Die Kragentrappe ist kein sonderlich beeindruckender Vogel: sandfarbenes Gefieder mit ein paar schwarzen und weißen Flecken, langer Hals, maximal drei Kilo schwer. Es gibt prachtvollere Vögel, schnellere, gefährlichere und größere. Das außergewöhnlichste Merkmal der Kragentrappe ist ein grüner Fäkalschleim, den sie bei Gefahr verspritzen kann, um Angreifer für kurze Zeit zu blenden. Trotzdem wird sie von Jägern so begehrt, dass es ihretwegen zum Streit zwischen dem saudischen Königshaus und dem pakistanischen Präsidenten kam.

Wenn sich im Herbst Tausende Kragentrappen aus zentralasiatischen Staaten wie Kasachstan in ihre Winterquartiere im wärmeren Pakistan aufmachen, ziehen ihnen Jahr für Jahr Könige und Kronprinzen aus den arabischen Golfstaaten hinterher. Sie wollen jagen, und sie wollen die Kragentrappe als Beute: Auf der Arabischen Halbinsel ist die Jagd ein mondänes Hobby der Oberschicht, die eine jahrhundertealte Tradition bewahren will und viel Geld dafür ausgibt. Dass sie den seltenen Vogel damit ausrotten könnte, nimmt sie in Kauf.

Mit ausgebildeten Fährtenlesern und moderner Technik spüren die Jäger die Tiere auf, mit Pick-ups durchkämmen sie auch Dutzende Kilometer Steppe ohne Mühe. In Privatflugzeugen schaffen sie Fahrzeuge, Navigationsgeräte, Tonnen von Wasser und Benzin heran, ganze Zeltstädte entstehen im staubigen Nirgendwo von Pakistan. Den Scheichs sind nur die schnellsten und teuersten Falken als Jagdvögel gut genug: Die werden in der Wildnis gefangen und geschmuggelt, manche kosten Zehntausende Dollar.

Bis in die sechziger Jahre konnten die Scheichs die Kragentrappe noch zu Hause jagen. Doch mit dem Ölboom wuchs die Zahl der Jäger, die Ausrüstung wurde professioneller: Nach kurzer Zeit waren die Tiere fast vollständig von der Arabischen Halbinsel verschwunden. Die Jäger zogen weiter nach Pakistan, das neben dem Iran als wichtigstes Winterquartier der Asiatischen Kragentrappe übrig blieb.

Obwohl sie in Pakistan geschützt ist, lässt das Land den Vogelfang zu. Es ist auf den guten Willen der Araber angewiesen, und die Trappenjagd ist eine der wenigen Möglichkeiten, Entgegenkommen zu zeigen und "die Beziehungen zu den Führern dieser Staaten zu verbessern", wie die damalige pakistanische Außenministerin Hina Rabbani Khar im vergangenen Dezember auf eine Parlamentsanfrage antwortete.

Mehr als zwei Millionen Pakistaner leben in den Golfstaaten, sie schicken jährlich etwa sechs Milliarden Dollar zurück in ihre Heimat. Saudi-Arabien liefert Pakistan billiges Öl, leistet Militärhilfe und war nach der Flutkatastrophe von 2010 der größte Spender. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind Pakistans drittgrößter Handelspartner, noch vor Saudi-Arabien. Als Gegenleistung vergibt die pakistanische Regierung jedes Jahr großzügig Jagdlizenzen. Vor drei Jahren etwa waren es 28 Genehmigungen, jede erlaubt das Töten von 100 Trappen. Allein elf gingen an die Königsfamilie der VAE.

Wegen der politischen Brisanz der Vergabe ist das Außenministerium zuständig, am Ende segnet der Premierminister die Entscheidung ab. Aus gutem Grund: Als die Saudis vor einigen Jahren nicht die gewünschten Reviere bekamen, soll die Regierung laut pakistanischen Medienberichten einen wütenden Brief an Pakistans Präsidenten geschrieben und verbilligte Öllieferungen verweigert haben.

Für das Wohlwollen der Scheichs zahlt Pakistan einen hohen Preis: Die Kragentrappe ist weltweit in akuter Gefahr. Niemand weiß ganz genau, wie viele Exemplare es noch gibt. Nach Schätzungen der Nichtregierungsorganisation IUCN, die jedes Jahr die Rote Liste der bedrohten Arten herausgibt, sind es nicht viel mehr als 100000. Und der Bestand geht schnell zurück: um etwa ein Drittel in den vergangenen zwanzig Jahren. Wenn es sich bei der Asiatischen und der Nordafrikanischen Kragentrappe jeweils um eine eigene Spezies handelt, wie Biologen glauben, ist es um beide noch schlechter bestellt.

Eigentlich ist die Kragentrappe deshalb schon seit Langem international geschützt. Auch das pakistanische Recht verbietet seit 1972 die Jagd – doch das gilt faktisch nur für Einheimische. Ginge es nach dem Umweltministerium, würde das Verbot auch für die einflussreichen Ausländer gelten. Doch gegen die diplomatischen Interessen kommen die Umweltschützer nicht an. Dabei hat der Nachbarstaat Indien gezeigt, dass Protest funktionieren kann: Dort wurden die ausländischen Trappenjäger nach landesweiten Bürgerprotesten schon 1979 verbannt. Dass in Pakistan dasselbe geschehen könnte, ist allerdings unwahrscheinlich. Pläne dafür gibt es nach Angaben der Regierung jedenfalls nicht.

Immerhin haben die Scheichs erkannt, dass sich etwas ändern muss, wenn sie ihre traditionelle Beute auch in Zukunft noch jagen wollen. Sie finanzieren beinahe die gesamte Forschung zur Kragentrappe. Die internationale Stiftung zur Bewahrung der Kragentrappe, die 2006 vom jetzigen Präsidenten der VAE, Scheich Chalifa bin Said al-Nahjan, gegründet wurde, betreibt gleich mehrere Zuchtstationen. Allein die größte in Abu Dhabi produzierte 2012 etwa 13000 Kragentrappen. Dieses Jahr sollen es 20000 werden.

Ob das die Art wirklich rettet, ist allerdings noch unklar. Denn die Massenzucht, die umso leichter fällt, je weniger schreckhaft die Vögel sind, hat unerwartete Folgen: Eigentlich hat die Kragentrappe den Ruf, besonders zäh und klug zu sein. Auch deshalb ist sie als Beute so beliebt. Doch mittlerweile wird von ersten Vögeln berichtet, die sich Geländewagen neugierig nähern, statt zu flüchten.

Derartige Vögel sind nicht nur kaum überlebensfähig. Sie rauben den Scheichs auch jede Freude an der Jagd.

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