Als Alma zum ersten Mal allein mit ihren Freunden spielt, ist sie noch nicht einmal ein Jahr alt. Mit vier anderen Kindern im Krabbelalter kriecht sie in einer Kölner Wohnung herum. Die Tagesmutter, eigentlich angestellt, um die Kleinen zu betreuen, hat sich mit dem Fahrrad auf den Weg zum Supermarkt gemacht.

"Die Frau war sympathisch, aber überfordert", sagt Almas Mutter. "Wir hätten das früher merken müssen." Oft seien die Kinder hungrig oder durstig gewesen, wenn sie abgeholt wurden. Immer wieder hatten sie einen wunden Po. Als die Eltern die Tagesmutter zur Rede stellen, bricht sie in Tränen aus. Weitermachen darf sie trotzdem. Die Kölner Stadtverwaltung zwingt sie nur, die Zahl der betreuten Kinder von fünf auf drei zu reduzieren.

So groß ist der Druck in deutschen Großstädten, Betreuungsplätze für Kleinkinder anzubieten, dass der Staat dafür zur Not unvertretbare Zustände hinnimmt. Von diesem Donnerstag an müssen die Städte und Gemeinden für alle Kinder, die das erste Lebensjahr vollendet haben, Betreuung anbieten. Ohne Kindertagespflege funktioniert das nicht – ohne Männer und vor allem Frauen also, die sich im Auftrag der Kommune zu Hause oder in angemieteten Räumen um bis zu fünf Kinder kümmern. Allein in Nordrhein-Westfalen sollen sie ein Drittel des Betreuungsbedarfs abdecken, bundesweit sind es etwa 15 Prozent.

"Die Tagesmütter haben uns gerettet", erklärte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, vergangene Woche auf die Frage, warum die meisten Kommunen im Land wider Erwarten nun doch in der Lage sind, den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz zu erfüllen. Tagesmutterstellen können schneller geschaffen werden als Kitaplätze, die Kommunen schätzen Tagesmütter aber auch, weil sie billig sind: Ein Kitaplatz kostet im Jahr etwa 36.000 Euro an Gehalt und Betriebskosten, eine Tagesmutter dagegen nur 7500 bis 8000 Euro.

Doch ausgerechnet diese Retterinnen der Stunde sind die großen Verlierer der Familienpolitik. Tagesmütter sind fast immer unterbezahlt, oft überfordert, meist schlecht abgesichert und noch häufiger schlecht qualifiziert, zumindest wenn man formale Kriterien anlegt. Dabei übernehmen Tagesmütter viel Verantwortung – sie begleiten kleine Kinder bei ihren ersten Schritten und bei ihren ersten Worten, sie üben mit ihnen die Namen von Farben und Tieren und versuchen ihnen beizubringen, wie man sich mit Gleichaltrigen verträgt. All das geschieht im Auftrag und nach Vorgaben des Staates. Aber gleichzeitig kümmert sich dieser Staat kaum darum, wie diese Frauen ihr Einkommen erzielen. Dabei ist es fast unmöglich, allein durch die Arbeit als Tagesmutter eine Rente über Sozialhilfeniveau zu erwirtschaften. Und es gibt heute schon viele Tagesmütter, die ihr Einkommen aus der Kinderbetreuung mit staatlichen Transfers kombinieren müssen, um über die Runden zu kommen.

Auch die Art und Weise, wie Tagesmütter ihrer Arbeit nachgehen, ist kein Thema der Familienpolitik. Während Vertreter aller Parteien gern und häufig darüber diskutieren, wie gut die Betreuung in Deutschlands Kitas ist, ob die Zahl der Erzieher pro Kindergruppe ausreichend ist, ob sie hinreichend qualifiziert sind und ob die vielen neuen Gebäude ihren Zweck erfüllen, schaut man bei Tagesmüttern weniger genau hin. Dabei genügen Tagesmütter diesen Ansprüchen fast nie.

Nur etwa die Hälfte von ihnen hat überhaupt eine pädagogische Ausbildung, in den allermeisten Fällen handelt es sich dabei um einen 160-Stunden-Kurs. Das entspricht einer Ausbildungszeit von etwa einem Monat. Gemessen an der vierjährigen Erzieherausbildung ist das nichts.

Dies ist die dunkle Seite der deutschen Familienpolitik. Die Kehrseite des politischen Versprechens, überall im Land schon von diesem Jahr an Betreuungsplätze für Kleinkinder anzubieten.

Wer eine Tagesmutter wie Petra B. aus Nürnberg besucht, spürt den Unterschied zu den Kitastandards schon, bevor man die Wohnung betritt. Zur Fünfzimmerwohnung in der Nürnberger Südstadt, in der die Tagesmutter mit ihrer Familie seit mehr als zwanzig Jahren lebt, führen 72 Stufen. In den meisten Bundesländern wäre das für Kitas nicht erlaubt, sie dürfen Kleinkinder wegen der Brandgefahr oft nur im Erdgeschoss unterbringen. Gerade erst konnte in Köln deswegen eine Betreuungseinrichtung in einer denkmalgeschützten Villa nicht genutzt werden.

Bei Petra B. stehen im Wohnzimmer schwere Couchmöbel auf einem leicht gewellten Teppichboden, viel Platz zum Toben ist hier nicht. Das eigentliche Spielzimmer für die Kinder gehört am Nachmittag und Abend dem erwachsenen Sohn. Dort krabbeln die Kleinen neben seinem Computer und seinem Fernseher. Den Mittagschlaf halten sie im Schlafzimmer der Eltern.

Ein Problem? Petra B. ist eine erfolgreiche Tagesmutter, sie gilt als warmherzig und aufmerksam, ihre Plätze sind begehrt. Aber umfangreiche Schulungen musste sie nie absolvieren, nur kleine Fortbildungen. Als sie vor zwanzig Jahren Tagesmutter wurde, gab es die Pflicht dazu noch nicht.

Müssen Eltern auch solche Plätze akzeptieren? Mitte Juli klagten Eltern gegen die Stadt Köln, weil sie auf einem Kitaplatz statt einer Tagesmutter bestanden. Das Verwaltungsgericht gab ihnen recht, nun warten alle auf die nächste Instanz.

Schon aus wirtschaftlichen Gründen habe das klassische Tagesmuttermodell wenig Zukunft, sagt Viola Vöge, die fünfzehn Jahre selbst zu Hause fremde Kinder zusammen mit den eigenen betreut hat: "Das ist in Ordnung für Frauen mit einem gut verdienenden Ehemann, die eigene Kinder betreuen und damit zufrieden sind, die Haushaltskasse ein bisschen aufzubessern." Wenn eine Tagesmutter mit fünf Vollzeitplätzen ausgelastet sei, reiche das so eben zum Leben, so argumentierte auch die Stadt. Nur gebe es diese Situation fast nie, weil gerade Kleinkindeltern ihre Kinder oft nur zwanzig oder dreißig Stunden pro Woche abgeben wollten.