ZEITmagazin: Herr Meyerhoff, Sie sind Schauspieler, aber jetzt sind Sie unter die Schriftsteller gegangen. Warum?

Joachim Meyerhoff: Ich war irgendwann erstaunt, dass ich schon so lange Theater spiele. 20 Jahre! Und ich fragte mich: Woraus speist sich das eigentlich, was ich da mache? Also habe ich ein Stück geschrieben, das von meiner Kindheit und Jugend erzählte. Das war schön, aber ich merkte, dass sich die Schauspieler fragten: "Was soll ich jetzt Herrn Meyerhoffs Biografie spielen, nur damit der was über seine Vergangenheit herausfindet?" Deshalb habe ich die Texte selber auf der Bühne vorgetragen. Erst dachte ich, ich lese das vor. Aber dann fing ich an, auch frei zu erzählen, ich nahm irgendwelche Abzweigungen und erfand auch Geschichten. Interessanterweise tauchten gerade durch das Erfinden Sachen auf, die mir neue Teile meiner Biografie erschlossen. Ich wurde jeden Abend ein bisschen mehr ich selbst. So entstanden dann die Bücher.

ZEITmagazin: In denen geht es immer auch um den Tod: Ihr Bruder starb bei einem Verkehrsunfall, Ihr Vater an Krebs.

Meyerhoff: Die Bücher haben mir einen Weg gezeigt, wie ich mit der Unfassbarkeit dieser Verluste umgehen konnte. Ich war 17, als mein Bruder starb. Sein Tod brach ein in so eine bürgerliche, heile Welt, es gab nichts, auch nichts Religiöses, um dem irgendwie begegnen zu können. Mir fehlte sogar die Emotionalität der Trauer.

ZEITmagazin: Ihre Bücher sind aber herzzerreißend komisch.

Meyerhoff: Was unerlöst als Trauermoment da war, zeigte sich plötzlich als befreiend. Ich begriff, dass die Entwicklung, die mein Leben genommen hatte, sehr viel mit diesen Katastrophen zu tun hatte. Man könnte sich diese Katastrophen nie wünschen. Aber doch ist daraus etwas entstanden, wo ich geradezu schlottere vor Angst bei dem Gedanken, es wäre nicht passiert. Meine Lesungen sind jetzt wie eine Erinnerungsséance. Es ist schön, diese mir so nahen Menschen wieder aufleben zu lassen.

ZEITmagazin: Als Leser wäre man am liebsten Teil Ihrer Familie. Es klingt so bilderbuchmäßig.

Meyerhoff: Das ist sicherlich auch eine Verklärung, der Titel Wann ist es endlich wieder so, wie es nie war sagt das ja auch. Natürlich war das oft viel alltäglicher und schaler. Aber man kann die Erlebnisse im Nachhinein steigern und sich so breiter aufstellen, sich seinen eigenen Mythos schaffen. Das gibt einem Kraft für die Zukunft.

ZEITmagazin: Ihr Vater, Direktor einer psychiatrischen Klinik, wollte, dass Sie Polizist werden.

Meyerhoff: Ja, das war seine Sehnsucht für mich. Er meinte: Du magst Sport, du bist nicht gut in der Schule, du reist nicht gerne, bleib hier und werde Polizist! Ich fand, das war eine gute Idee. Ich fand, das war echt eine gute Idee. Aber dann habe ich mich auf der Schauspielschule beworben. Das ganze Physische war da mit drin, aber auch die Literatur, wir waren ein überschaubarer Kreis, ich musste mich nicht wie im Studium selbst organisieren, das tat mir gut.