DIE ZEIT: Frau Kraus, die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist gerade zum achten Mal Europameister geworden, die Männer sind seit 1996 ohne Titel. Was können die Männer von den Frauen lernen?

Katja Kraus: Dieser EM-Titel war sicher auch ein Ergebnis des großartigen Mannschaftsgeistes. Der Teamgedanke spielt im Frauenfußball eine größere Rolle, die Bereitschaft zur Einordnung in das Mannschaftsgefüge ist höher. Auch, weil die einzelne Spielerin durch die geringere Aufmerksamkeit bislang gar nicht so sehr die Möglichkeit hat, sich zu exponieren. Im Männerfußball ist die Rivalität extrem, nicht nur um den Stammplatz, auch um die beste Schlagzeile, um den besten Sponsorenvertrag.

ZEIT: Die Frauen sind nach den ersten Spielen des Turniers für ihren wenig attraktiven Fußball hart kritisiert worden, ganz wie die Männer, als sie noch Titel holten.

Kraus: Das ist doch ein gutes Zeichen, der Frauenfußball ist in der Normalität angekommen. Es wird jetzt über die Art, wie Fußball gespielt wird, diskutiert und nicht mehr darüber, ob Frauen überhaupt Fußball spielen sollten. Die Beschäftigung mit taktischen Details und mit Spielsystemen ist zweifellos eine Errungenschaft dieser EM und eine Anerkennung für die Sportart.

ZEIT: Ist der Abstand zwischen Männer- und Frauenfußball auf internationalem Niveau kleiner geworden?

Kraus: Nein, interessanterweise nicht, denn auch der Männerfußball hat sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt.

ZEIT: Gibt es in Sachen Taktik und Athletik Grenzen der Angleichung?

Kraus: Die Dynamik, die Athletik, die Passgeschwindigkeit werden aus biologischen Gründen nie das gleiche Niveau erreichen. Was Taktik und Spielstrategie anbelangt, gibt es keine unüberbrückbaren Unterschiede. Das Spiel ist das gleiche, die physischen Voraussetzungen sind nun mal unveränderbar andere.

ZEIT: Wo beginnt, wo endet dieses Limit: Ist es denkbar, dass die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft beispielsweise das berühmte Tiki-Taka des FC Barcelona praktiziert?

Kraus: Das ist natürlich möglich, wenn auch in einem anderen Tempo. Es mag banal klingen, aber eine Sache darf man nicht unterschätzen: Das Spielfeld ist im Verhältnis einfach größer, weil die Spielerinnen im Durchschnitt zehn bis 15 Zentimeter kleiner sind. Da sind die Wege länger.

ZEIT: Eine auffällige Parallele zwischen Männer- und Frauenfußball gibt es bei der Position des Torwarts beziehungsweise der Torfrau. Nadine Angerer, die im Finale zwei Elfmeter hielt, gilt schon seit Jahren als angenehm verrückt und ist dadurch zur Identifikationsfigur geworden. Müssen Torfrauen verrückt sein?

Kraus: Für mich selbst möchte ich dieser gängigen These vehement widersprechen. (lacht) Mit Nadine habe ich noch ein gemeinsames Jahr in der Nationalmannschaft gespielt, daher kenne ich sie ganz gut. Damals wusste man bei ihr nie so genau, ob sie rechtzeitig zum Lehrgang oder zum Spiel erscheint, weil sie schon mal den Wochentag verwechselt hat. Sie ist durch ihre charmante Zerstreutheit ebenso aufgefallen wie durch ihr außergewöhnliches Talent.

ZEIT: Und hat trotzdem eine steile Karriere gemacht.

Kraus: Absolut. Das hat aber sicher damit zu tun, dass sie auch im Leben nichts ausgelassen hat während ihrer Karriere. Dass sie immer auch ein Interesse über den Sport hinaus hatte. Deshalb geht sie jetzt auch nach Australien und danach in die USA. Sie hat verstanden, dass der Sport ihr die Chance gibt, viele Erfahrungen zu machen und für die Zeit danach einzusammeln. Gleichzeitig hat sie eine enorme Professionalität entwickelt und schien gerade auf dieses Turnier perfekt vorbereitet. Die Sicherheit, die sie während der gesamten EM ausgestrahlt hat, hat mich sehr beeindruckt.

ZEIT: Und dann hält sie mal eben im Finale zwei Elfmeter.

Kraus: Das ist die Erfüllung des Torhütermädchentraums, die spektakulärste Aktion, die man in einem Spiel haben kann. Überhaupt ist ein 1:0 das schönste Ergebnis für Torhüterinnen und Torhüter.

ZEIT: Sie sprechen aus Erfahrung?

Kraus: Ich habe nie Elfmeter gehalten. Ich habe immer zu viel gedacht in solchen Situationen. Wenn ich überlegt habe, was die Schützin denkt, was ich denke, was sie denkt – dann war der Ball schon drin. In intuitiven Situationen war ich eindeutig besser.