Man muss sich an dieser Stelle noch einmal die Situation der Wissenschaft in Deutschland verdeutlichen. Im Großen und Ganzen geht es ihr gut. Es wird so viel geforscht wie nie zuvor, und immer noch kommen Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Deutschland, um hier zu arbeiten und zu lernen. Die finanzielle Notlage der Hochschulen hat der Wirtschaft jedoch ein Einfallstor in die Wissenschaft eröffnet. Und wer durch dieses Tor marschiert, hat vor allem den eigenen Nutzen im Sinn.

Im Juni 2011 erschien auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eine kleine Hymne – und zwar auf den Kaffee: "Kaffee schmeckt nicht nur gut, er ist auch gesund", teilte das Ministerium mit. Und weiter: "Die Wissenschaft liefert immer mehr Erkenntnisse, dass Substanzen im Naturprodukt Kaffee die Zellen schützen und vielleicht sogar beim Abnehmen helfen."

Zeile um Zeile geht es in diesem Ton weiter, am Ende mutmaßt das Ministerium gar, eine "Kaffeekur" gegen Übergewicht könne vielleicht die Volkskrankheit Diabetes besiegen helfen.

Die Entstehungsgeschichte dieses Beitrags beginnt im Jahr 2006, als sich der Kaffeeröster Tchibo, Wissenschaftler von vier Universitäten, das Bundesforschungsministerium und die Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie zusammentun. Sechs Jahre lang wird die Initiative vom Staat finanziell unterstützt, erst unter dem Stichwort "Coffeeprevention", danach unter dem Motto "Slim Down Coffee".

Im April 2011 veröffentlicht ein Forscherteam der Initiative eine Studie, wonach Kaffee gegen Schäden des menschlichen Erbguts helfen könne. Täglich drei bis vier Tassen des eigens kreierten Testgebräus könnten dazu beitragen, die Gesundheit zu verbessern. Der Leiter des Teams ist Professor Gerhard Eisenbrand von der Technischen Universität Kaiserslautern. Die Studie wird viel zitiert, eben auch auf der Website des Bundesforschungsministeriums. Der Kaffeeröster Tchibo verkündet auf seiner Homepage: Studien beweisen: Kaffee ist gesund. Das habe "solide Kaffeeforschung" ergeben. Dass Tchibo selbst an der Studie beteiligt war, erwähnt das Unternehmen nicht.

Fragwürdige Forschung kann die gesamte Wissenschaft diskreditieren

Eisenbrand hat im Hauptberuf einen Lehrstuhl für Lebensmittelchemie in Kaiserslautern. Er ist offenkundig ein umtriebiger Mann. Nebenher ist er zum Beispiel im wissenschaftlichen Beirat sowohl der industriefinanzierten Organisation International Life Sciences Institute als auch des ebenfalls industriefinanzierten Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde. Außerdem ist er Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesinstituts für Risikobewertung, das zum Verbraucherschutzministerium gehört. Als er 2011 auf diesen Posten berufen wurde, musste Eisenbrand potenzielle Interessenkonflikte offenlegen. Er gab an, unter anderem die Unternehmen Kellogg’s und Tchibo für Geld beraten zu haben.

Im Text der Kaffeestudie allerdings verschwieg Eisenbrand, dass er nicht nur Wissenschaftler ist, sondern auch Berater.

Möglicherweise wird Tchibo eines Tages einen Kaffee in die Läden bringen, der auf dem Testgebräu basiert. In Europa und den USA hat das Unternehmen bereits entsprechende Patente angemeldet. Eisenbrand wird in der Patentanmeldung als einer der Erfinder aufgelistet. Das sei alles nach den "entsprechenden vertraglichen Regelungen zwischen der Firma Tchibo und den beteiligten Universitäten" abgelaufen, schreibt Eisenbrand in einer E-Mail. Wie diese Vereinbarungen lauteten, wollen jedoch weder der Professor noch Tchibo erläutern.

Sollte Tchibo den Kaffee irgendwann auf den Markt bringen, wird Eisenbrand als Erfinder wohl daran mitverdienen. Eine Schwierigkeit scheint er darin nicht zu sehen. Auch nicht darin, dass er als Professor für Lebensmittelchemie mehrere Verbände berät, die von der Lebensmittelindustrie finanziert werden. "Diese wissenschaftliche Beratungstätigkeit gehört für mich (und viele Kollegen) mit zu den Aufgaben eines Hochschullehrers, der natürlich dabei darauf zu achten hat, dass er den Boden der nachprüfbaren Wissenschaft nicht verlässt", schreibt Eisenbrand in einer weiteren E-Mail. Er räumt allerdings ein, dass es besser gewesen wäre, in der Studie seine Beratungstätigkeit für Tchibo offenzulegen.

Nicht nur die Unternehmen profitieren also vom akademischen Kapitalismus, sondern mitunter auch die Wissenschaftler. Ein weiteres Beispiel dafür liefert der Wirtschaftsprofessor Joachim Schwalbach von der Berliner Humboldt-Universität. 2009 erteilte ihm das Deutsche Atomforum, ein Lobbyverband zur Förderung der Kernenergie, den Auftrag, eine Studie zu erstellen, die den Nutzen des Atomstroms für die Gesellschaft darstellen sollte. Als Honorar wurden 135.000 Euro vereinbart, wie die tageszeitung herausfand. Das Geld sollte nicht an die Universität, sondern an die Kommunikationsagentur von Schwalbachs Frau überwiesen werden, einen Einpersonenbetrieb im Privathaus des Ehepaars.

Die Arbeit wurde nie fertiggestellt – offenbar weil ein erster Zwischenbericht zur Studie selbst den Auftraggebern als zu gefällig erschien. In Schwalbachs Text fehlten noch wesentliche Teile der Untersuchung, ihr Ergebnis aber stand schon fest. "Die Gesellschaftsrendite der Kernenergie ist so hoch, dass es zu einer Verlängerung der Restlaufzeiten der Kernkraftwerke keine volkswirtschaftlich zu rechtfertigende Alternative gibt", schrieb Schwalbach, dessen Frau dann vom Atomforum nur einen Teil des vereinbarten Honorars überwiesen bekam.

Schwalbach müsste die Regeln korrekter wissenschaftlicher Arbeit eigentlich kennen. Er hat viel zum Thema Wirtschaftsethik geforscht. Er ist Co-Autor eines Buchs mit dem Titel Der ehrbare Kaufmann. Zu seiner Verteidigung sagte Schwalbach der tageszeitung, nicht er habe von dem Auftrag finanziell profitiert, sondern seine Frau. Der ZEIT gegenüber zieht er sich auf die Position zurück, er habe die Studie "nie geschrieben", womit wohl gemeint ist, dass mehr als der Zwischenbericht nicht entstanden ist. Darüber hinaus schweigt er zu dem Vorgang.