Anfang der Woche gab es Hackfleisch in London, garniert mit naseweiser Schwarzmalerei. Und mit einem Zitat Winston Churchills: "Wir werden von dem Aberwitz abkommen, ein ganzes Huhn zu züchten, um die Brust oder den Flügel zu essen, und diese stattdessen in einem geeigneten Medium züchten." Diese Prognose wagte der Staatsmann im Jahr 1931.

82 Jahre später hat der Forscher Mark Post von der Universität Maastricht zwar keinen Flügel, aber immerhin eine Frikadelle im Labor gezüchtet. Zwei Kühe mussten ein wenig Muskelgewebe aus der Schulter opfern; daraus gewann man Stammzellen. Aus diesen Zellen hat Post Tausende kleiner Häufchen aus Muskelfasern gezüchtet und diese zu Hackfleisch zerrieben. Den daraus zubereiteten Burger verkosteten in London zwei Freiwillige. Kein Zweifel, die "Weltpremiere" am Montag war eine professionelle PR-Aktion.

Und sofort hieß es neunmalklug: Nein, das wird niemals echtes Fleisch ersetzen! Wie ekelhaft! Und viel zu teuer!

Ja, der Burger (finanziert von Google-Mitbegründer Sergey Brin) kostete eine Viertelmillion Euro. Noch. Wie viel billiger die Herstellung werden kann, ist völlig offen. Aber es gibt gute Argumente für diese Forschung: Heute wird fast ein Drittel der nutzbaren Landfläche der Tierzucht gewidmet. Und mit dem Wachstum der Menschheit wächst auch ihr Fleischhunger. Laborfleisch könnte helfen, ihn zu stillen, gleichzeitig Energie bei der Produktion sparen (35 bis 60 Prozent) und Treibhausgase vermeiden (80 bis 95 Prozent). Und die Technik verspricht Fleischgenuss ohne einen Gedanken an das Leiden in der Massentierhaltung.

Die Argumente der Gegner indessen? Ekel. Das Gefühl, dass die Labor-Boulette unnatürlich ist, eine "Freakadelle". Auch wenn Laborfleisch zunächst unappetitlich klingt – Schlachthöfe und Legebatterien sind auch nicht schöngeistig. Wenige Teile der Realität verdrängt der Mensch so erfolgreich wie die Herstellung dessen, was er isst und trinkt.

Die Kritiker verweisen außerdem auf die technischen Makel der neuen Methode. Tatsächlich ist sie auf zwei hässliche Zutaten angewiesen: Antibiotika, damit die Fleischkulturen nicht von Bakterien überwuchert werden, und fetales Kälberserum für die Nährflüssigkeit der Muskelzellen. Bis in Tiefkühlburgern oder Fertiglasagne ethisch und ökologisch korrektes "Kulturfleisch" (cultured meat) steckt, haben die Forscher also einiges zu tun. Sofern ihnen die industrielle Herstellung überhaupt gelingt.

Auch wenn es gute Gründe gibt, dass der Traum vom Fleisch aus der Petrischale scheitern könnte: Es gibt keinen guten Grund, sich das zu wünschen.

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