Diese Woche fand die letzte Sitzung der US-Notenbank Fed vor der Sommerpause statt – und es mehren sich die Anzeichen für eine Zinswende. Das ist keine gute Nachricht für Europa. Denn steigende Zinsen hemmen das Wachstum in den ohnehin schon angeschlagenen Euro-Ländern wie Spanien und Italien. Und auch für Frankreich mit seinem öffentlichen Schuldenberg sind höhere Zinsen Gift.

Wer glaubt, die Zinswende in den USA betreffe Europa nicht, der irrt. Denn die amerikanischen Anleihemärkte dominieren mit ihrer schieren Größe das Geschehen. US-Staatsanleihen dienen weltweit als Basis für die Kalkulation von Zinssätzen – die Europäer haben deshalb keine Chance, sich dem Zinsauftrieb zu entziehen. Wenn die Zinsen in den USA steigen, müssen auch Unternehmen, Staaten und Verbraucher hierzulande mit höheren Finanzierungskosten rechnen.

Bei einer Pressekonferenz im Mai hatte Fed-Chef Ben Bernanke angedeutet, die Fed könne bald aufhören, Hypothekenpapiere aufzukaufen. Mit diesen Käufen versucht sie bisher noch, die langfristigen Zinsen zu drücken. Auf die Bemerkung hin, dass es damit bald zu Ende sein könnte, folgte ein Exodus an den Finanzmärkten. Aufgeschreckte Investoren warfen über Nacht nicht nur Anleihen, sondern auch Aktien, Gold und andere Vermögenswerte aus ihren Portfolios. Daraufhin bemühte sich Bernanke um Schadensbegrenzung. Bestimmte Wirtschaftsdaten, sagte er bei einer späteren Pressekonferenz, seien Wegweiser, "die klarmachen, wie wir die Zusammenstellung unserer Instrumente so anpassen, dass wir dieses Schiff sanft in – äh – auf dem Flugzeugträger landen lassen werden". Das beruhigte die nervösen Marktteilnehmer kaum – nicht allein wegen der verwegenen Mischung der Metaphern.

"Es ist klar, dass die Zinsen steigen werden", sagt James Balfour, Analyst bei Loomis Sayles, einer Investmentfirma, die auf Anleihen spezialisiert ist. Wenn Balfour auch glaubt, dass der Anstieg nicht ruckartig erfolgen werde und die Zinsen noch eine Weile niedrig bleiben, eines steht fest: Nach den Bemerkungen Bernankes muss die Welt sich von einer Periode historisch niedriger Zinsen verabschieden. An den Anleihemärkten hat sich das schon niedergeschlagen. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen ist auf 2,6 Prozent gestiegen – so hoch notierte sie zuletzt vor Beginn von Bernankes Anleihekauf-Programmen.

Für Pensionskassen, Lebensversicherungen und Sparer, die weniger riskante Anlagemöglichkeiten suchen, klingen höhere Zinsen zunächst positiv. Schließlich haben sie am meisten unter den niedrigen Zinsen zu leiden, weil sie die Anleihen dank der Inflation in ein reales Verlustgeschäft verwandeln.

Doch Anleiheanleger tragen ein weiteres Risiko – das Kursrisiko. Diese Gefahr wird besonders von Kleinanlegern häufig übersehen. So sah sich die US-Börsenaufsicht SEC sogar dazu veranlasst, jüngst in ihrem offiziellen Investoren-Bulletin zu erklären, wie steigende Zinsen den Wert bestehender Anleiheportfolios schrumpfen lassen. Bei Anleihen ist es so: Steigen die Zinsen, fallen die Kurse – und umgekehrt. Und je niedriger der ursprüngliche Zins, desto höher fallen die potenziellen Kursverluste aus. Dank der Aktionen von Bernanke und der anderen Zentralbanker sind die Zinsen auf historisch niedrigem Niveau. Kein Wunder also, dass die US-Börsenwächter Alarm schlagen.

Sie sind nicht allein. Ausgerechnet die Bank für internationalen Zahlungsausgleich in Basel, eine Art zentrale Beratungsstelle für Zentralbanker, rügte Bernanke öffentlich. Sie mahnte zu mehr Vorsicht. Nicht so sehr wegen der Kleinanleger, sondern wegen der Banken, die auf großen Anleihepaketen sitzen. Ihnen drohen durch plötzlich anziehende Zinsen Verluste in Höhe von bis zu einer Billion Dollar. "Zinserhöhungen stellen ein Risiko für die Stabilität des Finanzsystems dar, wenn sie nicht mit großer Sorgfalt durchgeführt werden", hieß es in dem BIZ-Bericht besorgt.

Für Ben Bernanke bedeutet das, in den kommenden Monaten immer neue Formulierungen zu finden, um den Markt langsam, aber sicher an das neue Umfeld zu gewöhnen. Und sich hoffentlich bei Schiffs- und Flugzeug-Metaphern nicht wieder zu verheddern.