Ich habe zwei Heimatstädte, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Peking, wo ich geboren bin und wohne. Und Hamburg, wo ich lange Zeit mit meinem Mann gelebt und als Chinesischlehrerin gearbeitet habe. Die eine Stadt ist elfmal so groß wie die andere. Aber es gibt noch viel mehr, was diese beiden Welten trennt: das Verständnis von Politik und Kultur, die Friedlichkeit oder Gefährlichkeit des Alltags.

Bei einem zweiwöchigen Besuch der ZEIT-Redaktion wurde mir der Kontrast aufs Neue bewusst. Und mir wurde klar, wie meine Zeit in Deutschland meinen Blick auf China verändert hat.

Mittwoch, 10. Juli: Ankunft

Nach elf Stunden Flug lande ich am frühen Abend in Hamburg. Ich bin erschöpft, aber aufgeregt, meine alten Freunde und Bekannte wiederzusehen. In der Ankunftshalle halte ich Ausschau nach meinem Mann, von dem ich seit einem Jahr getrennt lebe. Ich hatte ihm per E-Mail meine Ankunftszeit geschickt und ihn gebeten, mich abzuholen. Doch er ist nicht da. Später finden wir heraus, dass er die Nachricht nie bekommen hat. Es überrascht mich nicht: Seit ich für die ZEIT arbeite, verschwinden meine E-Mails oft. Mit der S-Bahn fahre ich in die Stadt; mir fällt auf, wie leer und ruhig sie im Vergleich zu Pekings U-Bahn ist.

An dem Terminal, von dem ich in Peking abgeflogen bin, wird anderthalb Wochen später ein Unglück geschehen: Ein Rollstuhlfahrer sprengt sich mit einer selbst gebauten Bombe in die Luft. Mitarbeiter der Staatssicherheit hatten ihn Jahre zuvor so stark geschlagen, dass er zum Behinderten wurde. Immer wieder hatte er vergeblich versucht, von der Regierung eine Entschädigung zu bekommen. Er war ein shangfang-Protestler , einer der Menschen, die mit Schildern vor den Behörden in Peking stehen. Eine Ein-Mann-Demonstration, denn Menschenansammlungen sind in China verboten. Niemand weiß, wie viele Menschen auf diese Art versuchen, nach verlorenen Prozessen gegen den Staat auf ihr Recht aufmerksam zu machen. Niemand weiß, wie viele Verzweifelte shangfang machen. Der Mann am Flughafen hatte seine Lebensgeschichte auf Zettel geschrieben und sie verteilt, bevor er sich selbst tötete.

Freitag, 19. Juli: Sommerfest

Drei Freunde laden mich ein, sie zu einem Kunstprojekt in der niedersächsischen Gemeinde Tosterglope zu begleiten. Die Fahrt dorthin dauert eine Stunde mit dem Auto – sie ist kürzer als mein täglicher Weg zur Arbeit. Die Gemeinde besteht aus vier relativ isolierten Dörfern, die die Künstler durch ein Sommerfest zusammenbringen wollen. Ich frage mich, ob es ihnen gelingen wird: Noch nie habe ich gehört, dass Kunst Menschen aktiv einbinden kann, dass sie soziale Zwecke erfüllen soll. In China beschränkt sich Kunst auf das, was an Museumswänden hängt: auf die Malerei.

Meine Freunde verteilen Pinsel und Farbe an die Dorfbewohner, erst sind es nur ein paar Kinder, dann trudeln nach und nach rund dreißig Anwohner ein, auch der Bürgermeister ist dabei. Ich bin überrascht, dass er sich unter die Menschen mischt und ganz normal mit ihnen redet. Ich frage ihn, wie er gewählt wurde und was er verdient, er erklärt mir, dass er ehrenamtlich arbeitet. Den Dorfkader, der bei mir zu hause das Sagen hat, habe ich noch nicht einmal gesehen. Er soll sehr reich sein.

Ich nehme einen Pinsel und schreibe das Wort Volkskongress in chinesischen Schriftzeichen auf einen selbst gebauten Tisch. Ich habe das Gefühl, dass die Gemeinde heute zusammengekommen ist und dass ich Teil von ihr bin. Wir tauschen unsere Kontaktdaten aus, um uns auf Facebook anzufreunden.

Dienstag, 23. Juli: Edward Snowden

Heute hat die Redaktion ihre wöchentliche Deadline. In der Morgenkonferenz diskutieren die Kollegen darüber, ob sie die siebte Woche in Folge groß über den Überwachungsskandal der NSA berichten sollen. Die Art, wie sie miteinander sprechen, überrascht mich noch immer: Die Kollegen trauen sich, ihren Chef zu kritisieren oder Witze über berühmte Persönlichkeiten zu machen. In China wird gemacht, was der Chef sagt. Die Mitarbeiter sind da, um ihn zu loben.

In China wurde ebenfalls viel über die NSA und Edward Snowden geschrieben, besonders als er noch in Hongkong war. Inzwischen spricht kaum jemand mehr darüber. Auch ich kann die deutsche Empörung nicht nachvollziehen: Für mich ist schon lange klar, dass Regierungen ihre Bürger bespitzeln. Ich muss damit rechnen, dass der chinesische Geheimdienst meine E-Mails mitliest und meine Telefonate abhört, zweimal wurde ich schon zum "Tee eingeladen", um über meine Arbeit zu reden. Sie nannten es nicht Verhör, aber seitdem fühle ich mich beobachtet.

Mittwoch, 24. Juli: Schwarzer Tag

Ich verbringe den Tag in Berlin, um die Parlamentsredaktion zu besuchen. Zwischendurch lese ich auf meinem Handy Nachrichten aus China. Hier wie dort knallt die Hitze auf die Stadt. Ungewöhnlich viele Unfälle geschehen in Peking.

7 Uhr: In einer Bäckerei explodiert eine Bombe. Zwei Personen kommen ums Leben, 19 weitere werden schwer verletzt.

10 Uhr: Auf einer Fähre, die den Tuanjie-See überquert, bricht ein Feuer aus. An diesem See habe ich als Kind oft gespielt.

13 Uhr: An einem Verkehrsknotenpunkt in Jianguomen bricht ein Feuer aus. Hier steigen Tausende Menschen jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit um. Dazu gehöre ich sonst auch.

15 Uhr: Ein Feuer bricht in einem Supermarkt in Shuangjing aus – in dem Supermarkt, in dem meine Freundin immer einkaufen geht.

16 Uhr: Eine alte Frau springt von einem Hochhaus.

18 Uhr: Auf der Autobahn im Süden Pekings fängt ein Auto Feuer und explodiert.

Normalerweise fühle ich mich in Peking sicher, aber diese Nachrichten lassen mich nicht los. Chinas Wachstum ist rasant, aber die wenigsten denken an die materiellen und sozialen Risiken, die damit verbunden sind. Auf der Fahrt zurück nach Hamburg denke ich: Wenn ich heute in Peking gewesen wäre, hätte es auch mich treffen können.

Montag, 29. Juli: Abschied

Nach zwei Wochen Sonnenschein verdunkelt sich der Himmel über Hamburg. Das Wetter spiegelt meine Gemütslage: Ich bin traurig, Deutschland wieder zu verlassen. Hier kann ich mit Menschen über Kunst und Politik reden. In China haben viele meiner Freundinnen kein Interesse an solchen Diskussionen. Im Grunde vertreten sie nur zwei Meinungen: dass China eine starke Führung brauche oder dass man als Einzelner sowieso nichts ändern könne. Ich sehe das anders. Vielleicht habe ich zu viel Zeit in Deutschland verbracht.