld zu sein. Außerdem senkt er den Altersdurchschnitt der Kandidaten in seinem Wahlkreis im südlichen Sachsen-Anhalt erheblich. "Ohne mich sieht der Bundestag alt aus", lautet Hüfners Wahlslogan deshalb. Sogar auf den Aufklebern auf seinem VW Scirocco ist dieser Spruch zu lesen.

Auch wenn er zum ersten Mal für den Bundestag kandidiert – Florian Hüfner trifft den richtigen Ton. Er macht auf sich aufmerksam, ohne sich aufzudrängen. Und manchmal sorgt er sogar für einen Lacher. Wie heute Mittag, als er mit der Arbeitsgemeinschaft 60 plus der SPD mit der historischen Straßenbahn durch Naumburg gefahren ist. "Kandidat auf dem Abstellgleis", witzelte er, als die Bahn kurz in eine Sackgasse fahren muss, um einem Lkw auszuweichen. Die Leute lachten mit ihm.

Nur wenn es um Peer Steinbrück geht, fällt es Hüfner schwer, locker zu bleiben. Mehrmals hört er an diesem Tag Sätze wie: "Wenn ich Steinbrück sehe, wird mir schlecht." Hüfner antwortet dann, dass die SPD ja noch fast 500.000 andere Mitglieder habe. Natürlich hat er sich selbst über Steinbrücks unglücklichen Start im Wahlkampf geärgert. Darauf hat er den Kanzlerkandidaten bei einem Fototermin in Berlin auch angesprochen. "Er war sehr selbstkritisch, meinte aber auch, dass vieles von den Medien aufgebauscht worden sei", sagt Hüfner. Seit dem Gespräch kann er besser verstehen, was da vielleicht schiefgegangen ist – und hat eine Ahnung davon bekommen, wie schnell die Stimmung der Leute kippen kann. Nicht einmal zwei Monate sind es noch bis zur Bundestagswahl. Bis dahin will Hüfner noch 1000 Flyer verteilen.