Um die Heiligen zu sehen, muss man in den Keller steigen. Es ist ein angenehm kühles Gewölbe, gemauert aus großen Steinquadern. Die Steine liegen hier schon seit tausend Jahren, denn einst gehörte die Mauer zur Stadtfestung von Bamberg. Heute hat in diesem Keller die Kunsthändlerfamilie Senger ihr Depot an gotischen Holzskulpturen, es sind hauptsächlich Heiligendarstellungen, das versteht sich. Eine spanische Madonna etwa, vergoldet, oder eine Holztafel, auf der sich gleich acht heilige Frauen tummeln, die Mutter Anna, die Barbara mit dem Kelch, die Dorothea mit dem Blumenkörbchen, Maria mit dem Kind und so weiter. Christoph von Urach, ein schwäbischer Künstler des frühen 16. Jahrhunderts, hat das Relief geschnitzt, es kostet 145.000 Euro, ein Preis, der im Vergleich zu manch zeitgenössischem Kunstwerk äußerst günstig ist.

Walter Senger, seine Tochter Simone und der Schwiegersohn Thomas Herzog haben auch einen aufwendigen, spätgotischen Marienaltar aus Schwaben im Angebot, der nicht ins Gewölbe passt. Vor gut einem Jahrzehnt hatte Walter Senger den Altar schon einmal an einen britischen Kunsthändler verkauft. Jahre später nahmen die Bamberger ihn zurück und fanden das fehlende, vom Meister Paul Ypser geschaffene Hochrelief, auf dem die Verkündung Marias dargestellt ist. Das museale Stück kostet jetzt inklusive Hochrelief 2,8 Millionen Euro, ein Vielfaches des ursprünglichen Preises. Die Suche nach Interessenten dürfte für die Kunsthandlung nur dadurch ein wenig erschwert werden, dass der Altar auf der Liste des deutschen Kulturgutschutzes steht, also nicht ins Ausland exportiert werden darf.

Senger verkauft normalerweise durchaus ins Ausland, die Bamberger Familie gehört international zu den führenden Kunsthändlern von gotischen Holzskulpturen, sie nimmt auch regelmäßig an der weltweit wichtigsten Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht teil. Am schönsten jedoch ist es, die Werke daheim in Bamberg zu begutachten, und das nicht etwa, weil die Stadt über so hervorragend arbeitende Brauereien verfügt – Bamberg hat den höchsten Bierkonsum pro Kopf in Deutschland –, sondern wegen der prächtig erhaltenen, von der Regnitz umströmten und von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Altstadt. Ein Ort, der wie geschaffen scheint für Antiquitätenhandlungen.

Erst den Bamberger Dom besuchen, dann eine gotische Holzskulptur kaufen

Noch bis zum 18. August finden in Bamberg die allsommerlichen, von Fiona Loeffelholz von Colberg organisierten Kunst- und Antiquitätenwochen statt. Insgesamt zwölf Händler haben parallel zu den Wagner-Festspielen im nahen Bayreuth ihre Öffnungszeiten auch auf Sonntage ausgedehnt – sie hoffen auf regen Zulauf der Opernbesucher. Und so kann der Wagner-Begeisterte sich zuerst im Bamberger Dom das von Tilman Riemenschneider gehauene Grabmal für Heinrich II. und Kunigunde anschauen und dann eine Anna selbdritt aus dem Umkreis des großen Meisterbildhauers im Sengerschen Gewölbe kaufen. Drei Galerien in drei Häusern betreiben die Sengers inzwischen in der fränkischen Bischofsstadt, sie verkaufen auch seltene Möbel sowie Gemälde, von denen sie einen wilden Mix durch die Jahrhunderte vorrätig haben: Da findet sich ein kleines Porträt Martin Luthers, gemalt von Lucas Cranach dem Älteren, neben einem Blumenstillleben Emil Noldes und einer jener typischen, tief verschneiten Alpenlandschaften des vor allem auf dem deutschsprachigen Kunstmarkt unfassbar erfolgreichen Alfons Walde (1891 bis 1958). Unübersehbar auch ein eineinhalb mal zwei Meter großes Gemälde Frans Snyders’ (1579 bis 1657): Um ein Stillleben mit erlegtem Schwan, Pfau, mit Hummer, Singvögeln, Obst, Spargel, Artischocke und noch mehr naturgetreu dargestellter Flora und Fauna tummelt sich auch Lebendiges, ein Knabe, der einen Papagei füttert, ein schnuppernder Jagdhund, eine Katze auf der Lauer. Das Gewusel kostet 1,5 Millionen Euro.

Wie bei Walter Senger waren auch beim ältesten Antiquitätenhändler am Ort, der Kunsthandlung Wenzel, die in Bamberg stationierten Amerikaner die ersten Kunden. Von den harten Dollar kauften sie sich zunächst vor allem Kuckucksuhren und Meißner Porzellan, doch seither hat sich Wenzel auf ein viel breiteres Spektrum von Antiquitäten aus der weiteren Region spezialisiert. Auf Lüsterweibchen und Lüstermännchen etwa, jene sonderbaren, als Leuchter fungierenden Figuren, die an Geweihe montiert sind. Ein besonders apartes Modell ist das vermutlich zu Ende des 18. Jahrhunderts in Wien gefertigte Lüstermännchen: Ein türkischer Mann mit dünnem Schnurrbart und Kopftuch schwebt wie eine Galionsfigur vor einem prächtigen, vielendigen Elchgeweih, auf dem vier Kerzenhalter montiert sind. Dort, wo der Unterleib und die Beine des Türken sein sollten, zeigt sich ein schuppiger Fischschwanz. Solch Surrealismus war vor zweieinhalb Jahrhunderten anscheinend ein normaler Einrichtungsgegenstand, zeugte damals weder von einem exaltierten Auftraggeber noch von einem Punk als Handwerker. Heute kostet das Fabelwesen 7.800 Euro.