Der Papst ist nicht die Kirche. Denn die Kirche ist mehr als der Papst. Klingt fast ein bisschen papstfeindlich. Aber wenn ein Papst selber es sagt, klingt es demütig, antiautoritär und fast schon liberal. Es würde zu Franziskus passen, dass er so etwas sagt. Dass er sich, obwohl er Heiliger Vater heißt, nicht als letzte Instanz sieht. Tatsächlich hat er auf dem Rückflug von Rio einige brisante Glaubensfragen unbeantwortet gelassen, mit dem demütigen Hinweis auf "die Kirche", deren gültiger Meinung er nicht widerspreche. Wer bin ich, alte Grundsätze neu zu überdenken! "Die Kirche hat sich dazu schon ausreichend geäußert. Ihre Doktrin ist klar."

Der Papst ist nicht die Kirche. Die Kirche ist die Doktrin. Das war dann leider doch nicht liberal, sondern doktrinär und auch ziemlich feige. Denn die katholische Glaubenslehre wird von Katholiken gemacht. Folglich kann man sie hinterfragen. Oder nicht? Sogar die Dogmen, die im katholischen Verständnis "offenbarungsidentisch" sind, entstanden oft erst im Glaubensstreit. Sie werden heute durch das Lehramt oder den Papst als "von Gott offenbarte und zu glaubende Wahrheit" definiert. Aber was ist "wahr"? Was "definitiv"? Kirchenrechtler und Dogmatiker streiten heftig darüber, nur Franziskus meint, es sei "klar". Also richtig sei, was Rom einmal für richtig befunden habe. Wer das so sieht, muss natürlich keine nervigen Journalistenfragen beantworten: Warum haben Sie in Rio nicht über Abtreibung oder die Homo-Ehe gesprochen? Was halten Sie von der Frauenordination? Warum dürfen wiederverheiratete Geschiedene nicht am Abendmahl teilnehmen?

Weil sie nicht dürfen. Verboten ist verboten. Klingt fast ein bisschen totalitär. Totalitarismus ist, wenn eine Lehre nicht mehr begründet wird. Und Papsttum heißt eben doch Behaupten statt Begründen, Zeugnisautorität statt Sachautorität. Trotzdem schade, dass auch dieser Papst sich um Begründungen drückt. Denn die Fragen der Sexualmoral und der Geschlechteranthropologie rühren stets an die Seinsfrage: Was ist der Mensch? Ein Papst Franziskus, der dauernd Mitmenschlichkeit predigt und sich dabei auf Jesus Christus anstatt auf Doktrinen beruft, muss hier antworten können. Er muss nicht gleich die Homo-Ehe preisen. Aber wenn er sagt: "Homosexuelle dürfen nicht diskriminiert werden", muss er sagen, warum.

Doch er tut es nicht. Duckt sich weg und macht sich klein – weil er sonst in Reformdebatten geriete, die längst nicht mehr nur von Laien, sondern von Theologen geführt werden. In Deutschland forderten fast dreihundert katholische Professoren, der Vatikan müsse seine Sexualmoral überdenken. Schwer zu glauben, dass die alle nicht begriffen haben, was katholische Kirche ist. Kirche ist mehr als Doktrin. Auch der Papst wird es noch zugeben müssen.