Der entscheidende Moment war wohl jener, als seine Tochter zur Tür hereinkam, jene seiner drei Töchter, mit der das Eltern-Kind-Geflecht besonders sensibel ist. Als sie ihn, kurz nach seinem Schlaganfall, da liegen sah im Krankenhausbett, schwach und nicht Herr über alles, was sonst automatisch funktioniert, sagte sie nur: "Papa, das kannst du mir nicht antun." Und da begann es zu rattern im Kopf von Matthias Platzeck: die 80-Stunden-Wochen, der Stress als Frontpolitiker, der Ärger um den Großflughafen BER, der Vater, der nach einem Schlaganfall starb, die eigene Krankheitsgeschichte mit Hörstürzen, Kreislaufkollaps, Nervenzusammenbruch – all das wog von Tag zu Tag schwerer gegen die Lust an der Politik, die Freude am Regieren von seinem rollenden Büro aus und am Dienstwagen, der ihn kreuz und quer durch Brandenburg dorthin brachte, wo er sich am wohlsten fühlt: unter Menschen. Es ratterte so lange, bis er glasklar sah, was er tun musste: gehen. Nicht nur um seiner selbst willen.

Mit gerade einmal 59 Jahren übergibt Platzeck Ende August die Amtsgeschäfte an den bisherigen Innenminister Dietmar Woidke. Es verlässt eine besondere, fast einmalige Persönlichkeit die politische Bühne. Platzeck, der Diplomingenieur, der vom Bündnis 90 kam, ist neben Joachim Gauck der einzige DDR-Bürgerrechtler – Angela Merkel gehörte der Bewegung nie an –, der es in die erste Reihe der gesamtdeutschen Politikprominenz schaffte. Seiner Popularität, seinem Ansehen schadeten weder Brüche im Werdegang noch Ungereimtheiten im Inhalt.

Platzeck startete als Umweltaktivist und endet als Braunkohle-Lobhudler. Er wechselte von den Grünen zur SPD und blieb eisern an der Seite des mit Stasivorwürfen belasteten Manfred Stolpe, als sich seine Weggefährten aus der Bürgerrechtsbewegung von dem damaligen Regierungschef abwandten. Als er 2009, nach der letzten Landtagswahl, eine Koalition mit der Linken einging, überhöhte Platzeck Rot-Rot in Brandenburg zu einer Art historischem Versöhnungsbündnis von gesamtdeutscher Gegenwart und DDR-Vergangenheit. Im Bemühen, das Gefühl vieler Ostdeutscher zu überwinden, im Nachwende-Deutschland nie angekommen zu sein, befeuerte er das, was er zuvor stets gegeißelt hatte: die Gleichsetzung von Stasispitzel und Ostbiografie.

Selbst der BER traf Platzeck kaum – das Endlos-Desaster ging als politischer Totalschaden komplett bei Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit nieder. Platzecks Schadensresistenz, seine Immunität gegen Wählerunmut und Politikverachtung, hat mehrere Gründe, politische wie menschliche. Zunächst einmal hat der einstige Deichgraf – unter diesem Label wurde Platzeck während der Oderflut 1997 bundesweit bekannt – auch als Ministerpräsident einiges vorzuweisen. In den elfeinhalb Jahren seiner Regentschaft hat sich die "Streusandbüchse" Brandenburg vom Problem- zum Musterkind der Wiedervereinigung gewandelt: Brandenburg kommt ohne neue Schulden aus, seine Arbeitslosigkeit verharrt konstant unter der für Ostdeutschland magischen Zehn-Prozent-Marke, es wurde je dreimal zum innovativsten Energie- sowie zum dynamischsten Wachstumsland gekürt.

Wichtiger noch für Platzecks Status aber war das Menschliche. Mit seiner notorischen Unverkrampftheit, seinem ewigen Dreitagebart und dem permanenten Augenzwinkern vermittelte Platzeck den Eindruck, er könne mit Lässigkeit erreichen, wozu andere brennenden Ehrgeiz und stählerne Ellenbogen brauchten. Dass es neben der Politik ein anderes, ein wahres Leben gibt, dessen Reize er durchaus gut kennt – das wusste der charming boy im Vorruhestandsalter natürlich auch. Aus eigener Erfahrung.

Seine stärkste Waffe war stets die Kunst der Entwaffnung. Der Politiker Platzeck ging immer mit echtem Interesse, offen und gesegnet mit der seltenen Gabe des Zuhörenkönnens so vorbehaltlos auf sein Gegenüber ein, dass es diesem nur selten gelang, Platzeck nicht umgehend zu mögen. Die Kombination aus Lässigkeit und Sympathie vermag Platzeck, wo nötig, mit rigoroser Standfestigkeit in der Sache zu verbinden. Kein anderer Wahlkämpfer stellte sich so entschieden hinter die höchstumstrittene Agenda-Politik von Bundeskanzler Gerhard Schröder wie er, der Ministerpräsident von Brandenburg, vor der Landtagswahl 2004. Der Lässige, Sympathische blieb beinhart – und gewann. Die Erinnerung daran wirft eine Frage auf.

In seiner Kurzkarriere als SPD-Chef – sie endete ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen nach nur fünf Monaten im April 2006 – holte Platzeck Themen wie Familie und Bildung aus der Schröderschen Gedönsecke, verband sie miteinander, setzte sie ins Zentrum der SPD-Programmatik und führte seine Partei damit auf die Höhe der Zeit, womöglich war er beiden damit voraus, seiner Partei wie der Zeit.

Die Frage, die seine Verteidigung der Agenda wie seine Vorreiterrolle aufwerfen, lautet: Was wäre gewesen, wenn Platzeck zeit seines politischen Wirkens nicht nur ein erfolgreicher Ministerpräsident und cooler Sympathischer gewesen wäre, sondern auch ein gesünderer Mann? Platzeck, die Stimme des Ostens, bleibt auch nach seinem Rücktritt eine Symbolfigur der Wiedervereinigung. Und als Bundespolitiker unvollendet.