Mitte der neunziger Jahre hat mich ein einflussreicher chinesischer Minister nach Zhongnanhai eingeladen, in die moderne "verbotene Stadt" in Peking. Dorthin, wo sonst jeweils Staatsdelegationen empfangen werden. Es war ein Abendessen unter vier Augen. Der Minister, den ich bereits kannte, sah in mir einen Investor, der in China Geschäfte machen wollte. Aber ohne Überheblichkeit und Oberlehrerattitüde und mit dem gebührenden Respekt für eine viertausend Jahre alte Zivilisation.

Das erlaubte es mir während unserer Diskussion, ganz offen und direkt zu sein. Auch als wir über Freiheit, Menschenrechte und Demokratie sprachen. Es wäre unanständig, die Details einer privaten und vertraulichen Unterredung zu kolportieren. Aber diese und andere Begegnungen im Reich der Mitte erlaubten es mir, die Haltung der chinesischen Regierung besser zu verstehen. Sie verwaltet ein riesiges Land mit heute 1,3 Milliarden Einwohnern. Sie hat in den vergangenen 20 Jahren 300 Millionen Menschen aus der Armut geholfen, aber es gibt immer noch 800 Millionen Bauern die in die Städte drängen. Sie muss Millionen von zusätzlichen Arbeitsstellen schaffen.

Die Chinesen wollten seinerzeit nicht dem Vorbild Russlands folgen – und als Karikatur einer Marktwirtschaft enden. Zuerst gewährt man den Menschen ökonomische Freiheit, um den Wohlstand zu erhöhen, später gibt es mehr Freiheit und Demokratie. Zu tief sitzt das Trauma aus jenen Zeiten, als Kriegsherren oder Revolutionen das Land durchschüttelten. Das ist auch der Grund, weshalb die Machthaber ihre Posten nicht vorschnell räumen.

Ein weiteres Erlebnis, das mich über die chinesische Mentalität aufklärte, hatte ich vor einigen Jahren. Ein Geschäftspartner, ein Chinese aus Hongkong, wurde an der chinesischen Grenze festgehalten; offiziell verhaftet hat man ihn allerdings nicht. Für ein paar Tage verschwunden, erlaubte man ihm anschließend, seine Frau anzurufen, jedoch ohne Angaben über seinen Aufenthaltsort machen zu dürfen. Die Behörden wollten vom Mann, der später ohne eine Anklage freigelassen wurde, irgendwelche Auskünfte erhalten. Von der Angelegenheit informiert, habe ich seine Frau gefragt, ob ich einige Beziehungen in Peking spielen lassen solle. Ihre Antwort verblüffte mich: "Bitte nicht, das würde die Sache eher verschlimmern. Man opponiert nicht gegen den Staat und seine Autorität."

Weshalb aber haben orientalische Kulturen wie die der Chinesen eine andere Haltung gegenüber den Autoritäten und der Macht des Staats? Eine spannende These las ich im Buch Wirtschaft und Gesellschaft Chinas des Soziologen und Sinologen Karl August Wittfogel. Wo es regelmäßig regnet, wie etwa in weiten Teilen von Europa, ist man weniger vom Staat abhängig. Anders in Ländern wie China, die Wittfogel als "hydraulische Gesellschaften" beschreibt. Nur der Staat kann nämlich die großen Stau- und Bewässerungsbauten bauen, die unentbehrlich für das Überleben dieser Kulturen sind. Wer das Wasser kontrolliert, der kontrolliert das Leben.

Was also habe ich auf meinen Reisen nach China und aus meinen Auseinandersetzungen mit dem Riesenreich gelernt?

Es gibt verschiedene Wege des Fortschritts. Auch wenn es um Menschenrechte geht. Alles, was die Handelsfreiheit und den Wohlstand erhöht, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Auch deshalb begrüße ich das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China. Anerkennung ist aber gleichzeitig auch jenen zu zollen, die mit Anklagen, Erklärungen, Kritik für die Menschenrechte kämpfen. Nur eines darf man nie vergessen: Die Kulturen der Länder sind verschieden.