Andreas Tscheppe mag Insekten. Besonders der Hirschkäfer hat es ihm angetan. "Ein wunderschönes Tier, das die meiste Zeit unter der Erde verbringt", schwärmt der Naturfreund aus der Südsteiermark. "Hirschkäfer erblicken für nur wenige Wochen das Licht der Welt", erklärt er, "gerade lange genug, um sich fortzupflanzen."

Andreas Tscheppe ist kein Koleopterologe. Er ist Weinmacher, allerdings einer der etwas ungewöhnlichen Art. Allein schon die Etiketten seiner verschiedenen Weine sind bemerkenswert: Jede Flasche ziert ein Kleingetier, meist sind es Krabbelwesen. Der Wein mit dem Hirschkäfer ist am erstaunlichsten. Das Fass, in dem er reifte, hat Tscheppe nicht in seinem Weinkeller aufbewahrt, sondern in der Erde vergraben. Dazu musste zuvor ein Bagger ein riesiges Loch ausheben, das Fass blieb anschließend einige Monate lang verbuddelt. "Die Ruhe unter der Erde, die ein Hirschkäfer braucht, die muss doch auch dem Wein guttun", sagt er sich. Ihm ist bewusst, dass solch ein Satz bei den meisten Menschen nur ungläubiges Staunen hervorruft.

Tscheppes Weine fallen unter den Überbegriff Natural Wines, wobei das vergrabene Erdfass nur eine der besonders ausgefallenen Produktionsmethoden dieses Genres ist. Tscheppe keltert auch Weine, die einige Wochen, manchmal sogar Monate, auf der Maische liegen und wie Rotweine mit den Schalen vergoren werden. Die Schalen und Kämme der Weißweintrauben enthalten Farbpigmente, Tannine und Phenole, die den Weinen eine orange Farbe geben. Im Glas wirken sie wie Gemüsesäfte. Es sind keine Weiß-, aber auch keine Rotweine, es sind sogenannte Orange Wines – und die sind der letzte Schrei unter Weinliebhabern.

In Österreich ist diese auf den ersten Blick recht seltsam anmutende Art der Weinproduktion noch auf eine überschaubare Anzahl von Winzern beschränkt. Zu den wichtigsten zählen fünf Weinmacher aus der Steiermark, vier davon sind im südsteirischen Leutschach beheimatet: Sepp Muster, Andreas Tscheppe sowie sein Bruder Ewald (Weingut Werlitsch) und Roland Tauss. Nur die Sektmanufaktur Strohmeier ist in St. Stefan ob Stainz in der Weststeiermark beheimatet.

Unter dem etwas esoterischen Titel Schmecke das Leben haben die fünf Extremisten eine Allianz und Vermarktungsplattform im Internet gegründet. Ihr gemeinsames Ziel ist es, biologisch hergestellte Rebensäfte zu erzeugen, die so ganz anders sind, als man das von herkömmlichen Weinen gewohnt ist. Dazu vergräbt der eine seine Fässer für einige Zeit in der Erde, ein anderer lässt seine Weine nicht in Fässern, sondern wie in der Antike in tönernen Amphoren reifen, die dann im Keller lagern oder ebenfalls in der Erde vergraben werden. Häufig wird gänzlich auf den Einsatz von Schwefeldioxid verzichtet, was unter konventionellen Winzern als Ding der Unmöglichkeit gilt. Denn gewöhnlich sorgt Schwefel dafür, dass Wein nicht verdirbt.

Kein Schwefel, keine Tricks, nichts soll den Geschmack beeinflussen

Wäre die Gruppe der steirischen Naturwinzer bloß eine Handvoll verträumter Idealisten, könnte man ihre eigenartigen Traubensäfte als Ergebnis kollektiver Spinnerei abtun. Doch alle fünf verkaufen ihre Weine an die schicksten Restaurants der Welt: An das Noma in Kopenhagen, einige Jahre als "weltbestes Restaurant" gerühmt, oder an hoch dekorierte Gourmettempel in London und New York. Vor allem gastronomische Trendsetter bestücken ihre Weinkarten immer öfter mit ganzen Batterien von Natural Wines. Was im Deutschen etwas schwerfällig mit dem Begriff Naturweine übersetzt wird, ist in der Gourmetszene der USA, Englands oder Frankreichs längst eine Modeerscheinung.

Produziert werden Naturweine nicht nur in Österreich, sondern vermehrt auch in Italien und Frankreich, wo sich die Extremisten unter den Biowinzern zu eigenen Vereinen zusammengeschlossen haben. Ausgelöst wurde diese Welle von den friulanischen Naturweinpionieren Josko Gravner und Dario Princic, die schon vor rund 20 Jahren begonnen hatten, das Weinmachen von Grund auf zu verändern.