Es ist schon komisch: Für Joseph Ratzinger war der Jesus der Forschung zu dürres Material, also schrieb er sein dreibändiges Werk über den Christus des Glaubens. Nun kommt Reza Aslan und bietet seinen Lesern gerade diesen historischen Jesus – und zwar in Cinemascope. Die Anmutung beim Lesen, in Monty Pythons Leben des Brian gelandet zu sein, kommt nicht von ungefähr. Aslan selbst sagt, die Pythons hätten mit ihrem Film das damalige Milieu gut getroffen. So entfaltet der Professor für kreatives Schreiben der University of California (Riverside) eine höchst lesbare Biografie, führt uns in die Welt Jesu und des Judentums ein. Er beschreibt in großem Detail und mit aller Farbigkeit die Situation und zeigt, dass Religionsgeschichte unterhaltend sein kann.

Man liest auch als Wissenschaftler das Buch mit Gewinn. Denn Aslan spricht aus, was vielen Theologen unaussprechlich ist. Wenn es sein Ziel war, vielen Menschen klarzumachen, warum Jesu Mission noch heute bedeutsam sein könnte, dann ist ihm das gelungen. Er schält einen Messias heraus, der den Rabbinern nahesteht, das Judentum über die römische Herrschaft stellt und den Supremat des jüdischen Gottes herstellen will. Dieser Jesus wirkt im Kontext seiner apokalyptisch gestimmten Zeit. Er ist ein Aufwiegler mit religiösen Zielen und politischem Charisma, eine Provokation für die sadduzäische Elite und die jüdische Oberschicht ebenso wie für die römische Besatzungsmacht. Aslan erklärt, warum die Evangelien später ein anderes Bild zeichnen, als das Christentum römische Staatsreligion wird.

Auch andere, nicht zuletzt jüdische Forscher haben vermutet, dass Jesus ein Revolutionär war. Dass die Herrschaft Gottes ohne Anwendung von Gewalt gegen die römische Okkupation kaum hätte durchgesetzt werden können. Zu den bedeutenden neueren Werken gehören König Jesus – die Geschichte eines jüdischen Rebellen des britischen Judaisten Hyam Maccoby (1985), Jesus der Jude des Oxforder Qumranforchers Geza Vermes (1991) und Jesus – ein revolutionäres Leben des irisch-amerikanischen Neutestamentlers John Dominic Crossan (1996). Für all diese Versuche einer Novellierung des Jesusbildes gilt, was Albert Schweitzer schon 1906 formulierte: Auf den Erlöser werde immer ein Ideal vom Menschen projiziert. Bei Aslan ist ein sauber recherchiertes Buch herausgekommen. Nicht simplifizierend, aber einnehmend für eine komplexe Materie.

Erstaunlich ist dennoch, dass Aslan keine spezifisch muslimische Frage aufwirft. Er rüttelt zwar an den Grundfesten des Christentums, kommt aber zu ähnlichen Einschätzungen wie viele jüdische Kommentatoren seit dem 19. Jahrhundert, allen voran Abraham Geiger (1810 bis 1874). Insofern ist das Buch ganz unspektakulär. Sein rasanter Erfolg ist nicht auf die Thesen des Autors zurückzuführen, sondern auf die Empörung darüber, dass ein Muslim es wagt, sich über Jesus zu äußern. Genau diese Reaktion hatten deutsche Rabbiner wie Geiger zu spüren bekommen, die im 19. Jahrhundert das Gleiche über den Juden Jesus aussagten, was Aslan heute wiederholt. Die Debatte über Zealot ist ein Gradmesser für das abgrundtiefe Misstrauen, mit dem Muslime heute in den USA konfrontiert sind.