Der Kindergarten hat zwei Gruppen mit je 15 Kindern zwischen einem und sechs Jahren – betreut von zwei Erziehern plus Praktikantin. Kann das funktionieren? Kann man gleichzeitig 14 Kleinkinder betreuen und ein schwerbehindertes Mädchen fördern? Allein Lottas Mittagessen bedeutet 50 Minuten konzentriertes Füttern. "Das funktioniert nur mit zusätzlicher Unterstützung", sagt Zora. Wir beantragen einen Integrationshelfer, einen Begleiter in den Kindergarten. Behinderte Kinder, die eine Regeleinrichtung besuchen, haben einen Rechtsanspruch darauf, wenn sie die Bedingungen erfüllen. Wie genau die sind, will mir beim Amt niemand erklären.

"Warum ist das so kompliziert?", frage ich.

"Wenn wir allen behinderten Kindern einen Integrationshelfer an die Seite stellen würden, was meinen Sie, wie teuer das wäre?", sagt mir ein Gesprächspartner. Vier Wochen – diese Zeit sollte ich für die Bearbeitung einplanen, hat mir die Dame vom Sozialamt gesagt. Danach könnten wir einen Integrationshelfer für Lotta haben. Wir beantragen noch zusätzliche Fördermittel bei einem anderen Amt und beginnen mit der Eingewöhnung.

Drei Wochen lang bin ich jeden Tag dabei, beim Singkreis, auf dem Spielplatz, beim Mittagessen. Ich gewöhne nicht nur Lotta ein. Nur die wenigsten hier hatten schon einmal Kontakt mit behinderten Kindern, jetzt sollen sie eins betreuen. Es ist eine Herausforderung, der sich in den nächsten Jahren viele Lehrer und Erzieher werden stellen müssen.

"Was hat sie denn?" Eine Erzieherin wiegt Lotta in den Armen, deren Mundwinkel ziehen sich nach unten. Sie jammert. Die Erzieherin summt, wiegt und fragt: "Vielleicht hat sie Hunger?" – "Vielleicht ist ihr langweilig", sage ich. "Versuch’s mal mit Hoppe Reiter."

Wir kriegen eine Antwort auf unseren Antrag auf Fördermittel – abgelehnt. In Lottas Gruppe werden auch unter Dreijährige betreut, das ist in den Statuten der Ämter noch nicht vorgesehen. "Aber das ist die Zukunft, müsste das nicht überarbeitet werden?" – "So schnell geht das nicht", höre ich. Wir legen Einspruch ein. Vom Integrationshelfer hören wir nichts und fragen nach. Erst ist der Antrag nicht angekommen. Dann ist er beim falschen Amt. Amt A sagt: "Gehen Sie zu Amt B." Amt B sagt: "Nein, da müssten Sie zu Amt A." Alle sind sehr nett und hilfsbereit, keiner streitet ab, dass Lotta Hilfe braucht und der Kindergarten Unterstützung. Wir schicken Einschreiben, beschweren uns beim Behindertenbeauftragten, wir sprechen persönlich vor. Wir laufen gegen Wattewände. Monate vergehen.

Jedes Mal, wenn ich Lotta nach dem Mittagsschlaf abhole, finde ich am Schwarzen Brett einen Zettel mit allen Kindernamen. Unter "Finkengruppe, Lotta" steht: "Lotta hat heute mit Theo und Kofi gebastelt." – "Gebastelt?", frage ich Katarina, die Erzieherin. "Habt ihr euch nicht im Kind geirrt?" – "Nein", sagt sie lächelnd. "Die anderen haben Watte auf Pappe geklebt, und Lotta hat mit den Händen draufgedrückt, bis der Kleber trocken war." Ben steht neben mir und küsst Lotta. "Jetzt kannst du auch schon basteln", sagt er. Kofi kommt und küsst Lotta auf die andere Backe. "Das ist meine Lotta", sagt Ben. "Komm, wir gehen." – "Die anderen Kinder halten noch Abstand, oder?", sage ich zu Katarina. "Ja, die wissen nicht so ganz, wie sie Lotta einordnen sollen. Aber Ida ist neugierig, die traut sich bestimmt bald." Ida hat gerade laufen gelernt. Latzhose, rote Haare, Kuhfellpantoffeln. Lotta heißt bei ihr Lolla.

Es kommen die Tage, an denen morgens Zora anruft und darum bittet, dass wir Lotta heute nicht in den Kindergarten bringen. Es sind zu viele Erzieher krank: "Wir schaffen das heute nicht." Es kommen die Tage, an denen ich mich frage, wann sich die anderen Eltern beschweren werden, weil die Erzieher zu viel Zeit für mein Kind aufwenden und zu wenig für ihres. Wie lange können wir ohne Integrationshelfer weitermachen? Ich gehe zu einer Anwältin und lasse mich beraten. "Es kommt mir vor, als schöben sich die Ämter gegenseitig die Verantwortung zu. Als hofften sie, dass wir aufgeben ..." Das sei kein Einzelfall, sagt die Anwältin. Vielleicht müssen wir vor Gericht ziehen. "Vielen Eltern bleibt keine andere Wahl. Die Ämter lassen es darauf ankommen."

Als ich Lotta aus dem Kindergarten abhole, legt Zora im Flur ihren Finger vor den Mund. "Komm mal ganz leise mit", sagt sie. "Vielleicht bemerkt Lotta dich nicht ..." Sie öffnet die Tür zum Gruppenraum der Finken. Lotta liegt auf ihrem roten Sitzsack, daneben Ida. Sie liegen Nase an Nase. "Lolla", sagt Ida.

"Oi", sagt Lotta. Lotta hat den Mund offen, Ida reißt ihren ebenfalls auf und presst ihre Lippen an Lottas. Sie legt den Arm um ihren Hals. Lotta strampelt aufgeregt mit einem Bein. "Lolla." – "Oi."

Wenn ich sie in den Kindergarten bringe, lacht Lotta. Wenn Ida und Kofi in den Flur stürmen, fängt sie an zu strampeln vor Freude. Sie macht mehr Laute als früher, sie ist wacher, sie profitiert. Was mögen Kofi und Ida an Lotta? "Haut nicht", sagt Ida. "Beißt nicht." – "Dass sie meine Freundin ist", sagt Kofi. Unsere Therapeuten sind einverstanden, Lottas Sitzungen im Kindergarten abzuhalten, die Erzieher lassen sich anleiten. Die am Anfang die meisten Bedenken hatten, sind nun die mit dem größten Stolz: "Ich habe sie heute dazu gebracht, auf dem Bauch zu liegen!" – "Sie hat mittags zwei Portionen gegessen – ohne Verschlucken!" Als Lotta drei wird, schreiben sie eine Karte mit den Fingertupfen aller Kinder drauf: "Wie schön, dass du bei uns bist." In der Woche danach fällt eine Erzieherin aus, und Lotta bleibt einen Tag zu Hause. Ein halbes Jahr ist um, und wir haben keinen Integrationshelfer. Ich engagiere die Anwältin, wir drohen mit einer Klage.