Brandt, Scharping, Jung, Guttenberg, Schavan, jetzt Platzeck: Ein ideales Datum für den Rücktritt gibt es nur im Rückblick. Helmut Kohl wäre der Allergrößte gewesen, wenn er 1992 – zwei Jahre nach seiner dritten Wahl – im Glanze der Wiedervereinigung demissioniert hätte. Adenauer erreichte den Höhepunkt 1959, zwei Jahre nachdem er die einzige absolute Mehrheit in freien deutschen Wahlen eingefahren hatte. 1963 musste er abtreten. Margaret Thatcher hätte es nach zweimal vier Jahren tun sollen, bevor sie 1990 dazu gezwungen wurde. Willy Brandts Zenit war 1972; da holte die SPD fast 46 Prozent, doppelt so viel wie 2009. Zwei Jahre später stürzte er über Mädchen und Spione.

Gute Rücktritte sind selten. Der bestinszenierte war der des Ägypters Gamal Abdel Nasser, nachdem die Israelis 1967 seine Armeen in fünf Tagen zerschlagen hatten. Am 10. Juni verkündete er, "in die Reihen der Massen" zurückzukehren. Die brüllten "Nein", und tags drauf beugte sich der Diktator seinem Volk. Frisch gestärkt, ließ er Hunderte von Offizieren als Sündenböcke für die Niederlage verhaften.

Eine halbwegs gute Abdankung legte auch Edward VIII. hin. Sehr schnell merkte er, dass er mit der Ehelichung der geschiedenen Wallis Simpson eine Verfassungskrise provozieren würde. Er wählte die Liebe und stieg nach nur 326 Tagen vom Thron. Gut für Mrs. Simpson, gut für England, das 1936 auf den Krieg mit Deutschland zusteuerte, war doch Edward ein geheimer Nazi-Sympathisant. Hans-Dietrich Genscher hat nach 18 Jahren im Außenamt 1992 aus freien Stücken verzichtet. Zu Recht: Er hatte instinktiv erkannt, dass es für ihn nichts mehr zu tun gab. Die Sowjetunion hatte gerade Selbstmord begangen; damit war die Ost-West-Bühne kollabiert, auf der Genscher so meisterhaft wie Stresemann finassieren konnte: Standbein im Westen, Spielbein im Osten.

Warum die meisten den Moment verpassen? Die Antwort ist so simpel wie die auf die Frage, warum Joe Louis nach 26 Schwergewichts-Weltmeisterschaften im Alter von 37 gegen Rocky Marciano antrat und in der achten Runde aus dem Ring gefegt wurde. Der Größte dankt nicht ab, denn er ist unverwundbar und unschlagbar. Ein Politiker wähnt sich zudem unersetzbar und unfehlbar. Das glaubten sie alle – von Adenauer über Thatcher bis Kohl. Gab ihnen die schier unendliche Amtszeit nicht recht? Hatten sie nicht wie heute Merkel alle Rivalen abserviert?

In diesem Sinne ist Matthias Platzeck ein weiser Mensch, hat er doch nicht abgewartet, bis ihn der nächste Schlaganfall aus dem Amt vertreibt. Vielleicht hat er auch auf eine Million Jahre Evolutionsgeschichte gehört, die flüstert: Die Jungen und Starken gewähren dem Angezählten keine Gnade; besser aufrecht abgehen als scheibchenweise fallen. Aber er wird ein Einzelfall bleiben, weil noch kein Machtmensch auf dem Wege des Selbstzweifels nach oben gekommen ist.

Die Amerikaner, deren Verfassung auf einem realistischen Menschenbild fußt, haben das Problem mit dem 22. Zusatz gelöst. Nach viermal Roosevelt, der sein letztes Lebensjahr gelähmt und gepeinigt im Rollstuhl verbrachte und womöglich deshalb in Jalta Osteuropa an Stalin verschenkte, galt: zwei Amtszeiten und Schluss. Leider geht das nur in einem Präsidial-, nicht in einem Parlamentssystem wie dem deutschen.