Das Verhältnis zwischen Demografie und Demoskopie wird noch zu wenig beachtet. Zum Beispiel kann eine Partei, die sich schon überlebt hat, noch sehr lange weiterexistieren, obwohl die meisten ihrer Wähler und Mitglieder recht alt sind und daher ihre Gewohnheiten nicht mehr gern ändern. Die Rede ist von der Linken und Anführer Gregor Gysi. Es geht darum, was sie mit der Zeit anfangen, die ihnen der demografische Jetlag schenkt.

Die Linke laboriert, jeder sieht das, an der Sinnfrage: Wozu sind wir da? Als Matthias Platzeck diese Woche seinen Rückzug ankündigte, schrieben einige, nun gehe die Stimme des Ostens in Rente, die auch im Westen gehört wurde. Das ist eine zutreffende Beschreibung – für die Vergangenheit. Heute, nach 23 Jahren deutscher Einheit, acht Jahren ostdeutscher Kanzlerin und einem Jahr Joachim Gauck als Bundespräsident, braucht es so etwas nicht mehr. Der Osten hat Stimmen, er prägt die Stimmung mit.

Auch die alte westdeutsche Herabminderung ostdeutscher Biografien ist weitgehend Vergangenheit. Die in der Linkspartei aufgegangene PDS hatte immer die Funktion, zu sagen: Auch in der DDR konnte das Leben lebenswert sein. Heute wissen alle: Ja, das stimmt, absolut.

Auch die zweite Funktion der Linken ist obsolet. Die SPD ist wieder durch und durch sozialdemokratisch, ein linkes Korrektiv braucht sie wahrhaftig nicht, zumal derzeit ja die Grünen weiter links sind als die SPD und sich die CDU sozialdemokratischer gibt als die Schröder-SPD.

Radikalisierung als Preis der Existenz

Die Überflüssigkeit der Linken wird angesichts dieses Allparteienlinksrucks besonders deutlich, wenn man sich die Bedingungen anschaut, die sie für eine Koalition mit SPD und Grünen stellen: keine Kampfeinsätze der Bundeswehr. Als ob Angela Merkel, geschweige denn die SPD sich in absehbarer Zeit auch nur in die Nähe eines solchen bewegen würden! Oder: Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Ja, mehr Abzug als Abzug geht nun mal nicht.

Offensichtlich wird die Linke nicht mehr gebraucht. Doch solange sie von den Älteren im Osten und den Linksradikalen im Westen gewählt wird, muss sie noch etwas weiterexistieren. Das allerdings hat seinen Preis. Und der heißt: Radikalisierung, um sich überhaupt noch abgrenzen zu können. So was geht eine Weile, solange es von einem begnadeten Demagogen gemeinsam mit einem exzellenten politischen Unterhalter inszeniert wird. Doch nun ist Oskar Lafontaine weg und Gregor Gysi allein. Und schon werden die Kosten der Radikalisierung fällig.