Endlich war Sommer, und Imran und ich saßen in der Wiener Straße im Mercan und aßen Hühnchen, Bulgur und Salat. Es war warm, aber nicht zu warm, und die Äste der Bäume auf der anderen Straßenseite zitterten ab und zu leicht im Wind. Als wir aufgegessen hatten, sagte Imran: "Morgen fliege ich für zwei Tage nach Paris. Dann fahre ich nach Südfrankreich, und von dort geht es weiter in die Türkei. Ich will noch einmal meinen alten Lehrer sehen, bei dem ich denken gelernt habe."

"Ich hatte früher in Hamburg auch einen solchen Lehrer", sagte ich. "Er hatte wegen des Kriegs einen Arm weniger als andere Leute und wollte nicht, dass uns das Gleiche passiert."

Imran wurde in Ulm geboren. Als er sechs war, ließen ihn seine Eltern nach den Sommerferien bei den Großeltern in der Türkei; als er zehn war, zog er wieder zu ihnen zurück nach Ulm. In der Dorfschule von Yesilyazi sangen die Kinder kommunistische Märsche, die Imran bis heute kann. Aber zum Glück gab es auch Hasan Hoca, der immer wieder die Schulbücher mit dem echten Leben verglich, damit die Jungen und Mädchen begriffen, wie schwer und zugleich wie schön es ist, ein gerechter Mensch zu sein. Die Romane und Stücke, die Imran schreibt, handeln immer nur davon, und als Imran noch das Berliner Büro einer Kommunikationsagentur leitete, hatte kein einziger von seinen Untergebenen das Gefühl, Imran sei sein Chef.

Nach dem Essen fuhren Imran und ich in seinem alten, weißen Volkswagen nach Britz raus. Die Hermannstraße wurde immer länger, im Auto wurde es immer heißer, und beim Schalten stieß Imran jedes Mal gegen mein Knie. "Seit wann hast du den deutschen Pass, Imran?", sagte ich.

"Seit ich fünfundzwanzig bin", sagte er.

"Ich hatte früher den sowjetischen", sagte ich.

"Und? Fehlt er dir?"

"Ja", sagte ich, "so wie die Sowjetunion, die Gulags und die Visaanträge, die ich jedes Mal stellen musste, wenn ich ins Ausland fahren wollte."

Als wir beim Schloss Britz ankamen, waren wir froh, dass wir endlich aus dem heißen Auto aussteigen konnten. Hinter uns lag ein dunkler, kühler Teich, vor uns ein schönes, weißes, verträumtes Gebäude wie aus einem Disney-Film, und die Luft roch wie echte Luft und dann noch wie etwas, das in Kreuzberg und Mitte nicht wuchs. Wir gingen durchs Schloss zum Park, und hinten, bei den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, in einem großen, gepflasterten Innenhof, saßen und standen in der Sonne die Menschen, wegen denen wir hier waren. Viele waren weiß, manche schwarz, die Männer trugen billige Anzüge, die Frauen meist viel zu bunte Sommerkleider, es gab afrikanische Gewänder, Kopftücher und Hamas-Bärte, Flipflops, Nike-Turnschuhe und tiefe Dekolletés, und die Kinder sahen alle so aus, als hätten sie gerade geduscht.

"Meinst du, sie freuen sich?", sagte ich zu Imran. – "Keine Ahnung", sagte er leise, und sein großes, ernstes, dunkles Gesicht blieb ernst. – "Ich wäre an ihrer Stelle sehr aufgeregt." – "Ich nicht", sagte er trotzig. – "Wo hast du damals deinen neuen deutschen Pass gekriegt?" – "Ich weiß es nicht mehr – echt."

Als ich letztes Jahr gehört hatte, dass das Bezirksamt Neukölln alle zwei Wochen die Menschen, denen es die deutsche Staatsangehörigkeit verleiht, öffentlich die Nationalhymne singen lässt, dachte ich, jemand im Reich des strengen Sozialdemokraten Heinz Buschkowsky ist ein bisschen zu streng. Und als ich Imran davon erzählte, sagte er sofort, wir sollten uns das mal anschauen. Jetzt – wir befanden uns inzwischen in einem großen, hellen, freundlichen Saal, wo früher die Pferdeställe waren – saß er neben mir und hörte immer wütender dabei zu, wie zuerst ein SPD-Mann in Grau und nach ihm ein CDU-Mann in Grau den zukünftigen neuen Deutschen von Neukölln erklärten, wie wahnsinnig froh und dankbar sie an diesem Tag sein sollten, aber dass eine deutsche Staatsangehörigkeit natürlich keine Einbahnstraße sei, was immer das hieß. Dann mussten all die Männer und Frauen aus Polen, Nigeria und Syrien, die wir vorhin draußen gesehen hatten, einzeln auf die Bühne kommen und einen Satz aufsagen, der kein Satz war, sondern ein Peitschenhieb: "Ich erkläre feierlich, dass ich das Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achten und alles unterlassen werde, was ihr schaden könnte." Die meisten lasen ihn so leise und beschämt von einem in Plastik eingeschweißten Blatt ab, als müssten sie wie früher hundertmal in der Schule "Ich werde nie wieder stören" wiederholen, und als sie hinterher zusammen mit den beiden Männern in Grau und ihrer neuen Einbürgerungsurkunde fotografiert wurden, guckten einige so erschrocken in die Kamera wie Verbrecher auf Polizeibildern.

Dann, als endlich alle fertig waren, kam die deutsche Nationalhymne. Die Männer und Frauen aus Polen, Nigeria und Syrien standen auf, jeder nahm ein Blatt mit dem Text und den Noten in die Hand, das auf seinem Sitz gelegen hatte, und kurz darauf erklang in den ehemaligen Pferdeställen des Britzer Schlosses eine sehr unsichere, brüchige Version des Deutschlandlieds. Ich stand, mit dem frechen Grinsen des bösesten Jungen in der Klasse, auch auf und sang mit. Ich hatte die deutsche Hymne noch nie vorher gesungen, und bestimmt würde ich es nie wieder tun, aber heute musste es sein, Solidarität unter Ex-Ausländern, wenn man so will. Imran, der ernst und angespannt neben mir stand, wäre am liebsten sitzen geblieben. Er schwieg und sah ins Nichts wie Boateng, Podolski und Özil vor dem letzten EM-Halbfinale gegen Italien. Woran er dachte, weiß ich nicht, und ich habe ihn später auch nicht gefragt. Ich selbst dachte, während ich sang, an meinen alten einarmigen Deutsch- und Lateinlehrer. Er verlangte nie, dass wir seiner Meinung waren, er gab uns auch dann eine Eins, wenn wir zwar Blödsinn redeten, aber uns gute Argumente ausdachten, und bestimmt hätte er, wäre er der Bürgermeister von Neukölln gewesen, jedem Ausländer, der ihn gefragt hätte, sofort einen frischen deutschen Pass in die Jackentasche gesteckt und dabei mit seiner hohen, schneidenden Kaiser-Wilhelm-Stimme gesagt: "Clevere Wahl." Und: "Viel Spaß damit!"

Auf dem Rückweg von Britz nach Mitte – der heiße Fahrtwind blies mir Staub in die Augen und Erinnerungen an meine letzte Israelreise in den Kopf – erzählte mir Imran von der besten Nacht seines Lebens. Er hatte im Jahr vor der WM in Deutschland Jogi Löw kennengelernt, und der hatte ihm in der Kölner Schokoladenfabrik bis morgens um sechs die größten und tollsten Geheimnisse der deutschen Nationalmannschaft anvertraut. Imran ist fanatischer Galatasaray-Istanbul-Fan. Aber wenn er Jogi Löws halbintellektuelles Badisch nachmacht, klingt er wie ein kluger, netter Junge aus der Sedanstraße in Ulm.