An einem Sommerabend im Dresdner Kino Schauburg, Sergio-Leone-Saal. Roter Teppich, roter Vorhang und davor eine Frau mit rotem Schopf. Es läuft eine Podiumsdiskussion: "Zukunft des Wohnens – Grundrecht oder Luxus?" Ein Heimspiel für Katja Kipping. Sie sitzt da, eingerahmt von zwei älteren Herren, Vermietervertreter und Wohnungsgenossenschaftler, und spricht von "sinkenden Realeinkommen", von "Reichen, die reicher werden" und "Mietexplosion in Ballungsräumen". Schnell aber geht es auch um die Linke, um den Zustand der Partei, um Lafontaine und Gysi und Koalitionsoptionen nach der Wahl. Das Publikum will Antworten von "Katja". Denn die ist seit gut einem Jahr eine von zwei Vorsitzenden der Linken. Gewählt im dramatischen Finale eines Kampfes zweier unversöhnlicher Lager – um der Ex-PDS endlich innere Einheit zu bescheren.

Kipping ist 35 Jahre alt und die jüngste Chefin, die diese Partei je hatte. Zugleich ist sie die erste ostdeutsche Linken-Vorsitzende, die die DDR kaum selbst erlebt hat, die FDJ und SED nur aus Erzählungen kennt. Als die PDS aus der SED hervorging, war Katja Kipping ein Mädchen in Dresden.

Heute ist sie keine Frau der alten Grabenkämpfe. Sie verkörpert eine neue, andere Linkspartei ohne Ost-Mief oder West-Sektierertum. Sie gilt als flexibel, wenig dogmatisch. In der vormals hoffnungslos zerstrittenen Partei ist seit ihrem Amtsantritt erstaunliche Ruhe eingekehrt. Sie gilt als eine Art Geheimwaffe; "Jeanne d’Arc der Linken", schrieb der Spiegel: "Bondgirl der Linkspartei" hat Bild sie genannt. Kipping gehört keinem Block innerhalb der Linken an, baut nicht einmal auf eine eigene Hausmacht. Sie hätte ohne Weiteres auch Karriere bei den Grünen machen können. Und doch war es kein Zufall, dass sie Chefin der Linken wurde.

Wer wissen will, was Katja Kipping bis an die Spitze ihrer Partei gebracht hat, der sollte sich in Dresden umsehen. Hier ist sie zur Schule gegangen, hier hat sie studiert, sich zum ersten Mal verliebt und die politische Bühne betreten. Hier hat sie, bis heute, ein Zimmer in ihrer einstigen Studenten-WG. Hier ist das Milieu, in dem ihr Aufstieg begann.

Ein Treffen mit Katja Kipping am Dresdner Hauptbahnhof. Nicht weit von hier, am Postplatz, ist sie aufgewachsen: "Dresden grüßt seine Gäste" prangt dort in großen Lettern auf einem der Hochhäuser ihrer Kindheit. Sie werden gerade saniert; hier entstehen Luxusappartements. Ausgerechnet.

Ihre Eltern, sagt Kipping, hätten sie nie in eine politische Richtung gedrängt. "Aber sie haben mir immer vorgelebt, dass man den Mund aufmacht und Dinge selber organisiert." Damals, kurz vor der Wende, arbeitet ihr Vater bei Robotron, einem Kombinat, das Computer baut. Die Mutter ist Musiklehrerin. Der Vater stellt jährlich zum Kindertag am 1. Juni ein Fest für die Kinder aus dem Haus auf die Beine. Katja organisiert in der Schule Solidaritätsbasare für Nicaragua. 1988 kommt sie in die vierte Klasse, wird Thälmannpionier, trägt das rote Halstuch. Im Jahr darauf, Kipping ist noch nicht ganz zwölf Jahre alt, fällt die Mauer.

Mit ihrer Mathe-Lehrerin, die weiter auf dem Pioniergruß besteht, streitet sie, ob das denn jetzt noch sein müsse: "Seid bereit – immer bereit?"

Aber das sei eher antiautoritärer Impuls als politische Haltung gewesen, sagt Kipping heute. "Mich hat damals der erste Kuss wohl genauso umgetrieben wie der politische Wandel." Sie sei sich heute nicht mehr sicher, ob Pubertät oder Politik wichtiger waren. Dass sich nicht nur ihr Körper veränderte, sondern auch die Gesellschaft: Das habe diese Zeit jedenfalls doppelt spannend gemacht.

Das wilde Jahr 1990: Mit Schulfreunden geht sie ins Ökumenische Zentrum an der Kreuzkirche, wo die Parteien ihre Büros für die Volkskammerwahl am 18. März eingerichtet haben. Kipping nimmt Flyer von der PDS mit, ihre Freunde greifen zu denen der CDU. Dann ziehen alle gemeinsam los, um Briefkästen zu befüllen. "Das war ein guter Kompromiss", erinnert sich Kipping. "Man konnte politisch was tun und nebenbei schäkern." Warum PDS-Prospekte? Sie weiß es nicht mehr. Sie sagt, sie habe auch bis heute keine politischen Vorbilder. Respekt habe sie vor Ursula von der Leyen, weil die so standhaft sei. Eine CDU-Ministerin.

Der kurze Flirt mit der Politik des Jahres 1990 endet nach der Volkskammerwahl. Kipping hat anderes zu tun, hilft nach der Schule im Getränkestützpunkt, den die Eltern im Keller eines Gründerzeithauses eingerichtet haben. Die Villa hinter dem Hauptbahnhof gehörte Kippings Urgroßvater – bis zur Enteignung in der DDR. Nun bekommt die Familie das Haus zurück; Vater und Onkel bauen es zum Hotel aus. Jeden zweiten Sonntag arbeitet Tochter Katja als Zimmermädchen mit.

"Ich wollte nicht nur Widerstand, sondern auch konkrete Ergebnisse"

Dann aber, mit 15 Jahren, entwickelt sie eine ausgeprägte Rot-Grün-Schwäche: Montags nach der Schule geht sie zur Grünen Liga, einer ökologischen Bewegung; donnerstags zum Roten Baum, einem PDS-nahen Jugendclub. Hier, bei der Grünen Liga, gründet sie die Umweltgruppe "Platsch", erklärt Schulkindern mit Handpuppen den Wasserkreislauf, protestiert gegen die Bebauung der Elbwiesen und den Bau der Autobahn 17. Dort, beim Roten Baum, leitet sie Foto- und Töpferkurse, engagiert sich gegen Neonazis und die Räumung besetzter Häuser. Sie erfährt auch, wo am Wochenende etwas los ist. Aber all das sei für sie nicht politische Aktivität gewesen, sondern sinnvolle Freizeitbeschäftigung.

"Katja kam hier mit ein paar Mädels an und suchte sich sofort Aufgaben", sagt Tilo Kießling, damals Chef des Roten Baums. "Zu uns kamen ja junge Leute mit dem Impuls, die Welt besser zu machen – egal, ob sie Robben retten oder alten Leuten helfen wollten." Die Frau, die heute die Linkspartei führt, rutschte in die Politik, weil sie einen Ort suchte, an dem sie sich ausleben kann. Sie strandete damals nicht auf der Suche nach einer politischen Heimat beim Roten Baum, sondern auf der Suche nach einem Platz, an dem sich ihr unbändiger Tatendrang würde entladen können. "Katja", sagt Kießling, "war lange unentschieden zwischen Grünen und Linken." Sie selbst sagt heute: "Ich wollte möglichst viele Leben auf einmal führen. Schule, Umweltschutz und Kunst gehörten für mich zu einem guten und erfüllten Leben dazu." Parteipolitik aber sei damals keine Option für sie gewesen.

Nach dem Abitur will sie Fotografin werden, bekommt den Ausbildungsplatz nicht und geht stattdessen mit der Initiative Christen für Europa für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Russland. Sie kann kaum Russisch, ihre Chefs sind italienische Mönche, ihr Arbeitsplatz ist das Wohnheim einer Berufsschule, ihre beste Freundin eine Amerikanerin.

Nach der Rückkehr will sie in Dresden Jura studieren, schreibt sich dann aber doch im Hauptfach für Slawistik und Amerikanistik ein. "Ich dachte damals: Jura verdirbt den Charakter", sagt Kipping. Heute würde sie anders entscheiden – "weil mehr kritische Juristen gebraucht werden".

Gleich in ihrem ersten Semester gehen Studenten für bessere Studienbedingungen auf die Straße. Kipping ist elektrisiert. Sie schließt sich dem studentischen Protestbüro an, organisiert eine Demo mit, zu der 10000 Leute kommen, spricht auf der Vollversammlung. Und ist konsterniert, als mit den Weihnachtsferien der Protest vorbei ist. Ja sie platzt schier vor Ärger, als ihr eine Kommilitonin im Seminar sagt: "Von euch hört man ja gar nix mehr." Kipping, bis heute sauer: "Protest ist doch keine Serviceleistung!" Von dem Moment an suchte sie "etwas Beständigeres" für ihren Widerstandsdrang.

Die Entscheidung aber trifft sie nicht allein; sie ruft bei Tilo Kießling und Falk Neubert an – damals jugendpolitischer Sprecher der PDS, auch ihn kennt sie vom Roten Baum. "Man merkte, dass sie Lust auf Politik hatte und nur noch den Rahmen suchte, in dem sie das machen kann", sagt Neubert, der kaum älter ist als Kipping. "Sie hat uns getestet", sagt Kießling. Kipping fährt mit zu Landesjugendtreffen, trampt zum Bundesparteitag nach Rostock, spricht sogar zu einem Antrag. Dort entscheidet sie sich, in die PDS einzutreten. Bei den Grünen ruft sie nicht an.

"Kulturell war ich damals wohl bei Grünen und Linken zu Hause", sagt Kipping. "Aber ich wollte nicht nur Widerstand, sondern auch konkrete Ergebnisse." Die PDS hält sie in den neunziger Jahren für schlagkräftiger; als mitgliederstärkste Partei in Sachsen, die auch in der Opposition Wirkung entfalten kann. Außerdem traut sie den Grünen Joschka Fischers beim Thema Krieg und Frieden nicht über den Weg: "Pazifismus", sagt Ghandi-Verehrerin Kipping, "das war was für mich." 1998: Kipping ist 20 Jahre alt und endlich in der Partei, in der sie ihren enormen Lebens- und Tatendrang am besten ausleben zu können hofft. In der sie hofft, wahrgenommen zu werden. Sie hat erkannt, dass Politik auch Karrierechancen bietet.

Und sie fällt auf, mit ihrem breiten Tuch im roten Haar und den langen Gewändern. Als die Partei zur Kommunal- und Landtagswahl 1999 junge Leute aufstellt, ist sie dabei. "Ihr Fokus war ganz klar, in den Stadtrat zu kommen", sagt Falk Neubert. Das schafft sie, und als die PDS im Herbst unerwartet 22 Prozent holt, sitzt Kipping plötzlich auch im Landtag. Da ist sie 21, die jüngste Abgeordnete. "Katja, das Landtagsküken", schreibt die Lokalpresse, der Kipping anfangs Einblicke in ihre Viererwohngemeinschaft in Pieschen gewährt – einem Stadtteil, der nicht hip ist. Das Zimmer hat sie auch als Parteichefin behalten, denn dies ist der Ort, an dem sie sich wohlfühlt: "Wenn ich die Wahl hätte, wäre Dresden mein Lebensmittelpunkt", sagt Kipping. "Selbst mein Mann findet es hier schöner als in Berlin." Er ist gebürtiger Hesse, mit ihm hat sie inzwischen eine Tochter. Die Familie lebt in Berlin.

Freunde beschreiben Kipping als eine sehr bewusst und konsequent lebende Person. Sie kauft nichts Überflüssiges, füllt leere Wasserflaschen am Hahn wieder auf – weil sie Ressourcen schonen will. Sie legt Wert auf Ökoprodukte, Auto fährt sie nur im Notfall. Und sie ist forsch: "Ihr machte es nichts aus, in einem übervollen Hörsaal den Professor zu unterbrechen, weil sie etwas nicht verstanden hatte", berichtet ein Kommilitone.

"Sie profilierte sich jenseits eingefahrener Bahnen"

Im Stadtrat stellt sie mit der jungen Truppe gleich auf der ersten Fraktionssitzung Anträge: Sie will Wickeltische in öffentlichen Gebäuden, mehr Papierkörbe an der Elbe, einen Baum für jedes Neugeborene pflanzen. Im Landtag wählt sie sich als Thema die Verkehrspolitik; Domäne grauhaariger Männer. Die lässt sie in Debatten ähnlich auflaufen wie Jahre später SPD-Schwergewicht Wolfgang Thierse bei Sabine Christiansen. In der Talkshow geht es um die SPD-Abspaltung WASG, mit der die PDS später fusionieren sollte; Thierse brabbelt von Vorgestrigen der SED, die sich mit ein paar Verirrten zusammengetan hätten. Kipping entgegnet, die Tricks aus der Mottenkiste des Neoliberalismus, die er propagiere, seien auch nicht gerade taufrisch. Nach dieser Sendung, erzählt man sich in der Partei, wird sie sogar von Gregor Gysi ernst genommen.

Als verkehrspolitische Sprecherin ihrer Landtagsfraktion sucht sie sich anschauliche Themen. Sie kämpft für die "Rollende Landstraße", die Lkw per Bahn durchs Elbtal bringen soll; an ihrem Fahrradkorb hängt ein Schild: "Mobiles Abgeordnetenbüro Katja Kipping".

"Sie profilierte sich jenseits eingefahrener Bahnen", sagt Peter Porsch. Der damalige Fraktionschef in Sachsen reagiert regelrecht verzückt, wenn er nach Kipping gefragt wird. Er erinnert sich an Lieder, Tanz und Kabarett in der Partei. "Mit Katja", sagt Porsch, "kam erstmals frischer Wind, der nicht von FDJ, Nostalgie, Enttäuschung und Frust geprägt war." Porsch, in Wien geboren und Anfang der siebziger Jahre in die DDR gegangen, fühlt sich an seine 68er-Zeit erinnert: Weg mit dem alten Muff! Die PDS, das war Ende der neunziger Jahre auch eine Art Selbsthilfeverein der Übriggebliebenen, die teils der DDR, teils den verpassten Möglichkeiten hinterhertrauerten. Kipping ist das Kontrastprogramm. Als Jungabgeordnete gründen sie und andere in der Fraktion den Arbeitskreis Jugend und Zukunft, setzen sich Hüte und Perücken auf, frühstücken gemeinsam im Parlament, sehen sich Big Brother-Folgen an. Nach den Fraktionssitzungen gehen sie tanzen.

Kipping und Falk Neubert, nach ihr zweitjüngstes Parlamentsmitglied, fordern öffentliche Ausschusssitzungen, kurze, freie Reden, bunte Kleidung auch für Männer ("No-Pinguin-Passus") und eine zufällige Sitzordnung, um den Fraktionszwang optisch aufzulösen. "Wir stellen fest", erklären sie vor der Presse, "so, wie der Landtag zurzeit ist, kann er de facto auch abgeschafft werden, ohne dass sich viel im Lande verändert." So viel Forschheit stößt auf Widerstand – vor allem in den eigenen Reihen. "Spaßanträge" und "formale Mätzchen" nennt Ronald Weckesser diese Initiativen. "Wir sind doch nicht gewählt worden, um Kaspertheater zu machen." Weckesser, der einst bei Robotron mit Kippings Vater zusammengearbeitet hat, ist um die Jahrtausendwende einer der profiliertesten PDS-Politiker. Der Ingenieur zählt zum Reformerflügel, ist Pragmatiker, Chef des Haushaltsausschusses im Landtag. Weckesser will irgendwann regieren. Verbohrte Ex-SEDler findet er dabei genauso hinderlich wie tanzende Teenies. Als Fraktionschef im Stadtrat sorgt er zum Beispiel mit dafür, dass Kippings Forderungen nach Bäumen und Papierkörben nicht durchgehen. "Nette Anträge", sagt er. "Aber sekundär."

Er sagt heute: "Die Fraktion sah sich vorgeführt." Die Jungen machen Spaß, und wir kümmern uns ums Geld – das war die Stimmung.

Katja Kipping sagt: "Da haben Leute ihre Macht bedroht gesehen." Und: "Ja, es war immer unser Ziel, den Laden aufzumischen." Schnell machte das Wort "Jugendbrigade" die Runde; die jungen Leute hätten nur ihre Karriere im Sinn. "Ein Kampfbegriff", findet Kipping. Sie wird damals zum Kopf der Bande erklärt, der sie nicht ist, und sie zeigt Nerven. Über die Zeitung wirft sie einzelnen Genossen ein gespaltenes Verhältnis zur Partei vor. Sie weiß nicht, wie sie sich gegen die Angriffe wehren soll. "Ich kann nichts dagegen machen, dass ich jung bin, außer darauf zu warten, älter zu werden."

Weckesser, inzwischen Politrentner und kein Linken-Mitglied mehr, verfolgt Kippings Karriere aus der Ferne. "Ich halte Katja nach wie vor für talentiert, und ich wäre nicht unglücklich, wenn ich stolz drauf sein könnte", sagt er. Doch er wirft ihr vor, gar nicht regieren zu wollen und die Politik lediglich als Bühne zu nutzen. Ihr Lieblingsthema etwa, das bedingungslose Grundeinkommen, hält er für eine Schnapsidee. Jedenfalls ist diese Idee nicht typisch für ostdeutsche Linkspolitiker. Sieht sich Kipping überhaupt als ostdeutsche Politikerin? Freilich gebe es Dinge, die sie im Osten geprägt hätten, sagt Kipping. Der plötzliche Umbruch einer Gesellschaft. Die Zuversicht, dass es immer irgendwie weitergeht, auch mit ihrer Partei, die am Boden lag, als sie 2002 aus dem Bundestag geflogen war.

Dass Kipping 2003, in dieser größten Krise der Partei, Vizechefin wurde, hat auch mit Zufall zu tun. Sie war da 25, noch mitten im Studium. Aber sie erkannte sehr schnell ihre Chance. Ruhig sein kann sie noch immer nicht. Selbst heute, als junge Mutter und Parteichefin, sagt sie: "Der politische Alltag fordert mich intellektuell nicht immer." Sie hat deshalb ein linkes Magazin gegründet, Prager Frühling.

Außerdem geht sie immer noch tanzen. Am Tag, als sie ihre Magisterarbeit abgab, trat sie in Dresden einem Verein bei: Disco, Freestyle, Jazz; gerade probt die Gruppe fürs Musical Moulin Rouge . Sie liebe Formationstanz, sagt sie. Schnell und sportlich. Paartanz liege ihr nicht so.