Es war mal wieder keine gute Männerwoche. Obama sieht blass aus. Aus Angst? Dass wir noch mehr über die NSA erfahren? Oder er, über sich, von der NSA? Wer weiß denn etwas über bis zu 60 Millionen überwachte Telefonate, am Tag, in Europa? Selbst Steinbrücks Klappe wirkt halb offen. Was weiß die NSA über die SPD, was wir nicht wissen, oder Schröder, wer könnte etwas sagen, wo ist eigentlich Schröder? Auf dem Weg nach Moskau, sich mal im Transit umsehen? Handyfoto mit diesem blassen Typen für Doris und dann Edward beiläufig fragen, was der alte Junge noch so auf der Pfanne hat? Ja, Fragen über Fragen. Und ein Ende der großen Töne. Nur der britische Premier wirft sich in die Brust und zeigt der Welt, wie Großbritannien in Eton seine Boys schult, worin, in Haltung! Durchgreifen! Im Internet! Cameron will aufräumen, endlich Schluss mit den Sauereien, oh sorry, nicht bei Spionage. Erst mal Pornografie. Allgemeines ungläubiges Wow.

Während Cameron also die Backen aufplusterte, wurde auf dem Trafalgar Square in London eine Statue enthüllt. Ein Federvieh, in Bronze, auf Podest. Ganz blau. Gegenüber von Lord Nelson, der auf seiner Säule den Platz vor der National Gallery dominiert und nach Whitehall und Downing Street blickt, klassische Kunst-Politik-Achse, hier also Nelson, in dessen Schlachten das Empire geschmiedet wurde, und jetzt, vis-à-vis, das Tier. Verdammte Provokation, ist es nicht?

Englisch: cock, deutsch: Gickel, Gockel, Hahn. Der blaue Hahn auf dem Podest am Trafalgar Square ist das Kunstwerk einer Deutschen, von Katharina Fritsch, 57 Jahre alt. Ein einfacher Brite könnte das Tier für ein Geschenk von Carla Bruni halten, Symbol für La France und Amour fou. Nicht jeder hat noch die Kommentare der Tanten im Ohr, wie sie zischeln über die Typen im Dorf, wer ein Gockel ist, hin und her stolziert, sich wendet und dreht, immerzu nach weiblichen Exemplaren der Gattung späht, die ein Hahn für dumme Hühner hält. Weil Hühner ja ständig scharren, gackern, legen, glucken, das ganze lästige Business des Lebens. Ein Hahn dagegen – süßes Nichtsaufdiereihekriegen. Außer dem einen, das aber mit Kikeriki, englisch cockadoodledoo! Weshalb in England das Wort cock ein Synonym für das eine ist, cock wie Penis, Schwanz, Stange.

England, verliebt in seine Sprachspiele, hat in Wörterbüchern in der Spalte "cock" viel zu bieten, cock sucker, cock prick, cock up, nicht alles, was da steht, ist zitierbar in einem Feuilleton, aber die Richtung! Tonlage: spöttisch. Cock up – in die Hose gehen et cetera. Wie meine Mutter augenrollend sagte: Was tut ein Gockel, außer sich wichtig zu machen? Ein Franzose, der zur Selbstironie neigte, was nicht wahrscheinlich ist, also ein Jacques Lacan, würde von einem leeren Signifikanten sprechen. Etwa: nichts dahinter.

Der Hahn im Herzen von Londons Machtzentrum verweist auf ein Geheimnis, welches das Patriarchat mit anderen Formen religiösen Machtanspruchs teilt: Im Innersten des Heiligtums ist – Leere. Alter Trick. Angkor Wat, Kölner Dom, Fort Knox – im Herzen ein Kämmerchen reine Luft. Und davor großes Brimborium. Braucht man doch nur mal ein Nachrichtenmagazin durchzublättern. Wie Otto Schily sich, mit Gehstock, vor das transatlantische Bündnis wirft. Oder de Maizière den Moralischen mimte, immer die Wahrheit sagen und so. Der sächsische Staatssekretär Zimmermann! Tolle Klamotten, aber dem Referatsleiter die Couch aus dem Zimmer klauen – klassischer Fall von Sich-mit-fremden-Federn-Schmücken. Gockel sind superanstrengend. Gerne in Führungspositionen. Wir werden sehen, was die Quote bringt.