Nicht, dass die Essener WAZ-Gruppe in der an exzentrischen Charakteren reichen Welt der Regionalzeitungsverleger nicht ohnehin schon aufgefallen wäre. Über Jahrzehnte hatten sich die Eigentümerfamilien Brost und Funke misstraut, belauert und bekriegt, nachdem sie das Unternehmen mit den Zeitungen Westdeutsche Allgemeine Zeitung und Westfälische Rundschau von den Gründern geerbt hatten.

Erst Anfang 2012 konnte sich der Konzern frei machen von der Familienfehde, als die Gründertochter Petra Grotkamp der Familie Brost für 500 Millionen Euro die Mehrheit abkaufte. Seither herrscht sie über das Haus, und es drang keine Kunde über qualitätsjournalistische Umtriebe mehr nach außen aus der notorisch verschwiegenen Familie, die einfach ihrer strategischen Ausrichtung folgte und den journalistischen Betrieb nach Kostengesichtspunkten zu optimieren suchte.

In der vergangenen Woche hat sich das geändert. Seitdem sind die Funkes wieder Gesprächsthema in der Medienindustrie, in der Manager und Experten sich nun fragen: Was zum Teufel haben die vor?

Vergangenen Donnerstag nämlich hat die Funke-Gruppe – so heißt der WAZ-Konzern seit der Trennung der Eigentümerfamilien – für 920 Millionen Euro die Berliner Morgenpost, das Hamburger Abendblatt und diverse Programmzeitschriften wie Hörzu und TV Digital von der Axel Springer AG gekauft. In einer Pressemitteilung heißt es: "Das Unternehmen, das für journalistische Qualität und hohe Wirtschaftlichkeit steht, konzentriert sich künftig noch stärker auf den Ausbau seiner erfolgreichen Regionalmedien und Zeitschriften mit einer leserorientierten Verbindung von Print und Digital."

Vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte war dieses Bekenntnis zum Journalismus zunächst bestenfalls als die Wiederentdeckung der Exzentrik zu erklären, denn seit 2009 erfahren die Beschäftigten Sparrunde um Sparrunde. Die WAZ baute ihre nordrhein-westfälischen Zeitungen komplett um. Sie weichte das Modell der getrennten Redaktionen auf, verzahnte ihre vier Blätter in der Region – die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, die Neue Ruhr Zeitung, die Westfälische Rundschau und die Westfalenpost – und schuf neue Gemeinschaftsredaktionen. Am sogenannten Content Desk in der Firmenzentrale in Essen arbeiteten 90 Redakteure, die alle überregionalen Seiten der Zeitungen mit Texten zu Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien belieferten. Die Redaktionen in der Region garnierten das dann mit regionalen und lokalen Nachrichten. Ähnlich ging die Umfunktionierung von Journalisten zu Content-Lieferanten mit regionalen Texten an "Regio Desks" vonstatten. Auch die Lokalredaktionen dünnte das Management aus. In einigen Redaktionen blieben nur eigene Leute, um die Idee der "Brandingredaktion" umzusetzen, was zum Beispiel bedeutete: Die traditionell eher linke Redaktion der Westfälischen Rundschau behielt noch ein paar Journalisten, die den Markenkern der Zeitung irgendwie nach dem alten Muster "branden" und damit retten sollten, sodass konservative Kommentare die politisch linke Leserschaft nicht vergraulen. Der Gewinn: 300 abgebaute Stellen, immerhin ohne betriebsbedingte Kündigungen.

Vier Jahre und eine lokale Offensive später, in der die WAZ die Content Desks wieder aufgelöst hatte, ging es weniger sozialverträglich zu. Anfang dieses Jahres löste der Verlag eine seiner vier Zeitungen auf. Die Westfälische Rundschau, das linke Traditionsblatt des Konzerns, wurde vollständig von Journalisten befreit. Am Kiosk gibt es sie weiterhin zu kaufen. Die 120 Redakteure aber sind entlassen. Der Inhalt der Zeitung stammt von den anderen Hauszeitungen oder von den Konkurrenten am Ort.