Die Nibelungensage ist ein Pfund, mit dem sich touristisch wuchern lässt. In Worms hat man das erkannt und auch in Xanten am Niederrhein, der Heimat Siegfrieds, wo es inzwischen ein Nibelungenmuseum gibt. Doch viel wichtiger ist hier ein weiteres Erbe: das antike. Denn im Gegensatz zu anderen bedeutenden Römerstädten wie Köln oder Mainz wurde die Fläche der Stadt Colonia Ulpia Traiana, des heutigen Xanten, weder im Mittelalter noch in der Neuzeit überbaut – eine in Deutschland einmalige Situation.

Der Umstand ist umso glücklicher, da Xanten zwischen etwa 100 und 275 nach Christus zu den wichtigsten römischen Städten nördlich der Alpen zählte und neben Köln, der Hauptstadt, als einziges Gemeinwesen der Provinz Germania Inferior den spezifischen Status einer Colonia innehatte. Hinter der Verleihung dieses besonderen Stadtrechts stand im Falle Xantens Kaiser Trajan (98 bis 117), der sich von diesem Schritt wohl eine zusätzliche Stabilisierung der unsicheren Rheingrenze erhoffte.

In unmittelbarer Nachbarschaft zur zivilen Siedlung existierte bereits seit augusteischer Zeit ein Legionslager, dessen enge Symbiose mit der Stadt bis ins späte 3. Jahrhundert währte. Zur Blütezeit lebten in Xanten auf einer Fläche von 73 Hektar rund 10.000 Menschen. Es gab alles, was den Komfort einer römischen Großstadt ausmachte: von planvoll angelegten Straßenzügen über ausladende Thermen bis hin zum prächtigen Amphitheater. Um 275 zerstörten fränkische Horden, Vorboten der rund hundert Jahre später losbrechenden Völkerwanderung, Garnison und Stadt, womit eine neue Entwicklungsphase des Ortes begann. Das neue, das christliche Xanten indes entstand nicht auf, sondern neben der alten Römerstadt.

Um die Rekonstruktion der Colonia Ulpia Traiana kümmert sich die Kommune seit bald dreißig Jahren. In einem ersten Schritt ließ man fast das gesamte Areal zum Bodendenkmal erklären und wandelte die bis dahin meist landwirtschaftlich genutzte Fläche sukzessive in einen Archäologischen Park um. Mit über 600.000 Besuchern im Jahr zählt er heute zu den populärsten Museen in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen das riesige Freigelände mit originalgetreuen Nachbauten römischer Gebäude sowie ein Haus, das die römisch-germanische Geschichte der Stadt und ihrer Umgebung vermittelt.

Immer wieder macht das Museum mit ungewöhnlichen Ausstellungen auf sich aufmerksam. Dabei geht es stets um besondere Facetten der antiken Lebenswirklichkeit und gleichzeitig um Universalien des menschlichen Zusammenlebens. Die aktuelle Schau, entstanden in Kooperation mit dem Aargauer Vindonissa-Museum, dem archäologischen Museum in Konstanz und dem Archäologischen Park Carnuntum bei Wien, trägt den Titel Überall zu Hause und doch fremd. Römer unterwegs. Erneut ein akutes Thema: Mobilität, Migration, Heimat. Den räumlichen und zeitlichen Rahmen bilden die germanischen Provinzen während der hohen römischen Kaiserzeit.

Dass die Antike eine "mobile Epoche" war, ist nicht nur für Altertumswissenschaftler mittlerweile eine Binsenweisheit. Ob ominöse Seevölker in der späten Bronzezeit, griechische Stadtgründungen in Unteritalien und auf Sizilien oder phönizische Kaufleute in Nordafrika – es gab viel Bewegung rund ums Mittelmeer. Häufig waren großräumige Wanderungs- und Migrationsprozesse ausschlaggebend für historische Zäsuren. Die römische Geschichte selbst verdankt ihren Beginn – dem Mythos nach – einer Migration: Aeneas, ein gebeutelter Kriegsflüchtling aus Troja, und ein umherziehender Halbstarker aus den Hügeln Latiums namens Romulus werden seit Jahrtausenden mit der Gründung der Stadt in Verbindung gebracht.

Auch das kaiserzeitliche Reich funktionierte über einen Zeitraum von mehreren Hundert Jahren als konsolidierter Verbund verschiedener Kulturen und Völker, die sich zeitweise von Britannien bis zum Euphrat in einem riesigen wirtschaftlichen Binnenraum bewegten. Ein ausgebautes Straßennetz, Schiffe im Linienverkehr, weitverzweigte Handelsbeziehungen, Latein und Griechisch als gemeinsame Verwaltungssprachen und nicht zuletzt die über die Jahrhunderte ansteigende Vergabe des einheitlichen römischen Bürgerrechts im gesamten Reich ermöglichten eine erstaunliche Mobilität.

Den Kuratoren in Xanten geht es freilich nicht um eine Aufbereitung infrastruktureller Besonderheiten. Im Mittelpunkt stehen beispielhafte Lebensläufe, menschliche Schicksale. Dazu gehören die Viten von Händlern und Soldaten, aber auch von Sklaven – so ziemlich jede soziale Schicht ist vertreten.

Auf eine übertriebene digitale Begleitung wird verzichtet. Stattdessen will man die Objekte für sich sprechen lassen, sie seien die Medien, erklärt Charlotte Schreiter, die Direktorin des Museums. Diese Haltung tut der Schau gut, verblassen doch gegen die emotionale Kraft eines antiken Briefes die buntesten digitalen Bilder.

Bereits ein erstes, für den flüchtigen Blick eher unscheinbares Schaustück ist von bemerkenswerter Aktualität. Wir sehen einen bronzenen Beschlag für das Futteral eines Messers. Das etwa 13 Zentimeter lange Objekt trägt den Namen des Herstellers, des Metallhandwerkers Gemellianus aus dem heutigen Baden im Kanton Aargau. Wie die entsprechende Fundverbreitung zeigt, erfreuten sich die Produkte des Gemellianus offenbar im gesamten Gebiet nördlich der Alpen großer Beliebtheit. Gemellianus war eine Marke, und der in Durchbruchtechnik auffällig angebrachte Name war das Logo. Kurioserweise existierte weit entfernt vom Produktionsort in der Schweiz, in der Nähe von Passau, augenscheinlich eine Werkstatt, die sich vielleicht im großen Stil, definitiv jedoch im Falle der Produkte des Gemellianus, auf die Herstellung von Raubkopien spezialisiert hatte.