Fremd war uns Europäern dieser Ort, Aparecida, im Südosten von São Paulo. Warum hat sich der Papst für den Besuch dieses Marienwallfahrtsortes entschieden? Dem persönlichen Wunsch, der die eigene Frömmigkeit ausdrückt, entspricht ein kirchliches Programm. Es führt an den geheimen Anfang seines Pontifikats zurück, an seine Rede im Vorkonklave. Dort hatte Kardinal Jorge Mario Bergoglio von der Kirche gefordert, "aus sich selbst herauszutreten und zu den Rändern zu gehen, nicht allein in einem geografischen Sinn, sondern zu den existenziellen Rändern: denen des Mysteriums der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz, des Lebens ohne Religion – bis an die Grenzen des Denkens und allen Elends".

Kirche darf sich nicht um sich selbst drehen. Das war seine Botschaft: Es gibt eine kirchliche Selbstbezüglichkeit, die die Kirche krank macht. Sterbenskrank. Dabei bezog sich Bergoglio auf eine Geschichte aus dem Lukasevangelium. Jesus trifft in der Synagoge eine Frau, deren Rücken verkrümmt ist: "Sie konnte nicht mehr aufrecht gehen." Doch als Jesus sie anspricht und berührt, geht ein Ruck durch diese Frau, und sie kann wieder gerade stehen. Die Lebensmacht Gottes richtet sie auf.

Mit dieser Frau identifizierte Bergoglio seine Kirche. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Auch die Kirche soll den aufrechten Gang neu lernen – sonst findet sie nicht zu den gebeugten Menschen ihrer Zeit. Bergoglio forcierte diesen Gedanken mit einem weiteren Bezug aus dem Evangelium, wo Jesus vor einer Tür steht und anklopft: "Ich denke an heutige Zeiten, da Jesus von innen anklopft, sodass wir ihn herauslassen sollen. Die selbstbezügliche Kirche hält Jesus Christus fest und lässt ihn nicht heraus."

Die Kirche als ein Gefängnis Jesu? Bergoglio hatte dieses Bild schon früher verwendet. In einem Interview zur Generalkonferenz von Aparecida im Jahr 2007 sagte er: "Unsere Gewissheiten können zur Mauer werden, zu einem Gefängnis, das den Heiligen Geist gefangen hält." Wer aber dem Volk Gottes nicht auf dessen Weg nachfolge, der verliere die Hoffnung. – Schon damals machte Bergoglio eine Volksfrömmigkeit stark, für die die Mutter Jesu eine besondere Rolle spielt. Im Antlitz Marias erkennen die Armen die Botschaft des Evangeliums. Der Papst von Aparecida nimmt den Glauben der einfachen Gläubigen ernst und gibt ihnen Stimmrecht. Für ihn sind es gerade die Menschen unter Marginalisierungsdruck, die sich einen Sinn dafür bewahrt haben, dass das, was ist, nicht alles sein kann.

"Wenn wir uns als Kirche den Armen nähern, um sie zu begleiten, stellen wir fest, dass diese einen transzendenten Sinn für das Leben haben. Der Konsum hat sie noch nicht absorbiert." Von ihnen sei zu lernen, dass Gott "durch konkrete Realitäten zu uns spricht".

Deshalb muss die Kirche über sich hinausgehen. So erst wird sie missionarisch. Die Generalkonferenz von Aparecida formulierte eine doppelte Grundregel: von der Basis nach oben und alles zusammen mit dem Volk Gottes. Nun stellt auch der Papst die Ekklesiologie seiner Kirche ganz auf die Armen und Bedrängten ein, von denen in den sechziger Jahren das Zweite Vatikanische Konzil sprach. Diese Kirche lässt sich von der pastoralen Bedeutung der peripheren Zonen beeindrucken – und bezeugt so die Wirklichkeit Gottes in der Zuwendung zu allen Menschen, die nach Anerkennung schreien und um ihre Würde kämpfen müssen. Diese Würde steht auch in kirchlichen Handlungsräumen auf dem Spiel: dogmatisch in der Frage nach der Rolle der Frauen für die Kirche, moraltheologisch angesichts des Umgangs mit homosexuellen Paaren, pastoral mit Rücksicht auf die wiederverheirateten Geschiedenen, juristisch im Zuge von kirchlichen Missbrauchsfällen.

Fast bis ans Ende der Welt seien die Kardinäle gegangen, um ihn zu holen, stellte der Papst nach seiner Wahl fest. Nun ist er selber dort angekommen, in Aparecida, am Rand. Es ist eine Grenzüberschreitung. Eine Befreiung. Zur neuen Freiheit gehören Papstsätze wie der von den Hirten, die den Geruch der Herde haben müssen, oder von der Treue, die Veränderung bedeute. Franziskus macht beides vor. Er geht in die Mitte der Herde, er ändert was. Der Papst, der die Grenzen zum Kirchenvolk überschreitet, führt den aufrechten Gang als kirchliche Disziplin ein. Nun wird sich zeigen, ob seine Kirche ihm darin folgt.