Es ist ein oft begangener Fehler, Gerhard Cromme zu unterschätzen. Der Mann ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Wirtschaft. Er ist mutig und hält Anfeindungen aus, sonst hätte er nicht in den achtziger Jahren gegen größte Widerstände das Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen geschlossen. Er ist angriffslustig, sonst hätte er nicht als Krupp-Chef Anfang der neunziger Jahren den Konkurrenten Hoesch gegen dessen Widerstand übernommen. Auch weitsichtig kann Cromme sein, sonst hätte er nicht später die Fusion von Krupp mit Thyssen betrieben und im zweiten Anlauf durchgesetzt. Und er hat einen ausgeprägten Sinn für Politik und Taktik, wie sonst hätte er über Jahre die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex leiten können.

Eine weitere für Crommes Persönlichkeit zentrale Eigenschaft: Der Mann scheut nicht davor zurück, harte Schnitte zu machen.

Das hat Ferdinand Piëch erfahren müssen, wegen dessen Gebaren Cromme im Jahr 2006 den VW-Aufsichtsrat verließ. Bitter erlebt hat das auch der ehemalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer, später Crommes Aufsichtsratskollege bei Siemens und bei ThyssenKrupp. Ihn drängte Cromme im Zuge des Schmiergeldskandals erst an den Rand und ließ ihn dann mit Schadenersatzforderungen überziehen. Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld wurde von Cromme 2007 ausgebremst. Zuletzt erfuhren es drei Vorstände von ThyssenKrupp. Cromme räumte sie einfach ab.

Jetzt also hat Peter Löscher die kalte Seite des Gerhard Cromme kennengelernt, jener Manager, den Cromme erst 2007 von der Pharmafirma Merck & Co. in den USA geholt und zur allgemeinen Überraschung als Siemens-Chef eingesetzt hatte. Löscher, der erste Externe an der Konzernspitze, war damals in der deutschen Wirtschaft unbekannt.

Die Ironie: Crommes Ruf ist weitaus ramponierter als der Löschers

Als Aufsichtsratsvorsitzender hielt Cromme lange die Hand über Löscher, dann distanzierte er sich vorsichtig von ihm, nun verständigte er sich mit den Aufsichtsräten der Kapitalseite darauf, ihn abzuberufen. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat um IG-Metall-Chef Berthold Huber machten mit, obwohl Huber stets große Stücke auf Löscher gehalten hatte. Auch in ihren Reihen hat er an Ansehen eingebüßt. So hat der Chef des Siemens-Gesamtbetriebsrats, Lothar Adler, eine "Angstkultur" im Unternehmen beklagt. Löschers Abgang sorgt bei vielen Mitarbeitern für Erleichterung.

Zur Ironie der Ereignisse gehört, dass Crommes Ruf derzeit weitaus ramponierter ist als der von Löscher. Seine alte Firma ThyssenKrupp hat sich mit Stahlwerken in Brasilien fatal verkalkuliert, als Cromme dort die Aufsicht führte. Milliardenverluste belasten den Essener Traditionskonzern, der anders als Siemens heute ein echter Sanierungsfall ist. Das Desaster kostete Cromme, der sich schon als der Nachfolger von Ruhr-Legende Berthold Beitz gesehen hatte, Ansehen und den Aufsichtsratsvorsitz in Essen.

Aber Cromme wäre nicht Cromme, wenn er sich von dieser Erfahrung allzu sehr hätte beeindrucken oder gar verunsichern lassen. Wenn dieser Mann in sich hineinblickt, sucht er nicht nach Fehlern oder Versäumnissen, sondern er sieht vor allem klare Gründe, warum er so handeln musste, wie er gehandelt hat. Man darf daraus allerdings nicht auf eine mangelnde Lernfähigkeit schließen, dazu ist Cromme zu klug und zu wendig.

Es scheint, als habe der 70-Jährige als eine Lektion aus dem Debakel bei ThyssenKrupp gelernt: dass es falsch ist, aus Loyalität an einem Manager festzuhalten, dem er nicht zutraut, den Konzern in Zukunft erfolgreich führen zu können.

Cromme kann sich zugutehalten, als Aufsichtsratsvorsitzender Siemens aus dem Korruptionsskandal geführt zu haben, wenn auch die Kosten für Anwälte exorbitant waren. Nach der Niederlage bei ThyssenKrupp liegt ihm nun enorm viel daran, dass sich der vielfach größere Siemens-Konzern in den kommenden gut viereinhalb Jahren, in denen er, Cromme, dort das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden innehat, gut entwickelt.

Nach seinem Rückzug bei ThyssenKrupp, um den ihn Beitz gebeten hatte, hat Cromme nun zwei weitere wegweisende Entscheidungen getroffen: die Trennung von dem unglücklich agierenden und anhaltend überfordert wirkenden Löscher und die Beförderung des fähigen Strategen und Kommunikators Joe Kaeser zum Vorstandschef (mit der bei Redaktionsschluss am Tag vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung jedenfalls zu rechnen war).