Vor einigen Jahren hat Silvia Bovenschen den sehr bewunderten, auch viel gekauften Essay-Band Älter werden veröffentlicht. Darin steht der Aphorismus: "Jeder, der eine Wohnung einrichtet, jeder, der einen Garten anlegt, jeder, der morgens eine Garderobe auswählt, gibt einen kleinen Hinweis darauf, wie er sich die Welt wünscht." Dazu fügt Bovenschen eine für sie typische rhetorische Geste des Zweifelns, die eine neue Überlegung eröffnet: "Ist das so?" Ob wohl auch ein Roman, den jemand schreibt, in gewisser Weise einen Wunsch an die Welt formuliert? Jetzt erscheint jedenfalls ein neuer Roman von Silvia Bovenschen, der das Thema des früheren Essays spiegelt, vom Altern handelt und vom Sterben auch. Man könnte ihn als Variation oder Tagtraum über die Frage lesen, wie man dem Tod gegenübertreten will, wenn er sich nähert.

Vier Frauen leben im Elternhaus einer früheren Paläontologie-Professorin zusammen. Der Roman Nur Mut stellt Typen weiblicher Alter der Gegenwart vor: eine Schriftstellerin, Johanna, der das Gehen schwerfällt, die deshalb lieber mit einem Macbook im Bett liegt und bloggt: "Dort, im Netz, werde ich noch sein, wenn ich hier nicht mehr bin." Leonie, deren Mann und Kinder bei einem Autounfall umgekommen sind und die aus Trauer vor sich hin murmelt. Nadine, die sich gerne modisch anzieht und im Laufe der Erzählung eine schlimme Diagnose bekommt. Die Gastgeberin Charlotte: "imposant im Alter, in ihrer Jugend gravitätisch schön". Als komische Gegenfigur taucht noch Charlottes Enkelin auf, "Sexy-Dörte", mit ihrem von Zahnweh gepeinigten, unglücklichen Verehrer Flocke. Jedes Alter hat halt seine Nöte. Die jungen Menschen sind mit einer eigentümlichen Sprache ausgestattet. Man muss diesem Roman nicht glauben, dass Siebzehnjährige alte Damen "Hautständer" nennen und "Mafiatorte" zu Pizza sagen, man versteht jedenfalls den Generationenkonflikt.

Die vier Damen sind nämlich, anders als die drögen Teenies, eindrucksvolle, scharfsinnige Personen, mit einer bequemen Großbürgerlichkeit begabt, die sie mit einigem Humor sehen. "Verrückte alte Frauen" kündigt die Rahmenhandlung an, in der ein verliebter Mann sich die Geschichte dieser Wohngemeinschaft ausdenkt, um sie seiner Frau zu erzählen. Besonders verrückt sind die alten Frauen aber eigentlich gar nicht. Man kann sich solche Freundinnen nur heiß wünschen, die so reflektiert und selbstbewusst ihre Idiosynkrasien leben und zu allen Auseinandersetzungen bereit sind.

Erkennbar erzählt Silvia Bovenschen aus ihrer Erfahrung und ihrem Milieu. In Älter werden beschrieb sie schon oft Gespräche mit Freunden, besonders mit "S. Sch.", der Künstlerin Sarah Schumann, mit der sie in Berlin zusammenlebt und die auch ihre Buchcover malt. Bovenschen ist seit jungen Jahren von Multipler Sklerose betroffen, in den letzten Jahren auch von Krebsdiagnosen. Darüber spricht sie mit der Offenheit, die ihre lässige Intellektualität verlangt.

In den Siebzigern war Bovenschen mit der Veröffentlichung ihrer Dissertation bekannt geworden: Die imaginierte Weiblichkeit . Sie war in der feministischen Literaturwissenschaft die prononcierteste deutsche Vertreterin der These, dass es in der Kulturgeschichte zwar viele Bilder und Ideen von Frauen gibt, dass die Sicht der Frauen selber in dieser Geschichte aber nicht vorkommt. Diese Erkenntnis stellt Frauen noch immer vor die ziemlich existenzielle Frage, ob sie sich der bestehenden, männlich gebildeten Kultur angleichen sollen, um überhaupt erst mal die Stimme erheben zu können, oder ob sie nach einer genuin eigenen Position suchen müssen – ein Versuch, der aus etablierter Sicht leicht als verrückt etikettiert wird. Wenn sich aber herausstellen soll, was weibliche Kultur ist, müssen Frauen ausprobieren, träumen, schreiben, wünschen. Darin haben sie in Silvia Bovenschen ein Vorbild, zumal seitdem sie in Essays, Geschichten und Romanen literarisch schreibt. Und schon zuvor sind ihre Beobachtungen über die "imaginierte Weiblichkeit" natürlich ein fester Bestandteil der intellektuellen Auseinandersetzung von Frauen geworden.

Das Thema des Sterbens beschreibt Silvia Bovenschen als eines, das in der Öffentlichkeit nur mühsam durchdringt, ähnlich der weiblichen Perspektive. Die Rahmenhandlung von Nur Mut liefert gewissermaßen den Waschzettel: "Die Leute tolerieren bereitwillig jede Grausamkeit, (...) und du kannst, ja sollst sogar das seelische Leid, die schlimmste Qual in den Mittelpunkt stellen, sie werden dir die Aufmerksamkeit nicht entziehen, aber die Fatalität, die banale, alltägliche unabwendbare Ausweglosigkeit, die kreatürliche Zwangsläufigkeit im Zeichen unserer Endlichkeit, das auslaufende Leben, den Tod als Normalfall, dessen Bebilderung haben sie nicht so gern. Ein Greis, der in seinem nahenden Tod einen Skandal sieht, macht sich lächerlich. Er hat sich zu fügen."

Die Damen in ihrer, wie man unelegant sagt, Alten-WG fügen sich jedenfalls nicht. Die Geschichte nimmt eine ziemlich knallige Wendung, dreht ins hintergründig Fabulöse und erlaubt es den vieren möglicherweise, vor dem Tod abzuhauen. Sterben muss indes erst einmal ein männlicher Besucher der Villa, ein Anlageberater, der Charlottes Vermögen durchgebracht hat. Nachdem ihre Zukunft erledigt ist, finanzieller Wohlstand, Gesundheit und strafrechtliche Unschuld verloren sind, streifen die Freundinnen jede Verzagtheit ab. Los geht "ein Sprechen ohne Zukunft und daher frei von jeder Nützlichkeit", und dann feiern die Freundinnen eine Art Abrissparty des Lebens. Das ist alles überhaupt nicht stringent oder plausibel, aber mit Lust ausgedacht und ergibt eine witzige Etüde über das unmögliche Thema Weibersterben.