Albert von Bergen, den hier alle Albi nennen, zeigt die Bedrohung mit den Händen. Die Innenflächen nach oben gerichtet, sodass die Schwielen und die feinen Risse gut zu sehen sind, hebt er seine klobigen Arbeiterhände so langsam und sanft an, als ob er ein Lamm oder ein kleines Kind ans Licht halten wollte. "Die Murgänge haben das Aarebett um zwölf Meter angehoben", sagt der Mechaniker, Schäfer und Jäger. Wenn nochmals einige Meter dazukommen, ist sein Haus dran – und später auch der Weiler Boden. Das sind zehn Häuser mit etwa 30 Bewohnern. Drei Millionen Kubikmeter Geröll, sagen die Fachleute, liegen noch oben in den Hängen des Ritzlikorns. Damit ließen sich 40 Fußballfelder fast zehn Meter hoch zuschütten. Alle sagen, dass wohl kaum alles auf einmal kommen werde. Vor allem hoffen sie es. Denn dass es kommen wird, daran zweifeln nur wenige hier.

Guttannen, ein kleines Dorf im Kanton Bern an der Straße zum Grimselpass, ungefähr auf halber Strecke zwischen Meiringen und der Passhöhe, erlebt die Folgen des Klimawandels.

Die Sommerhitze taut den Permafrost an den Hängen des Ritzlihorns auf, der Bergschutt lockert sich, und wenn dann ein Dauerregen den Untergrund aufweicht, kann sich eine Mure aus Geröll, Dreck und Schlamm in Bewegung setzen.

Vor acht Jahren staute ein Murgang aus dem Rotlouigraben die Aare. Die suchte sich einen Weg durch das Dorf und lagerte in der Kirche meterhohe Schuttmassen ab. Drei Kilometer unterhalb von Guttannen, im Weiler Boden, rissen in den letzten Jahren kleinere Murgänge den Spreitgraben zu einer tiefen Rinne auf, und am 10. Oktober 2011 brachte eine Mure 150.000 Kubikmeter Geschiebe ins Tal. "Es war wie ein Weltuntergang", sagt Hans Abplanalp, der Gemeindepräsident. Er stand damals außerhalb der Gefahrenzone an der Sonnseite des Tales und sah zum Gegenhang hinüber, wo sich der Spreitbach in ein Wildwasser verwandelt hatte. Als die Mure kam, war es wie eine hässliche, gewalttätige, dunkelbraune Wand, die alles wegfegte. In einem Amateurvideo sind die ängstlichen und die bewundernden Ausrufe der Zuschauer zu hören – und im Hintergrund das Tosen des Wassers. "Es war... nein, nicht schön... das darf man nicht sagen...", erinnert sich der Gemeindepräsident. "Es war eindrücklich. Gewaltig. Schön im Sinn von gewaltig."

Albert von Bergen steht an der Stelle, wo dieser Murgang die Waldstraße weggerissen hat. Unter ihm liegt immer noch eine Ebene mit Geröll, aus der abgebrochene Baumstämme ragen. Die Aare schäumt weiß in ihrem neuen Bett. In den Fichten hängen Nebelfetzen, und an den steilen Hängen liegt schmutziger Lawinenschnee vom letzten Winter. Wenn die Wolkendecke aufreißt, ist das Ritzlihorn zu sehen. Albi zeigt, wo der Hof "under der Hohfluh" stand, der auf Geheiß des Kantons abgebrochen wurde. "Der Nächste, den es trifft, bin ich", sagt er. Genauso ungeschönt und geradeaus haben es die andern auch gesagt. "Der Nächste, der drankommt, ist Albi." Ob es auch den Weiler Boden treffe, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Solche Spekulationen hat es vor einigen Jahren noch nicht gegeben. Die Naturgefahr, das waren in Guttannen immer die Schneelawinen. Sie waren mal kleiner, mal größer, sie schnitten das Dorf mal Stunden, mal Tage von der Umwelt ab. Doch die Lawinen sind berechenbar. Man kennt sie seit Generationen. Sie sind so vertraut, dass in Guttannen sogar eine Postautostation nach einer Lawine benannt ist: "Bänzloui". Die Murgänge aber sind etwas Neues. Damit kommen die Menschen in Guttannen nicht klar – noch nicht. "Seit ca. zwei Jahren ist unser Hausberg, das Ritzlihorn, unser Sorgenkind", schreibt Mathilde von Bergen, Albis Frau, in ihr Album mit den Bildern der Verwüstungen von 2011.

Guttannen bleibt, hieß es einst. Diese Zeiten sind vorbei

Guttannen ist ein Dorf an der Peripherie mit den Problemen eines Dorfes an der Peripherie. Die Familien werden kleiner, die Jungen ziehen weg, Post und Raiffeisenkasse schließen ihre Filialen, der Bäcker gibt auf, der Schreiner ebenso, es gibt keine Lehrstellen mehr, die Jungen ziehen noch früher weg, und so beeinflusst das eine das andere – und die Einwohnerzahl geht zurück. Noch hat Guttannen 300 Einwohner; etwas mehr im Sommer, etwas weniger im Winter. Noch gibt es die Schule, den Männerchor, die Feldschützen, den Skiklub und den Turnverein. Noch bauen die Jungen eine Halfpipe oder eine Schanze für Mountainbiker.

"Gibt es Guttannen in hundert Jahren noch?" – "Es kommt sehr darauf an, wie die Entwicklung verläuft." Die Antwort des Gemeindepräsidenten wäre vor wenigen Jahren noch ein Skandal gewesen. Einer mit so viel Realitätssinn, der hätte als unzuverlässiger Zeitgenosse gegolten. Guttannen bleibt, hieß es damals. Hinterfragt wurde das nie.