Noch betreffen all diese Fälle nur einen kleinen Teil der Wissenschaft. Umso mehr müssten die Universitäten daran interessiert sein, den Eindruck zu vermeiden, in ihren Instituten werde wertloses Wissen erzeugt. Denn fragwürdige Studien und Forscher, die sich an den Bedürfnissen des Marktes ausrichten, haben die Macht, den ganzen Wissenschaftsbetrieb in Misskredit zu bringen.

Auf diese Gefahr versucht Philipp Mimkes die Universität Köln hinzuweisen, seit Jahren schon.

Im März 2008 gab die Uni Köln eine Kooperation mit dem Chemiekonzern Bayer bekannt. Für gemeinsame klinische Studien in der Herz- und der Krebsforschung überweist der Konzern seitdem jährlich eine sechsstellige Summe an die Universität, der damalige nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) sprach von einer Partnerschaft, die "beide Seiten stärkt".

Philipp Mimkes, 46, ist Physiker und arbeitet hauptberuflich für den Verein "Coordination gegen Bayer-Gefahren". Er wollte von der Uni Köln wissen, welche Regelung es für die Veröffentlichung von Testergebnissen gibt. Hat Bayer die Macht, negative Ergebnisse zu unterdrücken? Damit würde der Konzern zwar keine Studie fälschen, wohl aber durch Weglassen das öffentliche Wissen über die Wirkungen eines Medikaments verfälschen.

Mimkes stellte die Machtfrage: Wer bestimmt über die Ergebnisse der Forschung? Die Forschung oder die Wirtschaft?

Forscher ohne Kontakte in die Wirtschaft haben es heute schwer

Die Universität schwieg. Mimkes veröffentlichte ein Protestschreiben, der Deutsche Hochschulverband forderte die Kölner Universität auf, Einblick in den Vertrag zu geben, auch der nordrhein-westfälische Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit empfahl, die Vereinbarung offenzulegen. Die Universität schwieg weiter. Es war, als habe sie die Machtfrage für sich längst beantwortet.

Mimkes zog vor Gericht. "Eine aus Steuergeldern finanzierte Institution muss öffentlicher Kontrolle unterliegen", sagt er, "zumal in einem so sensiblen Bereich wie der Pharmaforschung."

Im Dezember 2012 schlug sich das Verwaltungsgericht Köln jedoch auf die Seite der Universität. Die Wissenschaft sei frei, auch in der Frage, mit wem sie kooperiere, daher unterliege sie in diesem Fall nicht der Pflicht zur Offenlegung des Vertrags.

Mimkes hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die Entscheidung steht noch aus.

Folgt man der Argumentation des Kölner Gerichts, genießt die Wissenschaft also die Freiheit, sich selbst ihrer Unabhängigkeit zu berauben. Die Frage ist nur: Wer schützt dann noch die Gesellschaft vor den Ergebnissen dieser neuen Art von Wissenschaft?

Vor wenigen Wochen verlangte die Piratenpartei von der nordrhein-westfälischen Landesregierung Auskunft darüber, wie diese die Wissenschaftsfreiheit bei Kooperationen mit der Wirtschaft sicherstellt. Die Landesregierung verwies lapidar auf das Hochschulgesetz, das die Selbstverwaltung der Hochschulen garantiert.

Außerdem wollten die Piraten wissen, welche Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen seit 2006 geschlossen wurden, deren Vertragsinhalte nicht öffentlich zugänglich sind. Darauf antwortete die Regierung: "Es besteht keine Pflicht der Hochschulen, das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen über Kooperationsbedingungen zu informieren."

Kooperation, das ist eines dieser Wörter aus Sonntagsreden. Es klingt nach Gemeinsamkeit und Anstrengung, nach Partnerschaft. Es verdeckt die Tatsache, dass der eine Partner mächtiger ist als der andere. Nämlich derjenige, der das Geld hat.

Wer als Wissenschaftler heute keine Kontakte zu Unternehmen hat, wer keine Kooperationen organisieren kann, hat es häufig schwer, im Wissenschaftsbetrieb Fuß zu fassen. Wie verhält man sich da als Professor, dem seine Studenten am Herzen liegen?

Ungefähr zu der Zeit, als jener amerikanische Anwalt bei dem deutschen Wissenschaftler anfragt, ob er ein Rechtsgutachten für Google erstellen könne, kontaktiert ein Google-Mitarbeiter auch einen französischen Jura-Professor. Man baue gerade ein Netzwerk aus führenden Wissenschaftlern und Urheberrechtsexperten in Europa auf, und man würde sich freuen, wenn er, der Franzose, dazugehörte.

Der französische Professor lehnt das Angebot ab. Aber Google gibt nicht auf. Der Konzern fragt immer wieder an, nach etwa einem Jahr willigt der Franzose ein. Für 50.000 Euro erstellt er gemeinsam mit drei Studenten eine Studie zu dem Buchprojekt von Google. Allerdings unter der Bedingung, dass Google keine inhaltliche Richtung vorgibt und dass in der Studie erwähnt wird, dass sie von Google finanziert wurde.

Heute, drei Jahre später, kann der französische Forscher nicht sagen, ob Google mit der Studie zufrieden war. Der Konzern hat die Untersuchung nicht kommentiert. Seines Wissens aber wurde sie nirgendwo veröffentlicht.

Warum hat er die Studie erstellt und das Geld kassiert? "Nicht für mich", sagt der Franzose, der ebenfalls seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will, gegenüber der ZEIT. "Ich bin über 60, aber für meine Studenten ist der Kontakt zu Unternehmen wie Google wichtig. Der Staat zieht sich immer stärker aus der Wissenschaftsfinanzierung raus. Damit die Studenten später ein Auskommen haben, sind sie auf Kontakte zu Unternehmen wie Google angewiesen."

Waren Wissenschaftler nicht früher einmal diese leicht vergeistigten Menschen in ungebügelten Hemden, die sich nur für ihre Bücher, ihre Labore, ihre Experimente interessierten?

Natürlich war das ein Klischee, ihm zugrunde lag jedoch die Vorstellung von Wissenschaftlern als Menschen, die sich um nichts scherten als um ihre eigenen klugen Gedanken. Und die das auch durften. Irgendwann verschwanden die Falten aus den Hemden, dafür hingen plötzlich Kunstwerke in den Universitätsinstituten und Firmenlogos vor den Hörsälen. Heute beschädigt eine neue Art von Forschern die gesamte Wissenschaft – und diese Forscher müssen nicht einmal mit Konsequenzen rechnen.

Professor Schwalbach, der Wirtschaftswissenschaftler, der so bereitwillig der Atomenergie huldigte, wurde von der Humboldt-Universität zum Gespräch gebeten, mehr nicht. Schwalbach lehrt weiter, und die Universität gibt zu dem Vorgang keine Auskunft mehr. Sie begründet das damit, dass "kein öffentliches Interesse an einer Berichterstattung" erkennbar sei.

Vor rund drei Jahren gab die Europäische Kommission eine Meinungsumfrage in Auftrag. Die Bürger sollten sich zu der Frage äußern, ob sie den Ergebnissen der Wissenschaft Glauben schenken. Das Fazit: "Die Europäer gehen mit großer Entschiedenheit davon aus, dass man nicht darauf vertrauen kann, dass Wissenschaftler bei kontroversen wissenschaftlichen und technischen Problemen die Wahrheit sagen, weil sie zunehmend von den Fördermitteln der Industrie abhängig sind."

Das öffentliche Bild von der unabhängigen Wissenschaft hat Kratzer bekommen. Oder schenken die Universitäten dieser Umfrage etwa keinen Glauben?