Peer Steinbrück will Politik für "Maria Tibulski aus Bocholt" machen. In seiner Augsburger Parteitagsrede hat der SPD-Kanzlerkandidat im Frühjahr angekündigt, die Finanzmärkte in London und New York in die Schranken weisen zu wollen – damit das Ersparte von Menschen wie Maria Tibulski sicher sei. Sein Wahlkampf soll menschlich sein, Geschichten erzählen: von Frank, dem Drogeriemarktverkäufer, Britta, der Pflegerin, Katja, der Unternehmerin. Es geht den Sozialdemokraten in diesem Wahlkampf um die Deutungshoheit für den Begriff von Gerechtigkeit. Mehr als dreißig Mal steht das Wort im SPD-Wahlprogramm. Steinbrück selbst hat eine "Ökonomie der Gerechtigkeit" ausgerufen.

Ökonomen verlassen sich gern auf Statistiken und Rechenmodelle. Die Frage nach der Gerechtigkeit spielt in der Volkswirtschaftslehre eine untergeordnete Rolle. Dabei brachte schon 1971 der amerikanische Sozialphilosoph John Rawls mit seiner Theory of Justice das Thema Gerechtigkeit in die wirtschaftspolitische Auseinandersetzung ein. Der Staat hat laut Rawls die Aufgabe, mit jeder Politikentscheidung den Nutzen für den am schlechtesten Gestellten in einer Gesellschaft zu steigern. Er nannte das die Maximin-Regel.

Wirtschaftspolitiker, die mit Rawls argumentieren, wollen soziale Gerechtigkeit durch Umverteilung erreichen. Die Reichen sollen Vermögen und Einkommen abgeben, um die Armen besserzustellen. In der Theorie stimmen dieser Umverteilung alle zu, allerdings nicht ohne Hintergedanken. Denn die Frage, ob man Umverteilung befürworte oder ablehne, beantwortet der Einzelne im Gedankenexperiment unter einem "Schleier der Unwissenheit": Er weiß nicht, wo in der Gesellschaft er einmal landen wird, ob als Straßenfeger oder als Manager. Deshalb solidarisiert er sich im Zweifel mit den Armen.

Die Realität sieht hingegen anders aus. Hier bestimmt sehr wohl das Sein das Bewusstsein. Und beim Thema Umverteilung scheiden sich die Geister. Steinbrück sagt: "Es gibt seit Jahren eine Umverteilung von unten nach oben." Etwa durch Lohnzurückhaltung bei den Arbeitern. Nun müssten die Reichen zahlen – über die Wiedereinführung der Vermögensteuer und die Erhöhung des Spitzensteuersatzes sowie der Steuern auf Kapitaleinkünfte. Steuerpolitik sei dann gerecht, "wenn starke Schultern mehr tragen als schwache", so steht es im Wahlprogramm.

Die SPD will das Steuergeld unter anderem in die Bildung stecken – eine klassische Umverteilung nach Rawls. Von dem Geld der Besserverdiener sollen Kinder aus ärmeren Familien profitieren. Bis zu 20 Milliarden Euro pro Jahr möchte die SPD für Bildung und Wissenschaft ausgeben. Grüne und Linke haben noch weiter gehende Steuerpläne zulasten der Reichen vorgelegt. Christdemokraten und Liberale wettern derweil gegen "Umverteilungsorgien". Auch viele Volkswirte halten sie für einen unzulässigen Staatseingriff, der die Wirtschaft hemme. Wer aber meint, Rawls’ Theorie ziele auf die Nivellierung aller Einkommens- und Vermögensunterschiede, liegt falsch. Eine soziale und ökonomische Ungleichheit ist nach Rawls durchaus in Ordnung. Unter einer Bedingung: Sie muss "zum größten zu erwartenden Vorteil für die am wenigsten Begünstigten" beitragen. Ein Beispiel: Der Gehaltsunterschied zwischen Manager und Hilfsarbeiter ist nur dann gerechtfertigt, wenn der Manager gut wirtschaftet und so den Arbeitsplatz des Arbeiters sichert. Damit es gerecht zugeht, müssen alle gesellschaftlichen Positionen und Ämter jedermann mit gleichen Chancen offenstehen.

Wenn sich Sozialdemokraten auf den US-Philosophen berufen, interpretieren sie ihn mal so, mal so. Während Alt-Kanzler Schröder mit Rawls Chancengerechtigkeit forderte, denkt Steinbrück an Regulierung: Aufstocker, Leiharbeiter und auch Frauen – also die am Arbeitsmarkt Benachteiligten – sollten mehr verdienen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, einst Student von Rawls, weitet die Maximin-Regel auf den Gesundheitssektor aus: Demnach müsste der Chefarzt nicht Privatpatienten, sondern Sozialhilfeempfänger behandeln. In Lauterbachs Augen ist das nicht nur gerecht, sondern auch ökonomisch sinnvoll: Für den Staat sei nichts teurer als ein kranker Langzeitarbeitsloser.