Sollte es Taktik gewesen sein, was natürlich ein Maß an Intelligenz voraussetzen würde, das man den Akteuren im Innenministerium schwer zutraut, dann war sie jedenfalls nicht schlecht: Am heißesten Tag des Jahres werden acht der hauptsächlich aus Pakistan stammenden Asylbewerber festgenommen. Etwaige Unterstützer befinden sich im Urlaub oder im Freibad, mit großem Widerstand ist also nicht zu rechnen. Der Kardinal, offizieller Quartiergeber, ist weit weg in Brasilien. Wenn man vorhat, die heikle Angelegenheit auf die harte Tour zu beenden, dann ist das der günstigste Zeitpunkt. Im Handstreich werden die ehemaligen Votivpark- und Votivkirchenbesetzer zum Flughafen und anschließend außer Landes gebracht. Der zivile Widerstand ist zu schwach, um die Abschiebung der Asylwerber zu verhindern.

Nach der Eskalation sind immer noch knapp 40 der großteils jungen Männer in dem Servitenkloster im 9. Bezirk untergebracht. Ihre Verzweiflung ist am Höhepunkt. Es fühlt sich für sie wohl so an, als würden sie wie die Mäuse einer nach dem anderen weggefangen.

Warten, Löcher in die Luft starren, ohne Hoffnung und ohne Herr über das eigene Schicksal zu sein – für viele der Flüchtlinge ist das teilweise seit Jahren der Betriebsmodus. Als sie im November von Traiskirchen nach Wien zogen und im Park vor der Votivkirche campierten, waren sie für ein paar Wochen von der Euphorie der Verzweifelten gepackt. Sie verschafften sich Gehör, anstatt bloße passive Objekte der Migrationsbürokratie zu sein. Schnell merkten sie jedoch, dass sie mit einer Politik konfrontiert sind, die sich wegduckt und auf Zeit spielt. Sie übersiedelten ins Gotteshaus, verbrachten harte Monate in der Kälte, traten zweimal in einen Hungerstreik. Als sie dann die Besetzung abbrachen und ins Servitenkloster umzogen, waren die meisten von ihnen schon demoralisiert, hofften aber doch noch irgendwie, dass sie im neuen Quartier eine Chance haben würden auf ein Leben hier in Europa. Doch die Monate zogen ins Land. Sie saßen im Keller des Klosters, hatten nichts zu tun. Unsicherheit und Tatenlosigkeit machten sie depressiv.

Sie wurden schnell zu Experten für europäische Politik im Allgemeinen und österreichische Politik im Besonderen. Sie begriffen rasch, dass die EU-Regeln zum möglichst restriktiven Umgang mit Flüchtlingen selbst dann nicht zügig geändert werden können, sollte das irgendjemand Relevantes wünschen. Sie erkannten ebenso, dass das Superwahljahr 2013 mit vier Landtagswahlen und einer Nationalratswahl der denkbar schlechteste Moment für humanitäre Lösungen ist.

Von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sei Entgegenkommen nicht zu erwarten, sagte man ihnen, denn die müsse ja die rechte Flanke der ÖVP abdecken. Die Sozialdemokratie mag zwar, wie gewohnt, insgeheim solidarisch, vor allem aber sehr darauf bedacht sein, dass das möglichst keiner merkt. Denn schließlich wolle ja niemand der FPÖ von Heinz-Christian Strache ein Wahlkampfthema schenken. Immerhin, der Bundespräsident schrieb einen freundlichen Brief, aber er ließ auch keinen Zweifel daran, dass alles, was er sich möglicherweise persönlich wünschen mag, der Innenministerin schnurzegal sei. Allein auf den Kardinal konnte man noch hoffen. Schließlich hatte er die Männer ins Servitenkloster eingeladen und Vermittlung versprochen. Damit wurde er allerdings auch zu einem Kardinal, der ein Gesicht zu verlieren hat.

Die geharnischte Reaktion, die Christoph Schönborn noch aus Rio über den Ozean funkte, zeigt, dass er selbst nicht damit gerechnet hat, von der Christenpartei ÖVP derart vorgeführt zu werden. Im Innenministerium beruft man sich auf normale Verwaltungsabläufe: Die Abgeschobenen hätten zwei negative Asylbescheide, und die Einreisezertifikate der pakistanischen Behörden seien eben gerade jetzt eingetroffen. Als routinierter Österreicher glaubt man freilich nicht an bürokratische Zufälle. Eher schon daran, dass sich die Innenministerin sieben Wochen vor der Wahl als harte Law-&-Order-Frau profilieren will. Kurzum: Dass da Strategie dahintersteckt, und zwar, da die Intelligenz dann doch nur für Taktik reicht, eine dumme. Schon im vergangenen Wiener Wahlkampf sollte die Abschiebung kosovarischer Zwillinge als Wahlkampfturbo wirken. Die Sache ging nach hinten los. Wer mit dem Ausländerthema spielt, schenkt nur der FPÖ ein Wahlkampfthema. "Entwicklungshilfe à la Mikl-Leitner" twitterte sogar der Innenpolitik-Chef der Kronen-Zeitung. So darf man in den ausgebliebenen Reaktionen der Sozialdemokraten jetzt auch einen Zustand der Schockstarre erkennen: Darf es denn wahr sein, dass die ÖVP den Freiheitlichen, die in diesem Wahlkampf bisher abgemeldet schienen, mit der Abschiebung der Pakistaner ein solches Geschenk bereitet?

Feiges Wegducken, rücksichtsloses Taktieren und auf das, was man die Volksstimmung wähnt, zu schielen, bestimmen das Geschehen in der Politik. Und die Menschen, um die es bei all dem geht? Na, die haben eben Pech gehabt.