Es ist frostig geworden, das Verhältnis der Romandie zu Frankreich. Jeden Tag prangern Politiker, Lobbyisten und selbst ernannte Experten in den Medien "le diktat" aus Paris an. Sie sind empört darüber, dass der französische Fiskus in Zukunft auch jene Menschen besteuert, die in der Schweiz ein Haus, ein Auto oder eine Kunstsammlung erben – aber eigentlich in Frankreich wohnen.

Ein Beispiel, notabene ein extremes, bringt die Gemüter besonders in Wallung. Es ist jene hypothetische gutschweizerische Familie, ausgestattet mit einem Erbe auf helvetischem Grund und Boden, in welcher die Nachkommen, auch sie Schweizer, "le malheur" haben, ab und an in Frankreich zu leben. Mit dem neuen Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und Frankreich, das die Finanzminister Pierre Moscovici und Eveline Widmer-Schlumpf im Juni in Paris unterzeichneten, müssen diese Erben bis zu 45 Prozent des Werts ihrer Erbschaft an den französischen Staat abgeben.

Die Öffentlichkeit in der Romandie reagiert mit einem Aufschrei: Frankreich bestiehlt die Schweiz!

Was aber verleitet Frankreich zu diesem "Verbrechen"? Die gängige Erklärung kümmert sich nicht um die komplizierten Details: weil Frankreich schlecht regiert wird. Punkt. Das Land lebt über seine Verhältnissen und weiß nicht, wo es zwischen Strassburg und Lorient, zwischen Dunkerque und Toulon noch Geld zu holen gibt. Also zieht man es den Schweizern aus der Tasche.

Die welsche Schweiz ist besonders anfällig dafür, grob vereinfachende Bilder von Frankreich zu fabrizieren. Viele französische Steuerflüchtlinge, die in Genf, in der Waadt, im Jura, im Wallis, in Neuenburg oder in Freiburg leben, veranstalten ein eigentliches Kesseltreiben gegen die eigene Regierung. In ihren Augen ist die neue Steuer eine Enteignung. Sie verteidigen ihre Haltung gegenüber ihrem Gewissen – und gegenüber ihren Schweizer Gastgebern – als einen Akt des zivilen Ungehorsams.

Auf der anderen Seite hören und sehen die Romands im französisches Radio und Fernsehen, wie man im hexagone über sie spricht. Unnachgiebig, barsch. Die Schweizer nehmen das Gehörte bierernst. Sie vergessen dabei, dass in Frankreich die Debatten mit ironischer Distanz geführt werden, die ihnen viel von ihrer Rauheit nehmen. Für die Welschen sind diese Kampfreden, ebenso wie die Zehntausenden Grenzgänger, die täglich in die Schweiz zur Arbeit fahren, aber der Beweis für ihre These: Frankreich wird miserabel regiert. Sie vergessen dabei, dass 150.000 ihrer Landsleute meist freiwillig in Frankreich leben.

Kein Wunder, war es Christophe Darbellay, Präsident der CVP, der im Juni am Swiss Economic Forum in Interlaken, vor versammelter Wirtschaftselite des Landes, an die "résistance" gegen die Druckversuche aus dem Ausland appellierte. Wenn man dies nicht mache, sagte er, "wird man wie Frankreich". Das heißt in seinen Augen: Wir gehen unter.

Darbellay profiliert sich seither als Speerspitze des welschen Protests gegen das neue Doppelbesteuerungsabkommen. Zusammen mit seinen Parteigängern in den Kantonen Waadt und Genf ist er in den Westschweizer Medien dauerpräsent. Zwar mangelt es ihm am Fachwissen, um das Problem tatsächlich zu erfassen, ja er sträubt sich gegen eine tiefgründigere Auseinandersetzung. Aber darum geht es ihm nicht. Darbellay versucht in der Deutschschweiz eine Stimmung zu schaffen, um die Ratifikation des Abkommens im Parlament zu verhindern.

Und was tun die Deutschschweizer? Sie fürchten: Tritt das Abkommen mit Frankreich in Kraft, geht man auch bei anderen Staatsverträgen über die Bücher, etwa jenem mit Deutschland. Das Doppelbesteuerungsabkommen aus dem Jahr 1980 nimmt nämlich Schweizer Bürger vom deutschen Erbrecht aus. Diese Maßnahme, vor dreißig Jahren noch allgemein akzeptiert, widerspricht heute dem internationalen Steuerrecht. Die Nationalität des Steuerpflichtigen ist zweitrangig, was zählt, ist nur noch, wo jemand wohnt.

Es liegt in der Logik der europäischen Einigung und der Personenfreizügigkeit, dass der Staat, der die ganze Infrastruktur berappen muss, sich aus der Summe der Steuern seiner Bewohner finanziert; egal ob die Steuern im Land selbst oder in der Fremde anfallen. Aus dem Recht, sich in einem anderen europäischen Land anzusiedeln, leitete sich die Pflicht ab, dort auch seine Steuern zu zahlen. Nur noch die USA oder Japan koppeln die Steuerpflicht an die Staatsbürgerschaft.

Aber die Emotionen, die Steuern auslösen, werden mit dieser persönlichen Bewegungsfreiheit nicht geringer. Es ist zwar das Normalste der Welt, von Lausanne nach Marseille, Paris oder Brest zu ziehen. Gleichzeitig gilt es als Affront, wenn sich der französische Fiskus am Erbe einer Familie gütlich tut, die zwischen Lausanne, Paris und Brest pendelt. Das gilt als Einmischung in eidgenössische Angelegenheiten. Die Romands teilen also die "condition de l’homme européen moderne": Sie sind Internationalisten, wenn es um die eigene Freiheit geht, Nationalisten, ja sogar Chauvinisten, wenn es um ihre Verpflichtungen geht.

Frankreich hat als Verhandlungspartner aber nicht die Westschweiz, sondern die ganze Schweiz. Das Land muss mit dem Bundesrat den historischen Steuerstreit beerdigen, wenngleich die welschen Bankiers eine Hauptrolle im Theater um die Doppelbesteuerungsabkommen mit Frankreich spielten.

Der Vertrag datiert aus dem Jahr 1953. Und dass er immer noch in Kraft ist, ist das Resultat eines wiederholten Versagens der französischen Diplomatie.

Nicht erst Nicolas Sarkozy und später François Hollande wollte das Doppelbesteuerungsabkommen mit der Schweiz um eine Spezialklausel für Amtshilfe in Steuerfragen erweitern. Seit seiner Erstratifizierung ist die Klausel ein Thema. Auf Drängen der Bankiers, hat die Eidgenossenschaft sie aber immer abgelehnt, wie die Historikerin Janick Marina Schaufelbuehl in ihrem Buch La France et la Suisse ou la force du petit, Evasion fiscale, relations commerciales et financières (1940-1954) schreibt. Denn die Schweiz hatte Frankreich finanziell im Griff. Bereits das Abkommen von 1937 war gekoppelt an ein französisches Darlehen über 200 Millionen Franken auf dem Schweizer Markt. 1951 griff Paris die Frage wieder auf, weil die Schweiz und die USA ein Abkommen unterzeichneten, das auch Amtshilfe in Steuerfragen umfasste. Aber das Kabinett von Antoine Pinay brauchte dringend einen Kredit über 100 Millionen Franken. Also nahm man wieder Abstand von dieser Forderung. Selbst das bis heute gültige Abkommen von 1953 ist nur Fassade. Wie die Schweizerische Bankiervereinigung damals erleichtert sagte: "Das Abkommen überträgt den Vertragsstaaten oder ihren Verwaltungsorganen keine Kompetenzen oder Verpflichtungen", es enthielte nur "die psychologisch-optisch wichtigen Aspekte für die französische Delegation". In einem Brief vom 20 April 1953 schrieb der mächtige Genfer Bankier Albert Pictet an den Vizepräsidenten der Bankiervereinigung: "Ich glaube, wie Sie, dass die am wenigsten schlechte Lösung gefunden wurde. Das ist das Ende eines langen Angstzustands."