"Ich blicke in ein schwarzes Loch" – Seite 1

DIE ZEIT: Frau Obermüller, gab es einen Moment in Ihrem Leben, in dem Sie realisiert haben: Jetzt werde ich alt?

Klara Obermüller: Ich erinnere mich an verschiedene Momente, in denen ich mit einem leisen Erschrecken körperliche Veränderungen an mir wahrnahm: die ersten weißen Haare zum Beispiel oder die ersten Falten an Oberschenkeln und Armen, die mich dazu zwangen, das Thema Altwerden langsam in mein Bewusstsein dringen zu lassen. Das war, als ich um die 50 war und die Wechseljahre vor der Tür standen. Sie trugen das Ihre dazu bei, dass ich in eine ziemlich depressive Stimmung geriet. Ich realisierte nicht nur die körperlichen Verfallserscheinungen und Verluste wie das Ende der Fruchtbarkeit, sondern nahm auch vermehrt wahr, wie begrenzt meine Zeit auf dieser Erde ist. Da kommt nicht mehr so viel nach, spürte ich. Die ganz großen Weichenstellungen sind gemacht.

ZEIT: Sie haben immerhin mit 56 Jahren nochmals einen Berufswechsel vollzogen und sind von der Weltwoche, einem Printmedium, zum Schweizer Fernsehen gegangen.

Obermüller: Das war nochmals ein gewaltiger Aufbruch und Neubeginn, über den ich sehr glücklich war.

ZEIT: Als Sie mit 62 pensioniert wurden, traf Sie der Schock umso härter. In Ihrem Buch Ruhestand – nein danke! schildern Sie die Identitätskrise, in die Sie das Ende Ihrer Berufstätigkeit gestürzt hat. Ihr Mittel dagegen war Schreiben, Publizieren, kurz: Weiterarbeiten. Sie wollten sich nicht aufs Altenteil abschieben lassen.

Obermüller: Es ist mir sehr schwergefallen, in eine andere Gangart zu wechseln. Sobald ich nichts tat und müßig war, plagte mich das schlechte Gewissen. Also habe ich geradezu panisch jeden Auftrag angenommen, der sich mir bot.

ZEIT: Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Was hat sich getan?

Obermüller: Nach und nach bin ich mir auf die Schliche gekommen und habe realisiert, wie unheimlich stark ich mich über meinen Beruf definiere und wie abhängig ich von der Anerkennung bin, die mit beruflicher Leistung verbunden ist. Es hat mich irritiert, ja geärgert, mir diese Abhängigkeit eingestehen zu müssen. Wer bin ich denn? Was tauge ich noch, habe ich mich gefragt, wenn ich eines Tages nicht mehr arbeiten kann? Das waren harte Fragen, existenzielle, denen ich mich aber stellen musste. Ich konnte mich nicht ewig mit Arbeit zudröhnen.

ZEIT: Wie gut haben Sie diese Absicht in die Tat umsetzen können?

Obermüller: Ich brauche die Arbeit heute nicht mehr im gleichen Maße wie früher für mein Seelenheil und mein Wohlbefinden. Die sogenannte Work-Life-Balance pendelt sich allmählich ein. Ich bin zwar immer noch aktiv und sehe auch nicht ein, warum ich es nicht sein sollte. Schließlich funktioniert der Kopf noch, und ich habe Aufträge. Aber mein notorisch schlechtes Gewissen lässt langsam nach.

ZEIT: Sie sind inzwischen 73 und noch sehr aktiv. Welche Ängste plagen Sie in dieser Lebensphase?

Obermüller: Angst habe ich eigentlich nicht. Wozu auch? Ob ich es will oder nicht, das Altern schreitet voran, unablässig. Ich habe mich damit abgefunden. Auch die Verfallserscheinungen nehme ich zur Kenntnis. Ich finde sie zwar nicht gerade spitze, aber sie lassen sich nicht aufhalten.

ZEIT: Das Alter ist ein einziges Massaker.

Obermüller: Das sagt Philipp Roth. Ich weiß, was er meint. Wenn man nur den Verlust und die Defizite – angefangen bei den Runzeln bis hin, im Fall von Roth, zur Impotenz – im Blick hat, steht man tatsächlich vor einem Massaker. Das Alter konfrontiert auch mich mit vielem, was nicht mehr geht: Ich steige nicht mehr auf Berge, ich renne nicht mehr auf den Bus, ich werde nicht mehr die Sahara durchqueren, ich werde nie eigene Kinder gehabt haben. Gleichzeitig nehme ich aber auch sehr positive Entwicklungen wahr.

"Ich muss nichts mehr tun, was ich nicht will"

ZEIT: Zum Beispiel?

Obermüller: Ich fühle mich gelassener und spüre eine innere Freiheit und Unabhängigkeit, die ich so früher nicht gekannt habe.

ZEIT: Sind das nicht beschönigende Klischees?

Obermüller: Es tönt wahnsinnig plakativ, ich weiß. Und trotzdem empfinde ich es so. Es ist das erste Mal im Leben, seitdem ich ein Kind war, dass ich nichts mehr tun muss, was ich nicht will. Ich habe eine Rente, niemand kann mich entlassen, niemand kann mich mobben. Bei meiner publizistischen Tätigkeit kommt es mir manchmal vor, als könnte ich jetzt die Ernte einfahren. Manche Aufgaben fallen mir so leicht wie nie zuvor im Leben.

ZEIT: Trotzdem sagt niemand: Das Alter ist toll.

Obermüller: Toll ist es auch nicht, weiß Gott nicht. Es nervt mich auch, wenn Leute von der Erhabenheit des Alters schwafeln. Das ist wirklich beschönigend. Es soll mir niemand sagen, dass es ihn froh macht, wenn die ihm verbleibende Zeit immer kürzer und er immer gebrechlicher wird. Ich glaube, man muss sich mit dem Altwerden einfach arrangieren und so etwas wie Resignation entwickeln.

ZEIT: Resignation? In welchem Sinn?

Obermüller: Dass man vieles einfach hinnehmen muss. Es gehört auch zu den Alterserfahrungen, dass das Leben ganz plötzlich etwas Endgültiges, Unwiderrufliches bekommt. Man kann nichts mehr hinzufügen, nichts mehr entfernen, nichts ungeschehen machen, kein böses Wort zurücknehmen, kein liebes, das nicht gesagt worden ist, nachschieben. Es ist, wie es ist.

ZEIT: Das klingt streng.

Obermüller: Es hat etwas mit Erstarrung zu tun. Der Tod ist das Endgültige. Am Schluss kann man gar nichts mehr ändern. Das macht mir zu schaffen, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass Leben Wandel bedeutet und der Mensch ein Wesen ist, das sich permanent verändert, immer wieder erneuert und nicht ein für alle mal festgelegt ist. Dass diese Fähigkeit im Alter naturgemäß abnimmt, war für mich besonders schwer zu akzeptieren. Noch heute ertappe ich mich dabei, wie ich den Stellenanzeiger überfliege – offenbar bin ich immer noch auf der Suche nach einer neuen beruflichen Chance. (lacht)

ZEIT: Welche Potenziale haben Sie in Ihrem Leben nicht ausgeschöpft?

Obermüller: Ich habe keine Kinder. Das würde ich zwar nicht als das große Unglück bezeichnen, unter dem ich schwer gelitten hätte. Es hat sich einfach nicht ergeben. Doch mit dem Älterwerden erhält es eine Bedeutung, die mich doch etwas wehmütig macht. Dann denke ich: Es geht aber auch gar nichts weiter. Viele gleichaltrige Freundinnen und Freunde haben nicht nur Kinder, sondern auch Enkel und gehen total in ihren Nachkommen auf. Sie vermitteln ihnen eine Zukunftsperspektive. Sie nehmen stark wahr, wie es mit der Welt weitergeht, und fragen sich, was für eine Welt sie der nächsten Generation hinterlassen. Ich hingegen blicke in ein schwarzes Loch und denke, mit Kindern wäre mein Lebensgefühl heute ein anderes.

ZEIT: Sie haben immerhin das Glück, mit Ihrem Mann, dem Theologen und ehemaligen Radiojournalisten Kurt Studhalter, alt werden zu können. Seit über 30 Jahren sind Sie ein Paar. Wie schafft man das Kunststück und wird in einer Ehe alt?

Obermüller: Ich glaube, das geht nur mit einem hohen Maß an Toleranz – und Liebe natürlich. Die größte Schwierigkeit liegt darin, dass Menschen, auch wenn sie sich sehr nahe stehen, unter Umständen auf sehr unterschiedliche Weise alt werden. Während ich noch immer auf der Suche nach Neuem bin, scheint mein Mann bei sich angekommen zu sein. Er war immer schon der Meditativere von uns beiden. Diese Charakterunterschiede treten nun mit dem Älterwerden noch stärker zu Tage. Da braucht es manchmal schon viel Verständnis, und es klappt nur, wenn der eine den andern leben lässt, wie er gerne möchte. Konkret heißt das bei uns, dass wir vieles gemeinsam, aber auch vieles getrennt unternehmen.

ZEIT: Wie möchten Sie eigentlich bezeichnet werden? Als Seniorin, Rentnerin, alte Frau?

Obermüller: Das sind alles furchtbare Wörter. Die gnädigste Bezeichnung wäre noch "ältere Dame". Alte Frau klingt so hart, "Best Ager" oder "Silver Ager" sind läppische Euphemismen. Die Begriffsverwirrung ist aber interessant, weil sie zeigt, dass meine Generation die erste ist, die dieses neue Lebensalter durchläuft, für das es weder Vorbilder noch Inhalte noch Begriffe gibt: die zehn bis fünfzehn Jahre zwischen aktivem Erwerbsleben und Hochaltrigkeit, in denen die Menschen noch sehr fit sind und gern einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen möchten.

ZEIT: Sie selber schreiben, moderieren Podien, halten Referate zum Thema Alter. Haben Sie es nie als einschränkend erlebt oder gar bereut, dass Sie in der Öffentlichkeit immer zu Ihrem Alter gestanden sind? Es gibt viele Frauen, die sich bedeckt halten.

Obermüller: Damit habe ich überhaupt kein Problem. Mein Geburtsdatum darf überall stehen. Zu meiner journalistischen Arbeit gehört es, dass ich von persönlichen Erfahrungen ausgehe und nicht nur mein Alter preisgebe, sondern auch über die Schwierigkeiten rede, die ich in dieser Lebensphase habe. Nur so erreiche ich mein Publikum und darf die Erfahrung machen, dass aus dem Abbau, der mir notgedrungen widerfährt, noch etwas Sinnvolles hervorgehen kann.

ZEIT: Ist das der Rückzug auf die berühmten inneren Werte? Es heißt ja gern, als ältere Frau werde man wie Luft behandelt und sei keines Blickes, vor allem keines männlichen Blickes mehr würdig.

Obermüller: Diese Erfahrung mache ich auch, von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen. Früher bist du als einigermaßen attraktive Frau in einen Raum gekommen, und das gewisse Etwas lag in der Luft. Dieses Spiel findet nicht mehr statt, wenn man 73 ist, und dem trauere ich, ehrlich gesagt, ein bisschen nach.

ZEIT: Erleben das Männer in Ihrem Alter wohl anders?

Obermüller: Ich weiß es nicht so genau, aber ich nehme immer wieder erstaunt zur Kenntnis, mit welch ungebrochenem Selbstbewusstsein sich gewisse ältere Herren junge Frauen angeln und null Zweifel haben, ob sie ihnen auch gefallen. Obwohl es meistens das Geld und der damit verbundene gesellschaftliche Status ist, die ihnen die Frauenherzen öffnen.

ZEIT: Ärgerlich?

Obermüller: Sagen wir: Es ist ungerecht uns Frauen gegenüber. Ich würde mir wünschen, dass wir Frauen die gleichen Möglichkeiten hätten. Aber wenn sich eine ältere Frau mit einem jungen Mann zeigt, hagelt es faule Sprüche. Von einem Mann mit einer 30 Jahre Jüngeren heißt es: Momoll! Nicht schlecht!

"Keine Schönheitsoperationen, keine Fitnessprogramme"

ZEIT: Vielleicht ist das eine Folge der Biologie: Immerhin kann ein 80-Jähriger unter Umständen immer noch zeugungsfähig sein.

Obermüller: Ich glaube auch, dass die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern deren Einstellung zur Sexualität im Alter beeinflussen. Ein alter, noch reproduktionsfähiger Mann tritt mit einem anderen Anspruch auf als eine Frau, die weiß, dass ihre biologische Uhr abgelaufen ist.

ZEIT: Erlaubt der Jugendkult unserer Gesellschaft einer älteren Frau überhaupt noch, sich als sexuelles Wesen wahrzunehmen, oder wird sie ab einem bestimmten Punkt zum Neutrum?

Obermüller: Die Gefahr besteht, keine Frage. Trotzdem würde ich mich niemals als Neutrum bezeichnen. Ich habe auch nicht im Sinn, eines zu werden. Ich merke immer noch, wenn ich einem attraktiven Mann begegne, und spüre auch, wenn mich ein fremder Mann mit wohlwollendem Interesse mustert. Was allerdings – ich gebe es zu – nur noch selten passiert. Ich glaube auch, dass sich die Sexualität von uns Frauen im Alter mehr in Richtung Erotik und Zärtlichkeit entwickelt, weg vom Penetrationsakt, der für Männer wohl stets zentral bleibt. Fantasien werden dabei immer wichtiger. Vieles findet heute im Kopf und nicht mehr in der Realität statt.

ZEIT: Der Film Wolke 9 über Lust und Leidenschaft eines alten Liebespaares machte vor einigen Jahren Furore. Zu reden gaben insbesondere die Sexszenen, in denen viel alte Haut gezeigt wurde. Welche Gefühle haben Sie angesichts eines solchen Films?

Obermüller: Ich weiche dem Thema eher aus. Ich habe den Film zwar nicht bewusst gemieden, aber ich bin auch nicht wahnsinnig scharf auf solche Liebesgeschichten im Alter. Da beschleicht mich jedes Mal ein unkontrollierbares Gefühl von Peinlichkeit. Und das, obwohl ich es rein rational gut finde, dass dieses Thema vor allem auch aus weiblicher Sicht aufgegriffen und enttabuisiert wird.

ZEIT: Ist das Altern vor allem für Frauen eine nicht enden wollende Zumutung?

Obermüller: (seufzt) Wenn man mit einem gewissen ästhetischen Anspruch an sich herangeht, schon. Es soll mir niemand sagen, er freue sich über seinen Verfall. Es gibt vielleicht Leute, denen es egal ist. Mir ist es das nicht.

ZEIT: Was tun Sie dagegen?

Obermüller: Nichts. Keine Schönheitsoperationen, keine Fitnessprogramme. Ich pflege mich, schminke mich, wenn ich ausgehe, und bringe etwas Farbe in meine Haare. Und vor allem versuche ich mich altersgemäß zu kleiden. Nichts Schlimmeres als eine alte Frau, die sich wie ein junges Mädchen anzieht.

ZEIT: Welche Gefühle stellen sich bei Ihnen ein, wenn Sie an Ihren 80. Geburtstag denken?

Obermüller: Dann ist es definitiv passiert. 70 war ja schon happig, obwohl ich mit einem großen Fest die Flucht nach vorn angetreten habe und mich überhaupt nicht so alt fühle, wie ich mir als Kind den Zustand von Siebzigjährigen vorgestellt habe. Aber Zahlen haben ja ihre eigene Magie. Mit 80 bin ich dann endgültig alt, denke ich – egal, wie ich mich selber fühlen werde.

ZEIT: Sie waren 39, als Ihr früherer Mann, der Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann, an Krebs starb. Sie haben ihn begleitet und sich sehr nah auf dieses Sterben eingelassen. Hatten Sie damals eine Vorstellung davon, dass auch Sie eines Tages der Tod einholen wird?

Obermüller: Sehr stark sogar. Aber seltsamerweise hat der Tod damals auch etwas von seinem Schrecken verloren. Wir hatten einen so vertrauten Umgang mit Sterben und Tod, und mein Mann ist so versöhnt mit seinem sehr schwierigen Leben gestorben, dass mich diese Erfahrung getröstet und mir weitergeholfen hat. Zudem hatte ich trotz aller Verbundenheit mit ihm das ganz intensive Gefühl: Ich lebe jetzt, sterben tun vorerst die anderen. Mein Lebenshunger war riesig. Zum Glück war ich mit 39 noch in der Lage, ihn auszuleben. Später hätte ich das vielleicht nicht mehr geschafft.