Maik Uwe Hinkel hat nichts Gutes erwartet. "Die werden mich als Kapitalisten beschimpfen", hat er vor ein paar Tagen gesagt. Gekommen ist er trotzdem. Er will sich nicht verstecken, und noch glaubt er, die Sache lasse sich mit Worten lösen.

Es ist Januar 2013, und der Immobilienunternehmer Hinkel hat sich in das Berliner Kulturzentrum Radialsystem V gewagt, einen alten Industriebau am Ufer der Spree. Er soll über sein neuestes Projekt sprechen, ein Hochhaus, das er hier bauen will, ein paar Hundert Meter flussaufwärts. Das Publikum an diesem Nachmittag: Investoren, Experten und Bürger. Männer in grauen Jacketts, wie Hinkel erstaunt feststellt, als er den Raum betritt. "Wo ist das Volk?", fragt er belustigt. Er hat mit viel mehr Leuten gerechnet. Aber auch wenn das Volk fehlt: Hinkel wird seinen Protest schon noch bekommen.

So etwas wie sein Hochhaus hat Berlin noch nicht gesehen: Es soll direkt am Wasser stehen und in der Dunkelheit weiß leuchten – ein Designobjekt mit verrutscht wirkenden Fassadenplatten. Die Kunden werden die Inneneinrichtung wählen können: in Braun, Weiß, Beton- oder Schieferoptik. Viele der 50 Wohnungen werden mehr als eine Million Euro kosten. Das Haus wird 13 Stockwerke haben – in Frankfurt würde man darüber müde lächeln, in Berlin wird es als Signal an die da unten verstanden: "So hoch kommt ihr nie!"

Hinkel will, wie bei allen seinen Projekten, die Wohnungen einzeln verkaufen, das ist sein Geschäftsprinzip. So lässt sich nach seiner Erfahrung am meisten herausholen, Quadratmeter für Quadratmeter der bestmögliche Preis. In diesem Fall: 2.750 bis 10.000 Euro für ein Fleckchen von einem mal einem Meter, je nach Stockwerk und Blick. In ein paar Wochen sollen die Arbeiter die Grube ausheben. Hinkel ist startklar. Wenn da nicht die Nachbarn wären.

Um die Gegend östlich der Berliner Mitte wird seit Langem gerungen. Eine noch kaum bebaute Brache inmitten der Stadt, bisher das Zuhause von Clubs und Strandbars, nur zwei S-Bahn-Haltestellen vom Alexanderplatz entfernt. Ein Gelände, "umgeben von den spannendsten Hotspots Berlins", wie Hinkel auf seiner Website wirbt. Zum Gespräch geladen hat die Stiftung "Zukunft Berlin", sie ist eng mit der Landesregierung, dem Senat, verbunden. Die Stiftung ist so etwas wie eine UN-Blauhelmtruppe auf umkämpftem Gebiet. Die Feinde sollen, beobachtet von den Blauhelmen, friedlich miteinander reden.

In den neunziger Jahren plante Berlin, das Ufer der Spree mit Büroklötzen vollzuwuchten. Lange fehlte das Geld. Dann, 2008, stimmten die Einwohner des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg in einem Bürgerentscheid gegen die Pläne. Statt Büros will das Volk – angeführt von seinem Bezirksbürgermeister – lieber einen Park und eine durchgehende Uferpromenade. Der Senat der Hauptstadt dagegen will Investoren locken. Die Investoren wollen, logisch: Geld verdienen. Das ist, im Kern, der Konflikt, den der Bürgerentscheid erst richtig angefacht hat, weil er rechtlich nicht bindend ist. Hier am Ufer entzündet sich die Frage, wer die Macht hat in der Stadt. Für wen ist sie da? Welche Bedürfnisse muss sie erfüllen? Und wie soll das Berlin der Zukunft aussehen? Bürger, Politiker, Unternehmer – auf 3,7 Kilometern an der Spree prallen ihre Visionen aufeinander.

Im Kulturzentrum zwängt sich Hinkel auf den Platz, an dem sein Namensschild steht: zwischen je einen Vertreter des Naturschutzbunds Deutschland und des Bürgervereins Luisenstadt. Hinkel guckt, als wolle er hier dringend wieder fort.

Maik Uwe Hinkel ist groß und sportlich und sieht jünger aus, als er ist. In einem Monat wird er 50. An diesem Tag hat er T-Shirt und V-Pulli angezogen, dazu eine schwarze Jeans. Es wirkt wie eine Verkleidung, er will nicht sofort als wohlhabender Investor auffallen. Normalerweise trägt er gebügelte Hemden. Doch das weiß hier niemand. Es ist der Vorteil des Investors Hinkel, dass ihn in Berlin kaum einer kennt. Das wird bald vorbei sein.

Erst vor ein paar Monaten hat Hinkel das Grundstück für sein Haus gekauft, für fünf Millionen Euro. Der alte Besitzer hatte genug von den Querelen. Hinkel glaubt, dass er jeden Streit durchstehen kann, er hält sich für robust genug.

In Berlin, einer im tiefsten Herzen proletarischen Stadt, waren Immobilieninvestoren schon immer verdächtig. Seit Berlin drauf und dran ist, schick und teuer zu werden, sind sie verhasst bei vielen, die nicht so schick und teuer wohnen wie die Zugezogenen. Die Preise für Häuser und Wohnungen steigen schneller als in jeder anderen deutschen Stadt, ebenso die Mieten. Viele Menschen sorgen sich, sie könnten sich ihre Wohnungen bald nicht mehr leisten. Je größer die Euphorie der Investoren, desto größer die Angst der Mieter – man hat das Gefühl, die Stadt ist kurz davor, zu zerreißen. Auch Hinkel spürt das: Er ist gekommen, um "ein Friedenssignal" auszusenden, sagt er. Für einen Investor ist eine Stadt, in der soziale Konflikte explodieren, kein guter Ort.

Hinkel, zwischen Naturschutz- und Bürgerinteressen eingekeilt, wundert sich, dass sein wichtigster Gegner fehlt: der Bezirksbürgermeister Franz Schulz. Der würde am liebsten alle Gebäude auf der östlichen Uferseite seines Bezirks verhindern – dort, wo Hinkels Haus stehen soll, gleich neben dem längsten erhaltenen Stück der Berliner Mauer, der East Side Gallery. Da ist auch der Park, für den Schulz lange gekämpft hat. Nur zwei hohe Gebäude hat er nicht verhindern können. Eines ist das von Hinkel.