Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich muss allmählich anfangen, mich auf die Wahl vorzubereiten. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Meine Großeltern haben immer SPD gewählt. Mein Vater hat, glaube ich, immer das gewählt, was bei den Frauen gut ankam. Meine Mutter hat immer den Kanzlerkandidaten gewählt, der am besten aussah, für die CDU war das ungünstig. Diesmal stehen unter anderem die regierende Opportunistenpartei, die mit ihr verbündete Herzlosenpartei, die ökologisch orientierte Verbieterpartei, die sozial engagierte Antireichenpartei, die Piratenpartei und die traditionsreiche Pannenpartei zur Auswahl.

Jeder Partei kann ich emotional etwas abgewinnen. Ich bin zum Beispiel auch manchmal opportunistisch. Wenn man es zu etwas bringen will, braucht man ein gewisses Maß an Opportunismus. Menschen möchten gefallen, so ist das nun mal. Die Opportunistenpartei wird immer das tun, was gerade in den Umfragen vorne liegt. Das ist demokratisch. Auf der anderen Seite weiß man natürlich überhaupt nicht, was kommt, wenn die Opportunisten regieren. Die Herzlosen sind da berechenbarer. Herzlosigkeit klingt erst mal unsympathisch, aber wenn in der U-Bahn der dritte Musiker mit seinem Hut herumgeht, finde ich ein gewisses Maß an Herzlosigkeit eigentlich ganz vernünftig. Die Herzlosenpartei ist außerdem ziemlich klein, eine Totalherrschaft der Herzlosigkeit ist also nicht zu befürchten, höchstens eine Prise Herzlosigkeit. Herzlosigkeit ist das Salz in der Suppe des Opportunismus.

Verbote finde ich meistens schlecht, vor allem, wenn Sachen verboten werden, die zufällig ich gern tue. Wenn Sachen verboten werden, die andere Leute gerne tun, sehe ich es lockerer. Wenn die Verbieterpartei alles verbietet, wird zweifellos eine Blüte der Kunst und des Kabaretts die Folge sein. Wenn eine Sache erst mal verboten ist, macht diese Sache außerdem umso mehr Spaß. Jedes Mal, wenn ich eine alte, inzwischen verbotene Glühbirne bei meinem Dealer besorgt habe und die Birne in die Fassung schraube, ist das ein geiles Gefühl. Wissen Sie, wie man die Geburtenzahlen am einfachsten erhöhen kann? Man muss einfach nur den Sex verbieten.

Zur Antireichenpartei nur so viel: Armut sehe ich positiv, solange die Autoren nicht davon betroffen sind. Vom Egoismus, dieser alten Menschheitsgeißel, komme ich irgendwie nicht los. Ausschließen kann ich die Piratenpartei, weil es dort andauernd Pannen, Missverständnisse und Personalstreitigkeiten gibt, dies aber ist die Kernkompetenz der Pannenpartei, und Deutschland braucht nicht zwei Pannenparteien. Weil auch mir ständig Pannen unterlaufen, steht mir emotional die Pannenpartei am nächsten.

Viele sagen, dass es nach der Wahl eine Koalition der Opportunisten mit der Pannenpartei geben wird, weil es für eine Koalition der Opportunisten mit den Herzlosen nicht reicht, erst recht nicht für die Kombination aus Pannenpartei und Verbietern. Die Opportunistenpartei hat ja seit Jahren alle populären oder vernünftigen Ideen der Pannenpartei übernommen. Wenn aber die Opportunisten mit denen koalieren, würde dies bedeuten, dass, wegen der unglaublichen Pannenfrequenz bei der Pannenpartei, keine einzige dieser Ideen mehr umgesetzt wird. Ist es da nicht vielleicht besser, die Pannenpartei regiert mit den Verbietern? Dies würde bedeuten, dass jeder Versuch, etwas zu verbieten, in einem Dickicht aus Personalstreitigkeiten und Missverständnissen scheitert. Wer nicht will, dass alles verboten wird, müsste demnach die Verbieter wählen. Ich bin noch unentschlossen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels

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