Kräuterbauer Reto Raselli

Reto Raselli steht auf seinem Feld und beobachtet das Wetter. Seit dreißig Jahren baut der Landwirt am Ufer des Lago di Poschiavo Kräuter an. Salbei, Eisenkraut, Malve – über ein Dutzend verschiedene Sorten auf 15 Hektar. Raselli ist einer von hier, einer aus dem Puschlav, aus dem äußersten Zipfel der Schweiz. Er spricht Dialekt, das "Pusc’ciavin", und perfekt Deutsch. Dennoch ärgert er sich regelmäßig, wenn er die Wetterprognosen des Schweizer Radios hört: "Wieso muss das in Mundart geschehen? Da gibt es einen Appenzeller. Und der nuschelt auch noch. Denkt denn beim Staatsradio eigentlich niemand an die Minderheiten?"

In der Schweiz leben rund 470.000 Menschen, die Italienisch als ihre Muttersprache bezeichnen. Das sind nicht einmal sieben Prozent aller Einwohner des Landes. Der größte Teil von ihnen lebt im Kanton Tessin. Viele in der Deutschschweiz. Und gut 20.000 im Kanton Graubünden. 5.000 davon im Puschlav. Zum Vergleich: Die im Bergkanton lebenden Rätoromanen tauchen in den statistischen Erhebungen mit 40.000 Personen auf. "Wir führen ein Dasein als Minderheit in der Minderheit", sagt Claudio Lardi. "Wenn wir italienischsprachigen Bündner gegenüber den Romanen und den Tessinern nicht ständig die Zähne zeigen würden, wären wir schon lange untergegangen."

Lardi war von 1999 bis 2010 Regierungsrat des Kantons Graubünden. In seiner Zeit als Vorsteher des Erziehungsdepartements boxte er durch, dass Schülerinnen und Schüler aus den deutschsprachigen Teilen des Kantons ab der 3. Klasse Italienisch zu lernen haben. Englisch blieb, im Gegensatz zu den meisten anderen Deutschschweizer Kantonen, zweite Fremdsprache. Es war ein Diktat im Sinne der innerkantonalen Verständigung, ein Diktat aber auch von beschränkter Halbwertszeit. Denn in diesem Frühling wurde im Kantonshauptort Chur eine Gesetzesinitiative lanciert, welche auf der Primarschulstufe nur noch eine Fremdsprache zulassen will. Entweder Deutsch oder Englisch. Die Chancen stehen gut, dass Dantes Sprache in Deutsch- und Romanischbünden bald auf die Oberstufe verschoben wird. Sehr zum Bedauern des Alt-Regierungsrates. Das Verhältnis zwischen den beiden Minderheiten –also den Italophonen und den Romanen – bezeichnet Lardi im Übrigen als "gegenseitiges aktives Ignorieren", wenn es denn nicht gerade darum geht, gemeinsam Front zu machen gegen die deutschsprachige Mehrheit.

Ein Puschlaver hilft dem anderen – auch im Unterland

Alt-Regierungsrat Claudio Lardi

An diesem Morgen sitzt der 58-jährige Lardi in einem Café beim Bahnhof Chur, vor sich hat er einen Stapel Unterlagen. Es sind Schriften, Anekdoten, Geschichten aus seiner Heimat, dem Valposchiavo. Mit 16 ist er von dort weggezogen. Zuerst nach Chur, dann nach Zürich, schließlich wieder zurück nach Chur. Doch sein Herz, das hängt nach wie vor am Puschlav. Lardi schmunzelt und zieht seinen Hut, um einen Passanten mit einem kurzen "Ciau" zu grüßen. Dann sagt er: "Ich kenne keinen Puschlaver, der nicht vom Heimweh geplagt würde." Selber reist der "Avvocato" mindestens einmal alle vierzehn Tage von Chur aus "in fora", also "hinaus" ins Puschlav. Über den Albula, quer durchs Engadin, hinter den Berninapass. Dorthin, wo seine Ahnen begraben liegen, seine alten Freunde leben – und die Winterreifen seines Autos eingelagert sind.

Ist der Kitt, der die Bündner im Unterland verbindet, traditionell stark, so potenziert er sich im Falle der Puschlaver geradezu. "Ein Puschlaver findet schneller eine Wohnung oder einen Job in Zürich als ein Zürcher", sagt Claudio Lardi. Eine wichtige Rolle kommt dabei der Vereinigung "Pusc’ciavin in Bulgia" und ihren übers ganze Land verstreuten Sektionen zu, wo sich die Cortesis, Crameris, Tuenas, Triaccas, Zanolaris und Zanettis regelmäßig auch außerhalb ihres Tals treffen, sich austauschen und den einen oder anderen Gefallen tun. Sie alle verbindet: die unauslöschliche Liebe zur Heimat. Zu Poschiavo, zu San Carlo, zu Brusio, zu Le Prese und all den anderen Dörfern und Weilern.

Das Dorf Poschiavo

Le Prese? Nein, daran hatten Oria und Marcello Gervasi nicht gedacht, als sie Pläne für die Zukunft schmiedeten. Des Genfer Hotelwesens überdrüssig, wollte das Ehepaar etwas Neues in Angriff nehmen. Eine Pension in Südfrankreich vielleicht, ein kleines Hotel im Tessin oder ein Agriturismo in der Toskana. Doch dann kam das Angebot aus dem Puschlav, die Direktion des Viersternehauses Le Prese am Nordufer des Lago di Poschiavo zu übernehmen. Für Marcello Gervasi, der im Weiler Cavaglia oberhalb von Poschiavo aufgewachsen ist, war es nach über dreißig Jahren ein Heimkommen. Für seine Gattin, eine gebürtige Baslerin, schon eher "ein Wagnis", wie sie anfügt. "Auf was lassen wir uns da bloß ein? Wie lebt es sich im Bergtal? Wie werden wir überhaupt empfangen? Solche Fragen habe ich mir immer wieder gestellt." Inzwischen sind einige Monate vergangen, das schmucke Hotel hat Ende Mai den Betrieb wieder aufgenommen – nach fünf Jahren Zwangsurlaub. Und bisher, beteuert das Direktorenpaar, könnten sie nur Positives berichten.