Am späteren Abend, wenn die Jogger im Englischen Garten ihre Stirnlampen einschalten und unten am Eisbach die Surfer müde im Gras liegen, wenn auch die letzten Schwabinger ihre Sonnenbrillen abnehmen, und sei es nur, um das satte Rot ihres Aperol Spritz besser sehen zu können, schlüpfen Maria Hafner und Julia Loibl in ihre Dirndl. Ziehen noch ein, zwei, drei Unterröcke drunter, stecken die Beine in altmodische Lochmusterstrümpfe – und schon sehen sie aus wie der oberbayerische Trachtenverein auf München-Tournee. Aber nur auf den ersten Blick.

Julias Dirndl ist nach einem Tag im Rucksack völlig zerknittert. Maria hat sich beim Baden den Fuß angehauen, jetzt quillt er aus dem Riemchenschuh. "Aber das passt schon." In ihrem Duett Isarsplitter geht’s ärger zu. Da schwimmen diverse Körperteile im Fluss, und am Ufer feixen die Gaffer: "Hey, du da drinna, konnst ned schwimma?"

Veranstalter sortieren die beiden Musikerinnen, die man in München als Hasemanns Töchter kennt, zur Neuen Volksmusik. Was sich dahinter genau verbirgt, weiß keiner so recht, außer dass es jung, bayerisch und ziemlich angesagt ist. Tradition liegt in München im Trend.

Man spricht wieder Dialekt, man trägt wieder Tracht, nicht nur auf der Bühne. In den Clubs hängen Hirschgeweihe und beim Friseur auch. In der Maxvorstadt sticht eine junge Tätowiererin besonders Mutigen Wolpertinger, die bayerischen Fabeltiere, in den Oberarm, auf dem Viktualienmarkt preisen die Blumenhändler Edelweiß als Balkonpflanze der Saison.

"Früher hatten wir die Schickeria, jetzt haben wir Heimat", sagt Julia Loibl, als wir uns am Vormittag treffen. Es klingt ein bisschen spitz. Aber Julia sagt auch, dass Hasemanns Töchter vor zehn Jahren keine Chance gehabt hätten. Die Trachtenvereine hätten gesagt: "So geht des fei ned." Alle anderen hätten sich zum Fremdschämen in eine Ecke verzogen.

München war Weltstadt. Mit Herz und Laptop, aber meist doch ohne Lederhose. Inzwischen scheint München wieder München sein zu wollen, das Zentrum einer Region, die viele nur mit Bergen, der CSU und rigidem Katholizismus in Verbindung bringen. Aber das sei ein Irrtum , sagt Maria. Bayern könne "ganz schön krautig" sein, "selbst in München".

Einen Filterkaffee noch, dann geht es mit dem Rad über die Isar in die südlichen Vorstädte. Hier, wo einst arme Bauern zu Arbeitern wurden, soll das bayerische Unterholz Münchens seit je am wildesten wuchern.

Der Gast wirft einen Blick zurück, auf die Türme von Rathaus und Frauenkirche, die hinter ihm in den Himmel ragen – und hat beinahe eine Kollision mit einem Traktor. Ein Kollege aus dem Heimatfach? Leider können wir das nicht erörtern. Eine Kette kracht vom Rad. "Kein Problem", sagt Maria. "Wir kommen vom Land", aus Straubing, Niederbayern. Da lernt man nicht nur Akkordeon spielen. Nach fünf Minuten rattern wir wieder übers Kopfsteinpflaster.

Schmale, frei stehende Häuser mit Höfen und Gärten säumen die engen Gassen am anderen Ufer. Vögel zwitschern. Die Sonne sticht. Maria deutet auf die Holzbänke, die den Hans-Mielich-Platz im Halbkreis umstehen. Nach der letzten Renovierung seien sie für kurze Zeit rot gewesen. Eines morgens waren sie blau. Die Fans des Fußballclubs München 1860 hatten es nicht ertragen, jeden Morgen die Signaturfarbe des Erzrivalen Bayern München sehen zu müssen – und zum Farbtopf gegriffen. In Berlin heißt so was Kiez-Guerilla. Aber im bürgerlichen München? Maria grinst. Wirst schon sehen.

In einer selbst für Giesinger Verhältnisse schmalen Gasse klopfen wir an ein Gartentor. Dahinter sitzt Giesinger Bräu, eine klassische Microbrewery und Sponsor der Neuen Volksmusik. Das passt. Der Chef, der uns Eintritt gewährt, verhält sich ähnlich schräg zum gängigen Bayernbild wie Hasemanns Töchter: Ohne die Ganzkörpertätowierung könnte man den massigen Kerl für einen aufstrebenden Provinzpolitiker halten, ohne die Krachlederne für einen Rocker. Julia fragt: "Magst was erzählen?" – "Na", antwortet er – und ist auch schon weg.

Der Braumeister ist ein wenig gesprächiger. Berichtet, wie ihm und ein paar Freunden vor Jahren das Bier im Wirtshaus nicht schmeckte und sie beschlossen: "Das können wir besser." Dass sie gut ohne Vertrieb auskommen, weil die Fans sich "das Zeug" selbst vom Hof holen. Er führt sogar ins Allerheiligste, wo Wasser und Hopfen in großen Tanks zu Bier vergären. Zum Abschied spendiert er eine Flasche. Und? Würzig, aber auch ziemlich süß. Der Braumeister hat’s geahnt. "Unser Bier ist zu schade für den Export!" Ist das noch krautig oder schon arrogant? Aufrechter Kampf gegen die Biermultis oder feistes "Mir san mir"?

Achim Bergmann lacht. "Das werdet ihr da oben im Norden nie begreifen." Bayern bringe "extremere Charaktere" hervor als der Rest Deutschlands. Extreme Konservative wie Franz Josef Strauß, extreme Anarchisten wie Herbert Achternbusch und extrem sture Geschäftsleute.