Just zu der Zeit, als Strebel seinen Deal mit Biogen aushandelte, kamen die ersten MS-Kranken zu Silvio Ballinari in die Apotheke und fragten nach Dimethylfumarat. Sie hatten in Internetforen und Fachzeitschriften von den neuen Forschungsergebnissen gelesen. "Wir haben stundenlang mit Neurologen, Patienten und ihren Angehörigen diskutiert", sagt Ballinari. Über die Dosierung und die Verträglichkeit der Pillen. Einige Fachärzte und Kliniken scheuen aber die Zusammenarbeit mit dem Apotheker. Sie stellen keine Rezepte für seine Dimethylfumarat-Pillen aus, sie fürchten die Patentanträge und den Groll von Biogen.

Wie aber kann eine Firma ein Patent für diesen Wirkstoff bekommen? Wo seit den fünfziger Jahren bekannt ist, dass er als Medikament dienen kann?

"Die Frage ist immer: Wäre ich selber drauf gekommen?", sagt der Patentanwalt Sigfried Grimm in der Züricher Kanzlei E. Blum. Für ein Medikament bedeutet das: Es muss einen Nutzen haben, den man noch nicht kennt. Die Anwendung bei MS erfüllt diese Bedingung. Bei Biogen klingt das so: "Das Medikament Tecfidera wurde spezifisch für MS entwickelt, die molekulare Verbindung wurde verbessert, es ist nun für den Magen besser verträglich", sagt Thomas Mayer von Biogen Deutschland. "Apotheker können kein Tecfidera herstellen."

Das aber ist noch nicht die ganze Antwort. Die liegt tief in den Verästelungen des Patentrechts verborgen. Biogen Idec erwarb nicht nur die alten Patente, wodurch es Nachahmerfirmen bis 2019 verwehrt ist, Dimethylfumarat-Präparate gegen Schuppenflechte zu vermarkten. Die Firma gibt an, man habe zudem eigene Patente für die Behandlung der MS in den USA und in Europa angemeldet. Beim Europäischen Patentamt in München sorgt das für Schmunzeln. Zwei der eingereichten Patente seien noch gar nicht formell in Europa beantragt. Für ein weiteres "ist das Schutzrecht äußerst begrenzt", sagt ein Sprecher. Schon 2008 hatte Biogen ein umfassendes Patent beantragt; damals ging eine Flut von Einwendungen gegen diese Anmeldung ein. Schützen lassen kann sich das Unternehmen nun lediglich die Dosierung von 480 Milligramm für die Behandlung der MS, nicht aber den Wirkstoff selbst. Und auch dieser spezielle Schutz ist nicht wirklich sicher. Bis Februar nächsten Jahres lässt sich das Patent noch anfechten.

Offenbar zweifelt Biogen selbst an den Erfolgsaussichten seiner Anmeldung. Anders lässt sich kaum erklären, dass das Unternehmen derzeit zusätzlich um eine weitere Schutzvariante feilscht: den sogenannten Unterlagenschutz. Mit ihm würden die detaillierten Herstellerbeschreibungen des Medikaments bis zu zehn Jahre unter Verschluss gehalten. Wird auch dieser Schutz verwehrt, "dann werden wohl die Stadas und Ratiopharms dieser Erde bereitstehen", heißt es in der deutschen Pharmabranche. Ein niederländisches Unternehmen namens Synthon wartet bereits darauf loszulegen. Dann würde das Medikament, mit dessen Vermarktungsaussichten schon so viel Geld verdient wurde, als Generikum verkauft werden – und damit wohl günstiger als das von Biogen.

Ob Silvio Ballinari, der Schweizer Apotheker, weiter seine Pillen produzieren darf, wenn Tecfidera erst zugelassen ist, weiß er nicht. "Da ich mich ans Gesetz halte, habe ich mich nie mit einem Anwalt unterhalten. Mal sehen, ob Biogen zurückschlägt." Und wenn schon, sagt er sich: "Es ist meine Pflicht, das zu machen."