Es war nicht so in den vergangenen Jahren, dass Betriebsversammlungen der Washington Post Hoffnung stiftende Veranstaltungen gewesen wären für die Mitarbeiter dieser stolzen amerikanischen Zeitung. Viele endeten damit, dass danach weniger Journalisten an den Schreibtischen saßen als zuvor und dass die Zeitung weniger Seiten hatte, weil die Manager Geld sparen wollten. Es gab immer weniger Raum für Geschichten wie jene von Bob Woodward und Carl Bernstein, die in den 1970er Jahren den Watergate-Skandal aufgedeckt und damit dazu beigetragen hatten, dass Richard Nixon als Präsident zurücktreten musste – wofür Hollywood den Reportern und ihrer Zeitung mit Die Unbestechlichen ein Denkmal setzte.

Als die Beschäftigten am Montag dieser Woche einer E-Mail-Einladung ihrer Verlegerin Katharine Weymouth Folge leisten und sich wieder einmal auf den Weg ins Auditorium des Redaktionshauses in Washington DCs 15. Straße machen, ist von der selbstbewussten Stimmung jener Tage wenig zu spüren. Sie rechnen mit einer Fortsetzung der an Fortsetzungen reichen Geschichte von Sparrunden in Amerikas Zeitungshäusern. Einige denken, dass es nun wohl so weit sei mit dem Umzug in ein Gebäude – nicht mehr so nah am Weißen Haus, dafür aber billiger.

Doch als sie den Verlegern ihrer Zeitung lauschen, trauen sie ihren Ohren nicht. Donald Graham, der Aufsichtsratschef, verkündet: "Unser Unternehmen macht öffentlich, dass wir die Washington Post an Jeff Bezos, den Gründer von Amazon, verkauft haben." Jeff Bezos, das ist der Mann, der mit seinem Versandhandel Amazon das globale Buchgeschäft verändert hat: durch ein zahlengetriebenes Unternehmen, das die Mitarbeiter in den Dienst der Technik stellt und Kulturgüter wie Bücher und Musik in massenverwertbare Dienstleistungen verwandelt. Der aber auch in der Lage ist, diesem Geschäft eine Zukunft zu sichern.

"Was?, habe ich gedacht", sagt ein Redakteur, der dabei war und lieber anonym bleiben will. In den vergangenen Jahren hat er viel Zeit damit zugebracht, mit Kollegen zu diskutieren, ob es nicht klug sei, sich einen neuen Beruf, einen Arbeitsplatz mit Zukunft zu suchen. Doch nun Bezos! "Wir haben uns alle vollkommen ungläubig angeschaut", sagt er.

Das liegt auch daran, dass Jeff Bezos, der Mann, der die Washington Post kauft, ein Mann jener erfogreichen Zukunftswelt ist, mit der viele Journalisten ihre Zeitungen kaum mehr verbinden, seit die Charts zu Verkaufszahlen, Gewinnen und Umsätzen stetig nach unten weisen. Zukunft ist ein Wort, das viele Washington Post- Reporter zuletzt eher als Bedrohung denn als Chance verstanden. Das gleiche Gefühl haben sie bei diesen Digital-Menschen, die binnen weniger Jahre die ganze Zeitungsindustrie verändert haben. Menschen wie Jeff Bezos, Gründer eines der größten Internetunternehmen der Welt, 25 Milliarden Dollar reich. Im vergangenen November hatte er in einem Interview mit der Berliner Zeitung noch das Totenglöckchen für die Zeitung als solche geläutet: "Über eines bin ich mir sicher: In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben." Selbst die von vielen Verlagen erhoffte Rettung räumte er gleich mit ab: "Im Web zahlen die Menschen nicht für Nachrichten, das wird sich auch nicht mehr ändern."

Und nun gibt dieser Mann 250 Millionen Euro für die Washington Post und ein paar weitere Tageszeitungen aus, die zur Gruppe gehören. Selbst der notorisch pessimistische Post- Journalist, sagt nun: "Mein Gefühl ist, dass wir eine Zukunft haben können. Das ist etwas, das ich vor einer Woche noch nicht gesagt hätte."

Tatsächlich birgt dieser große Deal eine nicht minder große Ironie: Jeff Bezos, der Digital-Mann, scheint einige der Analog-Menschen aus den Zeitungen von ihren Ängsten zu erlösen, die sie vor allem wegen der Digital-Menschen haben. Doch die Antwort auf eine entscheidende Frage, die auch den Rest der Industrie interessiert, bleibt Bezos bislang schuldig: Warum tut er das? Wie will der Mann aus der Zukunft eine Brücke bauen in die Redaktion der Washington Post, die trotz Digitaloffensiven und Internetfernsehversuchen in keiner profitablen Zukunft ankommt.

Bezos ist nicht der einzige reiche Mensch, der von außen kommt und im Zeitungsgeschäft sein Glück versucht. Der Großinvestor Warren Buffett hat sich ein Portfolio an amerikanischen Lokalzeitungen zugelegt, nach eigenem Bekunden aus Nostalgie. Vergangene Woche kaufte zudem der Unternehmer John Henry den Boston Globe für 70 Millionen Dollar, die New York Times hatte 1993 noch 1,1 Milliarden Dollar dafür bezahlt. Auch die in Amerikas Medienszene eifernden Krieger am rechten Rand planen den Einstieg ins Geschäft mit der publizistischen Leichenfledderei. So liebäugeln die aus Kansas stammenden Unternehmerbrüder David und Charles Koch mit dem Kauf einer Gruppe, zu der auch die Chicago Tribune gehört, um den "Hardcore-Sozialisten" Barack Obama zu bekämpfen. Die traditionsreichen Blätter sind wie auch der Philadelphia Inquirer ohnehin schon halb kaputtgespart worden, sodass nur mehr die vielen Pulitzer-Preise an deren stolze Vergangenheit erinnern.