Von der Stadt kriegen wir Post: ein Platz in einem integrativen Kindergarten. Wir lehnen ab. "Wir haben schon einen Platz gefunden." Bei einem Elternnachmittag nimmt mich eine Mutter zur Seite und sagt: "Wie schön, dass meine Tochter diese Erfahrung machen kann. Dass sie Lotta kennenlernen kann, bevor sie in ihrem Kopf Schubladen hat, um die Menschen dareinzustecken." Inklusion kann so einfach sein – wenn sie denn einer bezahlen würde.

Eines Abends finde ich einen Briefumschlag von Zora im Briefkasten, sie wollte so spät nicht klingeln. Darin eine selbst gebrannte CD, ein Video: Lotta heute, im Flur des Kindergartens in ihrem Therapiestuhl, auf dem Tisch vor sich ein Zirkuszelt aus Blech, eine Spieluhr, die so groß ist, dass sie Lotta bis ans Kinn reicht. Wenn sie ihr Kinn senkt, kann Lotta die Musik anhalten. Sie liebt das. Zora hat Lotta und die Spieluhr mit in den Flur genommen – für eine konzentrierte Förderstunde zu zweit, während die anderen nebenan im Singkreis sitzen. Durch die geschlossene Tür hört man sie singen: "Die Ida ist jetzt an der Reih und saust an uns vorbei." Lotta lächelt ein Grübchenlächeln. "Hei", gurrt sie. Die Spieluhr ignoriert sie. Zora: "Hörst du die Kinder singen?" – "Hei", Lotta dreht den Kopf und schaut in die Richtung, aus der das Singen kommt. "Der Kofi ist jetzt an der Reih ..." Breites Lächeln. "Hei!" – "Willst du mitsingen?" fragt Zora. Lottas Grübchen werden tiefer. Sie dreht ihren Kopf so stark, als wollte sie mit purer Willenskraft zu den anderen gelangen. "Willst du zu den Kindern?", fragt Zora. Lotta: "Hei!" – "Na, dann bring ich dich hin." Lotta strahlt. Ich sitze vor dem Bildschirm und habe Tränen in den Augen.

Auf dem Fußballplatz neulich, bei Bens Training. "Das geht?", fragt mich eine andere Mutter. "In einem ganz normalen Kindergarten? Funktioniert das?" Ja, das funktioniert. Sie wird dort gefördert, und sie hat mir gezeigt, dass etwas anderes für sie genauso wichtig ist: Freunde finden und mit ihnen zusammen sein. Dafür ist es unwichtig, ob sie mitsingen kann oder nur "Hei" gurren. Wir haben Erzieher gefunden, die fast ein ganzes Jahr lang neben dem normalen Betrieb Lotta mitgetragen haben. Freiwillig. Wir haben erfahren, wie sehr man um staatliche Unterstützung für dieses persönliche Engagement kämpfen muss. Wir haben endlich die Fördermittel und eine Integrationshelferin bewilligt bekommen – es hat elf Monate gedauert statt vier Wochen. Sie heißt Bella und sagt: "Lotta bewegt sich so viel, ich glaube, dass die irgendwann krabbelt." Unser Kindergarten wird im nächsten Jahr das nächste behinderte Kind aufnehmen. Und ich werde diesen Herbst anfangen, mir Schulen für Lotta anzusehen. Ich weiß nicht, in welche Schule Lotta einmal gehen wird. Wie weit wir dann mit der Inklusion sind. Ob wir dann noch die Wahl haben zwischen Sonder- und Regelschulen. Ob Lotta dann wirklich krabbeln kann – oder anderen in den Ranzen pinkeln. Ich weiß, dass Inklusion funktionieren kann, wenn man es wirklich will – und bereit ist, dafür zu kämpfen. Wir haben großes Glück gehabt, und ich hoffe, wir werden es auch bei der Schule haben. Ich finde, es sollte keine Glückssache sein.

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