Vielleicht, sagt Katrin Rieder, stelle man dereinst einen Bauernhof aus den siebziger Jahren in die Waldlichtungen oberhalb von Brienz. Einen, von dem die Besucher sagen würden, er sei hässlich. Einen mit Spaltenböden in den Ställen und einem anständigen Fuhrpark in der Scheune. Vielleicht brauche es das. Vielleicht werde das Museum erst damit definitiv seinen Ruf los, ein Hort des Ewiggestrigen zu sein. Konservativ und reaktionär.

Die 44-jährige Berner Historikerin ist seit einem Jahr Direktorin des Freilichtmuseums Ballenberg. Auf 660.000 Quadratmetern werden hier 100 Bauernhäuser aus dem 14. bis ins 19. Jahrhundert gezeigt. Doch der Ballenberg ist für die Schweiz mehr als ein Museum. Er ist eine Chiffre. Die "Ballenbergisierung" meint heute das totale Bewahren, die Angst vor der Zukunft. Ja, deren Verleugnung. "Wir wollen kein Ballenberg werden" gehört ins Repertoire all jener Branchen, Dörfer oder Regionen, die fürchten, nur noch als "Jöö-Effekt" geduldet zu werden.

"Nur", sagt Katrin Rieder, "ernst genommen zu werden ist schön, aber das bringt mir nicht mehr Gäste. Und ich muss knallhart kalkulieren, damit wir überhaupt über die Runden kommen." Denn der Ballenberg, der einer privaten Stiftung gehört, braucht Geld. Viel Geld. Jährlich fehlen vier Millionen Franken. Eine Million für den Unterhalt der Gebäude, drei für den Betrieb. "Und um die nötigen Investitionen zu tätigen, um das Museum aktuell zu halten", sagt Rieder, "brauchen wir dringend weitere Millionen."

Nicht, dass auf dem Ballenberg in der Vergangenheit schlecht gewirtschaftet worden wäre. 250.000 Menschen besuchen das Museum jährlich. Aber im Gegensatz zu den meisten Schweizer Museen muss sich das Freilichtmuseum fast ausschließlich aus Eigenmitteln finanzieren.

Über 90 Prozent erwirtschaftet man selber, 625.000 Franken zahlt der Kanton Bern; nur das Verkehrshaus in Luzern kommt auf ähnliche Werte. Andere historische Museen decken ihre Kosten zu weniger als einem Drittel selbst. "Nächstes Jahr erhalten wir erstmals Geld vom Bund", sagt Katrin Rieder. "Einen verhältnismäßig bescheidenen Betrag."

Und so sind die Finanzprobleme, die das Museum an der Flanke des Brünigs plagen, wo an diesem prächtigen Sommertag Familien mit Kindern durch die Parklandschaft spazieren, mehr als nur eine kulturpolitische Episode: Sie sind ein Indiz für den seltsamen Umgang der Schweiz mit ihrem ländlichen Erbe.

Ein echter Schweizer ist ein Bauer. Und der Bauer ist ein echter Schweizer. Auf diesen Mythos beruft sich das Land gerne. Gerade dieser Tage wieder, da allenthalben 1.-August-Reden geschwungen werden. Doch der tatsächliche Stand der Bauern interessiert die Schweiz seit je nur am Rande. Der Landwirt ist eine Projektionsfläche. Er ist eher der Fremde denn ein Teil des Landes. "Der Schaffhauser Bauer, wie er sein sollte, und wie er nicht ist, wie er ist, und wie er nicht sein sollte", hieß eine Kampfschrift, die der Schaffhauser Regierungsrat Zacharias Gysel veröffentlichte. Das war 1854. Heute dient der Bauer als Kulisse für Trash-TV wie Bauer, ledig, sucht. Oder er wirbt als urchiger Bartträger für Schweiz Tourismus.

Auf dem Ballenberg ist man an solchem Kitsch nicht interessiert. Man war es nie.