Ist das ein Tanz? Oder eine Geste des Stolzes? Nicht nur die Haltung, auch die prachtvolle Robe der älteren Dame gibt Rätsel auf. Mit ihren Volants und Raffungen wirkt sie wie aus der Zeit gefallen. Und tatsächlich entstammt der Schnitt des Kleides dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Damals hatten rheinische Missionare in Deutsch-Südwestafrika den dort lebenden Herero eine Art viktorianischer Garderobe verordnet. Das zuvor eher spärlich bekleidete Hirtenvolk fügte sich dem neuen Dresscode – und veränderte ihn zugleich: durch bunt bedruckte Stoffe und eigens entwickelte Accessoires, darunter Kopfbedeckungen, die Rinderhörnern nachempfunden sind. So verwandelte es die Demütigung in einen Triumph. Bis heute tragen die überwiegend in Namibia lebenden Herero diese historischen Kleider zu festlichen Anlässen.

Während die Kolonialherren 1904 den Herero-Aufstand grausam niederschlugen (von 80.000 Herero überlebten nur 15.000), begannen die Krieger des afrikanischen Volkes außerdem die militärische Tracht der Feinde zu übernehmen. Zunächst ganz direkt, indem sie sich die Uniformen getöteter Deutscher überstreiften – als Zeichen der eigenen Tapferkeit. Bei heutigen Gedenkveranstaltungen ehren die Herero ihre Vorfahren in militärischen Gewändern, die an die Kleidung der deutschen Soldaten angelehnt, aber wiederum mit selbst entworfenen Details verfremdet sind.

Bereits in den neunziger Jahren war der Londoner Fotograf Jim Naughten von diesem einzigartigen Brauch der Herero fasziniert. 15 Jahre später kehrte er mit seiner Kamera nach Namibia zurück, reiste vier Monate lang durchs Land und fotografierte auf Hochzeiten, Beerdigungen und anderen Festen: Naughtens Bilder zeigen farbenfroh gekleidete Ladys, Dandys in eleganten Anzügen und junge Männer in Fantasieuniformen. Die Künstlichkeit dieser rituellen Inszenierungen wird technisch noch verstärkt: Den gleißend hellen Wüstenhintergrund hat Naughten seinen Bildern teilweise erst nachträglich hinzugefügt. So umhüllt er seine Porträts mit einer beinahe surrealen Aura.