Slackern, Grooven, Cruisen – bislang waren es auf den Kinoleinwand ja vor allem die jungen Männer, die einfach nicht erwachsen werden wollten. Typen, die noch mit Mitte 20 ihr Dasein vor dem Fernseher oder dem Computer verlümmeln, die eigene Kreativität als zu kostbar empfinden, um sie in die Tat umzusetzen, und nur ein Achselzucken für das Morgen kennen – solche Tagediebe hat gerade das amerikanische Kino vielgestaltig hervorgebracht.

Nun aber betritt Frances Ha mit Clogs an den Füßen die Bildfläche. Schon das für eine angehende Tänzerin zu klobige Schuhwerk nimmt uns für dieses Geschöpf ein. Mit staksigen Schritten, arhythmisch schlenkernden Armen, leicht hochgezogenen Schultern stapft Frances durch Manhattan und Brooklyn. Von ihrem Freund, der längst keiner mehr war, hat sie sich gerade getrennt, und die Kindertanzkurse, die sie gibt, reichen kaum für die Miete. Außerdem muss die Siebenundzwanzigjährige feststellen, dass die Freunde und Freundinnen mehr oder weniger im Begriff sind, ihren Platz in der Stadt und im Leben zu finden. Diesen Platz kann Noah Baumbachs Titelheldin nur ex negativo definieren: Frances will keine Kinder. Sie will nicht, dass ihre beste Freundin auszieht, weil sie dann alleine schlafen muss. Auf die Suche nach Mr. Right zu gehen hat sie keine Lust, weil sie nicht an romantische Modelle glaubt. Und von der Zukunft, die zu ihr passen könnte, hat sie keinen blassen Schimmer. Aber zum Glück ist sie mit alldem nicht allein!

Mumblecore nennt man diese Unterabteilung des unabhängigen amerikanischen Kinos, die sich auf Berufsjugendliche, hartnäckige Skeptiker und die prekären Lebenssituationen unserer Tage spezialisiert hat. Mit beweglicher Kamera, ohne Kunstlicht und mit einem eher pragmatischen Formverständnis stellt eine junge Regiegarde ihre Kameras in WG-Küchen, Bars, Cafés oder Parks auf, um Momentaufnahmen und Stimmungsbilder ihrer Generation einzufangen. To mumble – murmeln, grummeln, nuscheln –, damit ist der Tonfall dieses Genres schon aufs Schönste getroffen. Hier geht es um Filme, die etwas angenehm Unangestrengtes haben, eher vom Alltag als vom großen Ganzen erzählen. Es geht um Regisseure, die einem Gespräch eher zu lange zuhören, weil auch die Biografien, denen sie folgen, noch keine Dramaturgie kennen. Königin des Mumbles ist die immer ein wenig neben der Spur wirkende Schauspielerin Greta Gerwig, die schon in anderen Filmen einen saloppen Umgang mit den Unzulänglichkeiten ihrer Figuren pflegte. Zusammen mit dem Regisseur Noah Baumbach schrieb die Schauspielerin das Drehbuch für Frances Ha.

Vielleicht sind es die Schwarz-Weiß-Bilder, die zunächst an Woody Allens nostalgisches Manhattan erinnern. Vielleicht sind es die schweren Schuhe, die Gerwig wie ein Markenzeichen trägt, so wie einst Diane Keaton ihre überdimensionalen Krawatten in Der Stadtneurotiker. Oder auch der vor sich hin wuchernde Minderwertigkeitskomplex: Aus einem Pickelchen macht Frances Akne, sie empfindet sich selbst als "undatable" und setzt sich in der Bar oder beim Abendessen mit genialisch wirren Redeflüssen ins Aus. Während in Woody Allens Universum die Neurosen ununterbrochen verbalisiert, reflektiert und kommentiert werden, lebt Frances sie vollkommen distanzlos aus. Manhattan ist hier kein magischer Ort, sondern eine ferne Größe. Ein Ziel, am Ende von unwirtlichen U-Bahn-Schächten. Längst hat man sich in Brooklyn niedergelassen, und die eingeblendeten Inserts verraten Frances’ ständig wechselnde Adressen.

Diese unaufdringliche, ganz und gar unsentimentale Wirklichkeitsnähe verleiht Frances Ha eine stille Wucht. Bleibt der Schritt ins sogenannte Erwachsenenleben aus, weil es gar keine Perspektive mehr gibt? Womöglich liegt hier die beiläufige Erkenntnis des Mumblecore-Genres: Ängste, Neurosen, Verweigerungen sind keine Attitüde oder Selbststilisierung, sie entspringen einem realen Kern.

Und wirklich, in manchen Momenten macht man sich Sorgen um die zart verschrobene Heldin. Wenn sie Weihnachten bei ihren Eltern ist, nicht von ihren Geldsorgen erzählt, plötzlich in einem Studentenwohnheim außerhalb von New York wohnt und stupiden Aushilfsjobs nachgeht.

Doch Frances bleibt in Bewegung. Einmal sieht man sie beim nächtlichen Nachhauseweg eine kleine Choreografie aufführen, aus Sprints, Drehungen, Sprüngen. Angesichts eines Tanzabends wird sie einmal erklären, weshalb nicht alles klappen muss. Und warum die kleinen Fehltritte, Imperfektionen, Unsicherheiten einfach dazugehören. Was auf der Bühne zur Kunst wird, muss in der Wirklichkeit allerdings erst einmal gemeistert werden. In Frances Ha kann man dabei zuschauen, wie sich die ewige Unzulänglichkeit des Lebens in einen wunderbar leichtfüßigen Film verwandelt.