Man liest es ja nicht oft, aber Halle ist schön. 1945 war es sogar die größte deutsche Stadt, die der Bombenkrieg fast unzerstört gelassen hatte. Zwar holte diesbezüglich der Sozialismus manches nach, doch die notorische Geringschätzung haben die Hallenser, Halloren und Halunken nicht verdient. Das Stadtmuseum erzählt von bedeutender Vergangenheit und berühmten Ortsgewächsen, demnächst auch von Hans-Dietrich Genscher. Und Margot Honecker. Und da beginnen die Probleme.

Taugt Genscher wirklich zum Exponat des Stadtmuseums Halle?

Am 21. März 1927 erblickte Hans-Dietrich Genscher keineswegs das hallische Licht der Welt. Er wurde in Reideburg geboren, acht Kilometer entfernt. Zwar zog die Familie 1933 nach Halle, zwar folgte Reideburg 1950 durch Eingemeindung, doch bereits 1952 verließ Genscher die DDR gen Westen. Allerdings kehrte er auch als Bundesminister immer wieder privat nach Halle zurück. Wegen bewiesenen Heimatsinns mag Hans-Dietrich Genscher also weiterhin Hallenser heißen.

Weit klarer liegt der Fall der drei Wochen jüngeren Margot Honecker, geborene Feist. Sie ist ein Stadtkind reinsten Saalewassers, aus dem bettelarmen Viertel Glaucha. Sogenannter Glauchscher Adel, kommunistisches Proletariat. Der Vater Häftling im KZ Buchenwald. Die Tochter mit hallischer Mundart gesegnet, dass die Berliner Genossen von einem Ohr aufs andere fielen, als Erich Honeckers künftige Eheliebste 1950 ihre hauptstädtische Karriere begann. Als DDR-Volksbildungsministerin "Miss Bildung" genannt, auch "lila Hexe" – frisürlich bedingt. Dramatisch unbeliebt wegen schulischer Indoktrination, des Wehrkundeunterrichts, der Jugendwerkhöfe ...

Gehört diese Hallenserin ins Stadtmuseum? Verdient sie die Nachbarschaft des Ortsheiligen Genscher? Weiß der überhaupt davon? Lässt sich das Schlimmste noch verhindern? Teil eins der neuen Dauerausstellung Entdecke Halle! wurde im Mai eröffnet. Teil zwei (mit Honecker und Genscher) ist noch in Arbeit. Wir besuchen die Kuratorin Susanne Feldmann.

Aus Halles Historie erzählen auch das frühgeschichtliche Landesmuseum, das Händelhaus, die Franckeschen Stiftungen, das Halloren- und Salinemuseum, die Moritzburg ... Das Stadtmuseum muss also keineswegs ganz Halle schultern. Kuratorin Feldmann erläutert die Kapitel der Exposition: Siedlung. Industriegeschichte. Stadt als Gemeinschaft. Bilder und Images von Halle ... Wir machen hier keine Chronologie, sagt Kuratorin Feldmann, bei so was verschwache ich. Die Hiesigen sollen sich wiederfinden, ich muss aber die Geschichte so erzählen, dass auch ein Extraterrestrischer sie versteht. Auch ein dummer, zugereister Wessi.

Fürwahr ein freies Wort, denn Susanne Feldmann stammt aus Siegen. Von Haus aus ist sie Literaturwissenschaftlerin und Dramaturgin. Das prägt auch ihr assoziatives Konzept. Der geteilte Himmel von Christa Wolf korrespondiert mit der hallischen Produktgeschichte, die Musiktruhe Marke Händel mit Händels Triosonate opus 2, der Schiffskompass des "Seeteufels" Felix Graf Luckner mit dem Kopenhagener Richtschwert, welches 1772 das hallische Haupt des dänischen Staatsreformators Johann Friedrich Struensee vom Körper hackte. Die Neuzeit versinnbildlicht Gartengerät: die imposante Spatensammlung der Ex-Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados. Nach jedem Straßenanstich, jeder Grundsteinlegung nahm sie die Schippe mit.

Die Ausstellung, sagt Frau Feldmann, soll identitätsstiftend wirken.

Warum hat Halle kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein? Dieses mentale Darben im Schatten von Leipzig und der Landeshauptstadt Magdeburg ...

Völlig grundlos!, ruft Frau Feldmann.

Erklärt diese Vergnietschtheit Genschers Popularität? Als Star, der Halle beglänzt?

Genschers demonstrative Ostverbundenheit, bemerkt Frau Feldmann, habe ja in die bundespolitische Landschaft gepasst. – Er machte davon gern Gebrauch, auch bei seiner Sternstunde am 30. September 1989: Prag, Palais Lobkowitz, die westdeutsche Botschaft. 4000 DDR-Flüchtlinge kampieren desaströs im Garten. Genscher betritt den nächtlichen Balkon und verheißt Ausreise – Jubelsturm! – , freilich über DDR-Gebiet. – Entsetzen! – Genscher verbürgt sich mit Ostehrenwort und ruft: Sind denn Hallenser da? – Ja, hier! Und Happy End.

Der Vergleich erhellt die Unterschiede

Das Prager Genscher-Foto symbolisiert das Ende der DDR. Deren Anfang zeigt ein Gegenbild: Margot Feist, wie sie am 7. Oktober 1949 dem Gründungspräsidenten Wilhelm Pieck einen Dahlienstrauß überreicht. Zwei Hallenser als Exponenten der beiden deutschen Staaten und der Teilungsgeschichte. Das muss man darstellen, sagt Frau Feldmann. Leider verwechseln viele Dokumentation mit Huldigung.

Wird gegen Frau Honecker protestiert?

Natürlich. Die lila Hexe! Satansbraut, Mörderin, Verhöhnung der Opfer! Für so was zahlen wir nun Soli! Genscher muss ein Ultimatum stellen – die oder ich!

Auch Cornelia Pieper, die hallesche FDP-Statthalterin, erfuhr von Margot Honeckers drohender Musealität. Sie drang auf ein Gespräch. Dessen museumspädagogischer Verlauf beruhigte auch Genscher. Opfergefühle, DDR-Traumata – das muss aufgefangen werden, sagt Susanne Feldmann. Aber Schwarz-Weiß-Malerei bringt uns nicht weiter.

Natürlich erhellt der Vergleich die Unterschiede: hier eine dogmatische DDR-Ministerin, dort ein Globalpolitiker, der Geschichte als offenen Prozess begriff und behandelte, inklusive der deutschen. Hans-Dietrich Genscher schritt den Weltkreis aus, Margot Honecker stürzte in der Schicksalskehre. Eine menschenkundige Erzählung ihres Lebens bietet Ed Stuhlers Biografie von 2003. Bereits 1995 veröffentlichte Genscher seine voluminösen Erinnerungen: tausend Seiten im unnachahmlichen Genschman-Sound der detaillierten Vagheit. Schon eingangs liest man jene freiheitlichen Gründe, die den jungen Juristen Genscher gen Westen treiben mussten. Doch mit keiner Silbe erwähnt der Memorant seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Als die 1994 öffentlich wurde, verlautbarte Genscher, er sei ohne sein Wissen in die Nazipartei geraten – eine gängige Schutzlegende, wie Malte Herwigs jüngst erschienenes Buch Die Flakhelfer belegt. Es offenbart auch, wie die Bundesregierungen, nicht zuletzt Genschers Auswärtiges Amt, die Rückführung der seit Kriegsende unter US-amerikanischer Hoheit befindlichen NSDAP-Mitgliederkartei verschleppten. Zu viele BRD-Politiker fürchteten die Publikation. Bevor es dazu endlich dazu kam, trat Außenminister Genscher 1992 überraschend zurück.

Was erinnert in Halle 2013 an Hans-Dietrich Genscher? Die Kneipe Genschman in der Philipp-Müller-Straße. Das Reideburger Geburtshaus besuchen wir später. Zunächst erkunden wir Margot Honeckers Glaucha. Der räudige Stadtbezirk döst zwischen Gestern und einer Zukunft, die nicht einzutreffen scheint. Gründerzeitfassaden, vernagelte Ruinen, Bröckelgrau und Wuchergrün. Sonnenstudio, Hotel (ab 26 Euro), Pizzeria ("Heiße Ware auf Bestellung!"). Margot Honeckers Kindheitshaus Torstraße 36 diente zur Nazizeit als Kurierzentrale der KPD. 2006 riss man es ab. Proteste? Nicht bekannt. Das Grundstück liegt brach, daneben ein Getränkemarkt. Ein wohlversorgtes Pärchen schlappt heraus.

Wisst ihr, dass hier Margot Honecker gewohnt hat?

Wer warn das?

Die First Lady der DDR.

Kennwer nich.

Die soll jetzt ins Stadtmuseum, mit Hans-Dietrich Genscher.

Kennwer och nich. Sorry, fragense mal weiter, hier jibt’s bestimmt ooch Schlaue.

Ein akademischer Herr, zugezogen aus Hannover: Hier wohne man ruhig und gut. Jawohl, Frau Honecker gehöre ebenso zur Geschichte wie Herr Genscher.

Unweit am Böllberger Weg steht Margot Honeckers Weingärtenschule. Schon 1985 wurde sie geschlossen. Heute birgt der backsteingelbe Bau das Künstlerhaus 188 und steht unter Denkmalschutz. Dennoch droht Abriss, wegen Straßenausbau. Nebenan zecht ein Kollektiv von Nachmittagsvernichtern: Glauchscher Adel pur. Wir fragen nach Genscher.

Der hat jesacht: De Mauer is uff! Weiter hatter hier nüscht jemacht.

Und Margot Honecker?

Der hat hier ooch nüscht jemacht.

Ich meine eigentlich Frau Honecker.

Die hat hier ooch nüscht jemacht. Doch, die war immer mit der Kürche janz dicke, mit den Pfaffen.

Dieser unschlagbar absurden Auskunft folgt eine seriöse Seniorin, ehedem Krankenschwester. Frau Honecker? Wissen Sie, das polytechnische Schulsystem der DDR war in Ordnung, sonst hätten die Skandinavier das wohl kaum übernommen. Aber der Staat konnte ja wirtschaftlich nicht überleben. Das Geklaue in den Betrieben! Und die Versorgungslage! Unsere Chefärztin hat mit dem Rezeptblock eingekauft.

Meiner, sagt der nächste Interviewpassant, Meiner, deine Zeitung koof ich nich. Höchstens mal das Lüjenblatt, das allerjrößte.

Sport by Wosz, das Sportzentrum da drüben, hat das was mit Dariusz Wosz zu tun? Dem Bundesliga-Fußballer?

Freilich! Dariusz, den kennch von kleen uff. Bolzplatz, hinten am Jaswerk, ährlich, is keen Hut. Bin hier jroß jeworn. Awer nüscht mehr, wies mal war. Die janz Alten kenntste noch, da is Emma noch berühmt.

Wie verantwortlich ist eine Geburtsstadt für ihre Söhne und Töchter?

Unser Gesprächspartner heißt Werner Emmrich, genannt Emma, wie alle Mitglieder der Familie. Soeben sechzig geworden. Drei Geschwister jung gestorben, Vater Kalle 1988. Wende leider nich mehr erlebt. Hat nur jemeckert über den Schweinestall DDR. War Arbeiter, hat mich so erzoren, zum Alkohol anscheinend ooch. Lagerist hab ich jelernt, paarmal war ich wegjeschlossen, das war so mein Wärdejang. In Westzeiten hab ich mein Ding jemacht. Naja, jetzt bin ich im Oheim.

Oheim?

Haus der Wohnhilfe. Vater Staat. Bloß trinken muss ich draußen.

Hier hat doch Margot Honecker gewohnt.

De lila Hexe? Willse nich schlechter machen, wie se war. Is jut, wie’s jekomm is. Kalle hätte jejubelt.

Und Genscher?

Wunderbar! De Merkeln kannch wenjer, CDU, CSU, den janzen Kram. Linke, Jrüne ooch nich. Wenn ich jemals noch erläbe, dass ich wähle, dann FDP.

Warum denn das?

Wejen Dietern. Genscher. Der vertritt seine Meinung und setzt se durch. Meiner, mach mal ’n Photo. Emma, wie er leibt und lebt. Hau rin, Meiner!

Wie verantwortlich ist eine Geburtsstadt für ihre Söhne und Töchter? Besonders, wenn sie zu ihrer Wirkzeit Halle längst hinter sich gelassen haben? So fragt Ralf Jacob, der Leiter des Stadtarchivs, und spricht über Halles wilde Weimarer Jahre. Hier hätten zwischen 1919 und 1933 ständig Straßenkämpfe getobt, regelmäßig mit Toten. Politisch sei die Stadt ungeheuer polarisiert gewesen, gerade im Proletariat, auch durch die Massenzuwanderung. Leuna und Buna waren Arbeitermagneten. In "roten Glaucha" habe es so viel NSDAP-Stimmen gegeben wie für KPD und SPD zusammen. Die Glauchaer, sagt Jacob, wurden nicht von irgendwelchen auswärtigen Nazis überfallen. Die haben sich in ihren Straßen selbst die Köpfe eingeschlagen.

Das deutet doch bei Margot Honecker auf eine frühe Prägung durch ideologische Konfrontation. Das Trauma der Kommunisten war die Nazifähigkeit des Volks.

Und ich kann mir vorstellen, sagt Jacob, dass Genscher nach 1945 derlei Extreme unbedingt vermeiden wollte. Diese Region hat auch eine starke liberale Tradition. Nehmen Sie Erhard Hübener. Der war schon zur Zeit der Weimarer Republik Landeshauptmann der Provinz Sachsen. Von Ende 1946 bis Oktober 1949 amtierte er als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt – der einzige nichtkommunistische Regierungschef der Sowjetischen Besatzungszone. Ein Liberaler mit ungeheurer Ausstrahlung, der hat den Kriegsheimkehrer Genscher geprägt.

Dann lässt uns Jacob mit den Archivalien allein. Dick sind die beiden Genscher-Mappen, dünn Margot Honeckers Hefter. Immerhin darf man in der Freiheit vom 9. Juni 1951 vom "unbeschreiblichen Jubel" lesen, "als Margot Feist den hallischen FDJlern (...) die Aufforderung zu dem Wettbewerb im Stalin-Aufgebot überbrachte". Längst war sie Ministerin Honecker, als in der Freiheit vom 4. Oktober 1969 der beliebte Kinderbuchautor Fred Rodrian (Das Wolkenschaf) Margots kämpferische Schulzeit imaginierte: "Der Lehrer fragte (...): ›Na, was ist denn dein Vater?‹ ›Schuhmacher‹, hätte sie antworten müssen. Aber war das jetzt das Wesentliche? (…) Margot antwortete laut und deutlich: ›Mein Vater ist Kommunist!‹ – ›Was?‹ schrie der Lehrer mit überschnappender Stimme: ›Wo ist dein Vater? Wo?‹ – ›Im Zuchthaus‹, sagte das Mädchen. Margot war damals neun Jahre alt. Ein kleines Mädchen, stolz auf den Vater, der ein Kämpfer ist gegen das faschistische Unrecht."

Vielleicht, träumt Rodrian, habe "Margot in demselben Klassenzimmer gesessen, vielleicht auf derselben Bank wie Fritz Weineck, der ›kleine Trompeter‹". Wie das, bei Geschlechtertrennung? Authentisch ist, was Margot Feist 1937 ihrer Klassenkameradin Regina Heinrich ins Poesiealbum schrieb: "Gehst du ins Leben einst hinaus, halt eines hoch: Dein Elternhaus! Wie glücklich Dir auch fällt Dein Los, vergiss es nicht, es zog Dich groß!" Und lehrte sie: Kommunisten sind bessere Menschen.

Das Stadtarchiv besitzt eine Trouvaille: Zeugnislisten der Weingärten-Volksschule für Mädchen von 1933 bis 1941, in einer grau leinenbespannten DDR-Schmuckkassette. Vermutlich wurden sie als Heimatgruß der hochmögenden Genossin Ministerin überreicht. Nach deren Ausreise ins chilenische Exil vertickte wohl der Bruder Manfred Feist die Box an den Focus . Archivar Jacob erkämpfte ihre Rückkehr nach Halle, sodass wir von Margots löblichem Lernen erfahren. Das Abgangszeugnis von 1941: "Feist, Margot, geboren den 17.4.1927 in Halle (Saale), get. 1.9.1928, ev. Glaubens, Tochter des Schuhmachers Gottfried Feist, besuchte die hiesige evangelische Volksschule seit 1.4.33 und wird am heutigen Tage aus Klasse 8M mit folgendem Zeugnis entlassen: Fleiß: sehr rege, Betragen: sehr gut, Religion: 2, Lesen: 2, Sprachlehre: 1, Aufsatz: 1, Rechnen: 2, Raumlehre: 2, Geschichte: 2, Erdkunde: 2, Naturbeschreibung: 2, Naturlehre: 2, Schreiben: 3, Zeichnen: 3, Gesang: 2, Turnen: 1, Nadelarbeit: 2, Hauswirtschaft: 1. Erwählter Beruf: Stenotypistin."

"Irgendwie hat die auch ’n Platz in der Geschichte"

Das früheste Genscher-Zeugnis des Archivs ist ein Porträt von Hermann Schreiber im Spiegel vom 2. November 1970: "Zahlreiche Städtebilder an den Wänden weisen den Hausherrn als einen Hallenser aus; andere Individualitäten werden nicht preisgegeben." Schreiber zitiert Genscher zu dessen Parteieintritt 1946: "›Die CDU redete von christlichem Sozialismus. Den wollte ich nicht.‹ Also ging er in die Liberal-Demokratische Partei. ›Die waren am aggressivsten gegen die KP und deren absolute Unterwürfigkeit unter die Russen.‹"

"Hans-Dietrich Genscher", urteilt das Hallesche Tageblatt vom 28. April 1992, "ist für die Hallenser mehr als ein Politiker. Die Einwohner der Saalestadt sind mit ihm ›auf Du und Du‹." Genschers vorweihnachtliche Visiten in Halle und Reideburg seien zur DDR-Zeit stadtbekannt gewesen. "Heimlich, weil aus Angst vor der Staatssicherheit, drückten ihm die Mutigen die Hand. Nach der Wende arteten Genschers Besuche (...) in ein Volksfest aus." 60 000 bejubeln am 16. Februar 1990 seinen halleschen Epochenruf: "Wie könnte ein Hallenser Halle vergessen!" Der Lohn bei den folgenden Wahlen: 34,6 Prozent für die FDP. Eine Eiche, eine Straße werden nach Genscher benannt. Der Hallesche FC macht ihn zum Ehrenpräsidenten. In der folgenden Saison gelingen drei Unentschieden, 27 Niederlagen, kein Sieg.

Dann folgen Abgesänge. Genschman: Ein Stern verglüht, so der Express vom 3. November 1994. "Der Hallenser FDP-Geschäftsführer Schubert analysiert: Genschers Anziehungskraft sei verpufft. Deshalb habe man im Wahlkampf auf seine Hilfe verzichtet." FDP-Politikerin Michaela Bunk: "Nur Worte helfen den Menschen nicht." Auf des Volkes Gunst ist kein Verlass, oder vollzieht sich hier eine ostdeutsche Emanzipation? Gesamtdeutsch reift Genscher zum Klassiker. 2002 huldigt ihm eine ARD-Gala zum 75. Geburtstag. Udo Jürgens entbietet den Genscher-Hymnus Der Mantel der Geschichte. Roberto Blanco schmettert Der Puppenspieler von Mexiko, genscherös umgetextet. Dunja Rajter jauchzt Hans-Dietrich, wenn du Geburtstag hast. Fürwahr, ein televisionäres Fest personenbezogener Demokratie!

Anderntags verlassen wir die Stadt. Wir fahren durch Wiesen und Felder, nach Reideburg. Genschers dörfliches Geburtshaus, fast schon dem Abbruch geweiht, ist seit 2009 trefflich restauriert, dank Cornelia Piepers Enthusiasmus und einer Dreiviertelmillion Euro Spenden und Lottomittel. Genscher wünschte keinen musealen Wallfahrtsort, doch die originalgetreu nachgemalte Bordüre in seinem Geburtszimmer rührte ihn sehr. Das Haus heißt Begegnungsstätte Deutsche Einheit, betrieben von der Friedrich-Naumann- und der Erhard-Hübener-Stiftung. Man findet das Faksimile des Zwei-plus-Vier-Vertrags, der Genscher als "Architekt der deutschen Einheit" legitimiert. Eine schöne Ausstellung erzählt die Geschichte des Liberalismus. Man hält auch Seminare ab und hätte gern mehr Besucher.

All dies erzählen der Leiter Peter-Andreas Bochmann und Wolfgang Böhm, ehedem Regierungspräsident von Sachsen-Anhalt. Letzterer klagt, oft wüssten nicht mal Abiturienten, wer Genscher ist. Dem wolle man abhelfen und Genscher als großen historischen Vermittler zeigen, als menschlichen Vertrauensstifter zwischen Ost und West. Dann erscheint der Gepriesene auf dem Bildschirm und spricht: "Ich bin ein Mann der Mitte." Am 25. September 2010 sagte er der Mitteldeutschen Zeitung: "Die Vorstellung, Probleme mit militärischer Macht zu lösen, ist von gestern."

Obwohl er in Bad Godesberg lebt, erblickt Hans-Dietrich sein Geburtshaus jeden Tag. Der Reideburger Raumausstatter Steffen Müller hat ihn auf seine Fassade malen lassen. Lebensecht schaut Genscher aus einem virtuellen Fenster auf die Stätte seiner frühen Jahre. Das bedeute kein FDP-Statement, sagt Müller, das zeige seine private Hochachtung vor diesem Menschen. Freilich sei Genscher nicht jedes Reideburgers Held. Manche verübelten ihm, dass er den Osten verlassen habe, so wie er 1982 Helmut Schmidt verließ und zwecks Machterhalt die Koalition mit der CDU einging.

Müller, Jahrgang 1962, ist ein Ostler der wägenden, gerechten Art. Seinen Arsch habe er nicht riskiert in der DDR. Aber dennoch gehofft, dass es irgendwann, irgendwie zur deutschen Einheit kommt, wenn da drüben irgendwer den richtigen Schachzug macht.

Und Frau Honecker?

Ich hab drei Jahrzehnte in dem Staat gelebt. Irgendwie hat die auch ’n Platz in der Geschichte. Sonst müssense uns alle weglöschen.

Hans-Dietrich Genscher genießt das späte Licht eines gesegneten Lebens. Margot Honecker sitzt in Chile und bittert vor sich hin. Zuletzt sah man sie 2012 im Dokumentarfilm Der Sturz – Honeckers Ende, dessen australischem Regisseur Eric Friedler sie ein Gespräch gewährte. Natürlich verteidigte sie die DDR. Die Grenztoten? Hätten ja nicht über die Mauer klettern müssen. "Das hat mich nicht berührt, da habe ich einen Panzer", sagte sie, und: "Es ist eine Tragik, dass es dieses Land nicht mehr gibt."

Aber das Land ist noch da – die Berge, Flüsse, Menschen und alles, woran das Herz sich entsinnt. Was unterging, ist der Staat DDR. Wer von ihm erzählen will, sollte auf Margot Honecker nicht verzichten. In Halle geboren wurde übrigens auch Reinhard Heydrich, der Großmeister des Holocausts.