Auf diese Urlaubslektüre hätte der Berliner Flughafenchef Hartmut Mehdorn wohl lieber verzichtet. Anfang August erreichten ihn in seinem Ferienhaus im Süden Frankreichs brisante Dokumente: Berichte zum Stand der Bauarbeiten am neuen Berliner Flughafen (BER), der ursprünglich 2010 eröffnet haben sollte, dessen Eröffnungstermin aber aufgrund von Fehlplanung und Pfusch am Bau mehrfach verschoben wurde. Vor fünf Monaten hatten die Beteiligten Politiker von Bund und Ländern dann den früheren Chef der Deutschen Bahn und Air Berlin zu Hilfe gerufen, um bei dem Pannenprojekt aufzuräumen. Mehdorn gibt sich seitdem zuversichtlich. Sein ambitioniertes Ziel: eine Eröffnung noch 2014. Doch die neue Bestandsaufnahme, deren Zusammenfassung der ZEIT vorliegt, nährt Zweifel an dem Vorhaben. Sie listet 66.500 Mängel auf, gut 20.000 mehr als bislang bekannt.

Es sind nicht nur diese zusätzlichen Probleme, die Mehdorns Urlaubsstimmung getrübt haben dürften. Es ist vor allem deren Qualität. So heißt es in dem Bericht: "An ca. 70 % aller Kabel und ca. 20 % aller Kabeltrassen ist Handlungsbedarf gegeben." Anschauliche Fotos dokumentieren die kaputten und oft durch zu enge Kabeltrassen gestopften Leitungen. Dazu kommt ein Evergreen der Berliner Pannenberichte: Probleme beim Brandschutz. Der ist nach wie vor das größte Problem des Flughafens: rund "3.600 verortete Einzelabweichungen von genehmigungsrechtlicher Relevanz" im anlagentechnischen sowie rund "14.750 verortbare Einzelabweichungen mit genehmigungsrechtlicher Relevanz" im baulichen Brandschutz. Und so geht es weiter in den Papieren: Der Rauchalarm – funktioniert nicht flächendeckend. Die geschossübergreifende Entrauchung – nicht nachgewiesen.

All die neuen Probleme wecken nicht nur Zweifel an der zügigen Flughafeneröffnung, auf die Mehdorn rigoros drängt, zumal der Wirtschaftsplan seines Unternehmens den Umzug der Flughäfen Schönefeld und Tegel zum neuen Airport BER für November 2014 in Aussicht stellt. Es droht auch alles teurer zu werden als geplant. Derzeit rechnet die Flughafengesellschaft, zu deren Anteilseigner der Bund sowie die Länder Berlin und Brandenburg gehören, mit 4,3 Milliarden Euro Kosten. Doch es dürfte mehr werden. "Die Kosten sind völlig aus dem Ruder gelaufen", sagt etwa der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestages Anton Hofreiter (Grüne).

Mehdorns jüngster Plan, um dem Chaos Herr zu werden: eine Teileröffnung des Flughafens. Das Vorhaben will er Ende dieser Woche mit dem Aufsichtsrat diskutieren. Der Probebetrieb, das ist Mehdorns Kalkül, soll Mitarbeiter und Zulieferer anspornen: "Mobilisierung und Einschwörung aller Beteiligten auf ›Fertig machen und loslegen‹" sei die Devise, heißt es in einem internen Strategiepapier.

Mehdorn will den Flughafen testweise öffnen – für 5,9 Millionen Euro extra

Man könnte auch sagen: Augen zu und durch. Die Details des Strategiepapiers offenbaren nämlich, wie Mehdorn sich an ein Teileröffnungskonzept klammert, von dem interne wie externe Experten wenig halten. Anfangs wollte der Flughafenchef den Billigflieger easyJet anwerben, um Umzug und Flughafenbetrieb schon einmal zu proben. Die Airline hat immerhin 41 Direktverbindungen ab Berlin im Programm. Nun sind die Ambitionen geschrumpft- auf drei Abflüge pro Tag. Gerade einmal 380 Passagiere sollen das Interimsterminal täglich nutzen. "Hier ist selbst im Probebetrieb 23 Stunden Stillstand", sagt ein Konzerninsider. Experten von Fluggesellschaften halten ebenso wenig von den Plänen und kritisieren das Vorhaben seit Wochen. Der grüne Verkehrsexperte Hofreiter sagt: "Ich glaube nicht, dass der Teilbetrieb vor diesem Hintergrund noch Sinn macht."

Auch die zuständigen Verwaltungsleute wollen nicht ohne Wenn und Aber mitziehen. "Die derzeitige Baugenehmigung für den Nordpier erlaubt keine Teileröffnung. Sollte die Flughafengesellschaft die Nutzung ändern oder ergänzen wollen, sind vielfache Genehmigungen erforderlich. Bis mit Baumaßnahmen begonnen werden kann, können drei bis sechs Monate vergehen", sagt Carl-Heinz Klinkmüller, Baudezernent im Landkreis Dahme-Spreewald, dessen Behörde Mehdorns Pläne absegnen muss. Der zuständige Landrat Stephan Loge hat schon Mitte Juli in einer vertraulichen Ausschusssitzung der Anteilseigner Alarm geschlagen. Es sei zweifelhaft, "dass eine Herauslösung beziehungsweise separate Beantragung einer Teilgenehmigung für den Nordpier sinnvoll ist", heißt es im Sitzungsprotokoll.

Mehdorn gehen all die Behörden und zähen Genehmigungsverfahren offenbar gewaltig auf den Geist. "Unser Baurecht müsste dringend mal durch ein Sieb geschüttelt werden", sagte er vor Kurzem dem Spiegel. Den Vorwurf von bremsender Paragrafenreiterei will Baudezernent Klinkmüller indes nicht auf sich sitzen lassen: "Das ist kein Carport, den wir hier genehmigen. Es geht um die Sicherheit von Millionen Passagieren und nicht darum, schnelle Erfolge zu feiern." Die Flughafengesellschaft habe bis Anfang der Woche noch nicht einmal einen Antrag auf Teilbetrieb gestellt. "Fakt ist: Der Flughafen ist nicht so gebaut worden, wie es die Baugenehmigung vorsah. Bis heute warten wir auf Lösungsvorschläge der Flughafengesellschaft. Es ist also nicht so, dass wir einer zügigen Inbetriebnahme im Weg gestanden hätten", sagt Klinkmüller.

Mehdorn will unbedingt schnell sichtbare Erfolge erreichen. 5,9 Millionen Euro soll der Interimsumbau für den Teilumzug einiger Flugzeuge kosten, den der Flughafenchef "Ummöblierung" nennt. Es geht um Gepäckbänder, Sicherheitsschleusen und andere Einrichtungen, die zu genehmigen und zu errichten wären. Sie würden später wieder abgebaut. Allerdings ist es wohl schwieriger, sie zu errichten, als Mehdorns Skizzen suggerieren. "Der Nordpier erfüllt die Anforderungen an den Flugbetrieb, wie er derzeit von der Flughafengesellschaft favorisiert wird, längst nicht", sagt Klinkmüller.