Die drei Männer gründen eine Firma – die Fumapharm AG. Anfang der neunziger Jahre wollen die Schweizer das Medikament auf den Markt bringen, auch in Deutschland. Deshalb fährt Hans-Peter Strebel nach Bochum zu Peter Altmeyer. Der Dermatologe arbeitet am St. Josef-Hospital der Ruhr-Universität. Es ist nicht das erste Mal, dass er von Fumarsäure hört. Bereits in den fünfziger Jahren hatte der Chemiker Walter Schweckendiek in Selbstversuchen mit Fumarsäure experimentiert, um seine Schuppenflechte zu lindern. Mit Erfolg. Bald pilgerten Betroffene ins süddeutsche Städtchen Laufenburg, wo der Chemiker in einer Apotheke sein Mittelchen verkaufte.

Doch erst als Peter Altmeyer und sein Team eine Studie mit 120 Patienten durchführen, erhärtet sich der Verdacht: Fumarsäure ist hochwirksam. Hans-Peter Strebels Fumapharm erhält für das Medikament die Zulassung.

In Bochum forscht man derweil weiter. "Wir testeten den Wirkstoff bei sämtlichen Krankheiten, die uns in den Sinn kamen. Auch bei Patienten mit MS", erzählt Peter Altmeyer. Bei einem Patienten, der an Schuppenflechte und an MS erkrankt ist, geht die Schubrate zurück. Mit einem Neurologen startet Altmeyer die erste kleine MS-Studie mit 15 Patienten. Bezahlt hat sie Fumapharm. Doch das Klinikum Bochum ist damals kein Fachzentrum für multiple Sklerose, die Deutschen schicken ihre Daten zu Ludwig Kappos, einem Neurologen vom Universitätsspital Basel.

Kappos versucht seit den frühen achtziger Jahren, die multiple Sklerose zu verstehen. "Ich habe Dimethylfumarat relativ zweifelhaft gefunden, und die Bochumer Studie war nicht sehr überzeugend", sagt Kappos. Trotzdem hilft er, eine Phase-II-Studie zu entwerfen. In ihr sollen die Daten überprüft und die geeignete Dosis gefunden werden. Wenn es nicht klappt, denkt sich Kappos, haben wir wenigstens eine eindeutige Antwort.

Als die Studie anläuft, merkt Hans-Peter Strebel, dass seine Firma die Kosten nicht allein stemmen kann. "Schon die ersten klinischen Studien für MS-Medikamente sind sehr teuer", sagt Kappos. Sie liegen im zweistelligen Millionenbereich. Für die gesamte Entwicklung eines neuen Medikaments rechnen Pharmafirmen heute mit Kosten von 900 Millionen bis 1,5 Milliarden Dollar.

Es spricht sich aber herum, dass Dimethylfumarat das Potenzial hat, ein Blockbuster zu werden – eines jener Medikamente, das mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr generiert. Die Branche wird hellhörig. "Eines Tages stand eine ganze Schar amerikanischer Pharmamitarbeiter in meinem Büro", sagt Altmeyer. Sie gehören zu Biogen Idec mit Sitz in Boston. Eingefädelt hatte den Kontakt Ludwig Kappos. Doch das Geschäft machen andere: Hans-Peter Strebel und Fumapharm. "Wir haben den Fehler gemacht", sagt Altmeyer, "dass wir keine Patente anmeldeten. Hans-Peter Strebel hat hinter unserem Rücken das Patent angemeldet. Er ist einer der gerissensten Menschen, mit denen ich je zu tun hatte. Ohne uns wäre er nie reich geworden."

Im Mai 2003 reist eine Delegation von Biogen aus Boston nach Zürich und fährt mit dem Taxi nach Muri weiter. Eine Woche später ist der Deal perfekt: Biogen übernimmt die Forschung im Bereich MS, Fumapharm kümmert sich um die Schuppenflechte. Und als drei Jahre später das Dimethylfumarat in einer weiteren Studie mit 2.500 Teilnehmern besser abschneidet als herkömmliche MS-Präparate – Studienleiter ist auch da Ludwig Kappos –, verkauft Strebel seine Firma an Biogen. Für sagenhafte 220 Millionen US-Dollar.

"Das war für Biogen ein Schnäppchen. Die riesige Datenlage, auf die sie zurückgreifen konnten, wäre selbst für eine Firma wie Biogen unbezahlbar", sagt Altmeyer. Bankanalysten erwarten, Biogen werde mit Tecfidera 3,4 Milliarden Dollar im Jahr umsetzen. Da kann es das Unternehmen verkraften, dass es den drei ehemaligen Fumapharm-Aktionären in diesem Frühjahr zusätzlich je 15 Millionen Dollar zahlen musste, als Tecfidera in den USA die Zulassung erhielt. Und noch einmal 761 Millionen Dollar bekamen Strebel und seine Kollegen vom Finanz-Trust Royalty Pharma, der ihnen ihre Umsatzbeteiligungen an Tecfidera abkaufte. So verdienten die drei insgesamt etwa eine Milliarde an einem altbekannten Wirkstoff.

Hans-Peter Strebel mag über seinen Coup nicht mehr sprechen. Das lässt er der ZEIT über sein Vorzimmer schriftlich ausrichten. Der Apotheker, 63 Jahre alt, ist heute Privatier. Seine Apotheke in Muri hat er verkauft. Er sitzt im Verwaltungsrat des Eishockeyvereins Zug sowie in Beratergremien am Cern und an der ETH Zürich. So schweigsam war Strebel nicht immer. Noch vor einigen Monaten empfing er die Neue Zürcher Zeitung in seiner Luxuswohnung in Luzern und sinnierte über das Leben: Abends, wenn er auf den Vierwaldstätter See starre, denke er daran, dass manche Forscher ein Leben lang nach neuen Medikamenten suchten. Dann stiegen ihm die Tränen in die Augen.