Auf der Seite Andy Warhols

Zwei Texte sind als Buch erschienen, die beide die Buchform nicht brauchen. Beide nehmen für sich in Anspruch, Avantgarde zu sein, und sie meinen jeweils etwas ganz anderes damit. Aber beide markieren Positionen auf einem heiß umkämpften Schlachtfeld, auf dem die Zukunftsfähigkeit alter und neuer Medien verhandelt wird. Dort hat sich die eine Kampfpartei in der Wagenburg des sicher vermarktbaren Printprodukts verschanzt, während die andere gar nicht mehr daran glaubt, dass es einen festen Ort wie eine Wagenburg noch gibt, und in einem allmedialen Überall-und-Nirgends die Synergien aller nur denkbaren Verwertungskanäle nutzen will. Mit den beiden Neuerscheinungen trifft ein künstlerischer Avantgardeanspruch auf die hochnervöse Avantgarde des Marketings. Aber der Reihe nach.

Das erste der beiden Projekte begann mit einem Akt der schöpferischen Zerstörung nach Schumpeter: Einmal gefielen der Künstlerin U. D. Bauer ihre Bilder nicht mehr. Da hat sie sie zerrissen, die Einzelteile nach dem Zufallsprinzip neu angeordnet und neuen Sinn darin entdeckt. Das war in den siebziger Jahren. Dann hat U. D. Bauer begonnen, Sätze aus Büchern zu reißen, sie zu sammeln und neu anzuordnen. Daraus wurde ihr Projekt O. T. (Ohne Titel), das im vergangenen März als aufwendig gestalteter Prachtband in der Anderen Bibliothek erschienen ist. Klingt toll. Einfach mal alles kaputt machen! Mit dieser großen Angstlust haben die Avantgarden schon immer gerne gespielt, viel befreiende Leichtigkeit erzeugt und auch viel Krampf.

Die Andere Bibliothek ist Wagenburg: das Buch als klassische Kostbarkeit, als intellektuelles Schmuckkästchen. O. T. hat drei Teile: das Konvolut der Buchzitate, 2857 an der Zahl. Den Apparat, der die Herkunft der Zitate aufschlüsselt. Und einen Anhang mit einem Gespräch der Künstlerin mit Max Dax, der einmal die Zeitschrift Spex geleitet hat.

Der Anhang ist Kunstideologie als Buchmarketing. Vor allem wird eine enge Beziehung des U.-D.-Bauer-Projekts zur Arbeitsweise Picassos und Bob Dylans behauptet. Nur indirekt angedeutet und im Pressematerial ganz verschwiegen wird, dass Max Dax eigentlich Bauer heißt und es sich hier um ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn handelt. Das Fazit: Picasso = Dylan = Mama = Kunst im Sinne von Verweigerung, Copy und Paste und Medienreflexion. Das sage auch Hans Ulrich Obrist, sagt Max Dax, und U. D. Bauer sagt: "Ich stehe auf der Seite Andy Warhols."

Der Hauptteil, das Zitatkonvolut, hat etwas eigenartig Altbackenes. Das Material stammt aus dem Modernen Antiquariat und zeigt vor allem, dass Sprache altern kann. Es wird ganz artig nach Themen geordnet und zu einer fortlaufenden Erzählung zusammengeleimt. Was, wenn man es als Ausstellung präsentiert hätte, mit Zettelkästen, aus denen die Besucher Zitate hätten ziehen können? Oder auf einer Website, auf der sich das Material per Mausklick hätte erschließen und neu kombinieren lassen? Warum nur hat U. D. Bauer auf das Erfolgsrezept der Zerstörungsaktion an ihren eigenen Bildern verzichtet, auf das Zufallsprinzip? Warum nur war sie so darauf bedacht, einen ganz konventionellen Roman nachzubauen? Es ist ein bisschen so, als hätte sie damals aus den Fetzen ihrer eigenen Bilder einen röhrenden Hirsch vor Berglandschaft gelegt. Das wirkt nicht wie die im Anhang versprochene Sprachkritik und Medienreflexion, eher wie eine gigantische Fleißarbeit, mit der letztendlich die Unterwerfung unter uralte Erzählkonventionen zelebriert wird. Selten hat das Erzählen so alt ausgesehen wie in U. D. Bauers zwischen Buchdeckel gezwängtem Stück Konzeptkunst.

Bleibt Teil zwei, der Apparat mit der Liste der verwendeten Werke. Maugham, Scheerbart, die Bibel. Calvino, Ringelnatz, Broch. Huxley, Manzoni und Beecher Stowe. Man sieht die Eselsohren, die stockfleckigen Buchrücken. Ein schöner, ganz sachlicher und auch trauriger Anblick. Der Glücksmoment des Bandes.

Autoren sind Söldner in den Machtkämpfen von Medienkonzernen

Überall Marketing. Erst störrisches Buchbeharrungsmarketing, dann radikales Wir-sind-das-Medium-der-Zukunft-Marketing. Spiegel Online (SPON) hat Jennifer Egans Twitter-Roman Black Box schon in einer Rezension niedergejubelt, bevor er vom eigenen Haus auf @SPIEGEL_rezens getwittert wurde – über ein Jahr, also gefühlte hundert Internetjahre, nach dem New Yorker. Synergieeffekte! Vermarktungsplattform und Institution der Kritik werden eins. Egan ist toll! Egan ist auf SPON! SPON ist auf Twitter! Klickt! Mich! An! Dauerjubel aus vollen Rohren. Und auch sonst überall der gleiche Sound: Rezensionen, die nach Verkaufe klingen, Fernsehreporter, die wie Werbeflüsterer säuseln. Wer spricht, macht Werbung, mindestens für sich selbst.

Black Box von Jennifer Egan ist Avantgarde im Sinne von "janz vorne dran". Ihre kurze Prosa aus fast 600 Tweets mit höchstens 140 Zeichen arbeitet mit Versatzstücken aus den bekannten Geheimdienst-Imagefilmen Hollywoods. Es geht um die bis zur religiösen Verzückung gesteigerte Bereitschaft einer jungen Amerikanerin, für die nationale Sicherheit Leib und Leben zu riskieren und ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung aufzugeben. Um Prostitution in staatlichem Auftrag und Datenklau mithilfe in den Körper implantierter Mikrotechnik. Es gibt in dieser Erzählung kein Entkommen aus dem unmittelbaren Erleben der Hauptfigur, das im Minutentakt zu Handlungsanweisungen verfremdet wird: Aus unmittelbarer Action werden die mittelbaren "Feldinstruktionen" unsichtbarer Agentenführer, denen die Autorin die göttliche Gabe verleiht, alles vorherzusehen und zu kontrollieren. Das eigene Erleben wird nicht mehr als eigenes Erleben erlebt.

Black Box ist auf Deutsch bei Schöffling erschienen, aber zuerst hat die Autorin den Roman über das schreckliche und furchterregende Internet verbreitet. Sie hat Furcht und Schrecken des Internetzeitalters in den Text mit eingebaut. Sie erzählt auf vermittelte Weise vom Verlust der Freiheit, vom beklemmend totalitären Zugriff einer Wahnvorstellung vom Kampf für eine gute Sache, von der wir längst nicht mehr wissen, ob es sie noch gibt. Es bleibt der leere Befehl: "Heroismus heute heißt, das Individuum mit seinen banalen Freuden und Leiden zugunsten eines strahlenden Kollektivs zu überwinden." Das Internet ist leer, Twitter ist leer, und die Staatsfeinde sind überall. Die Herzen sind leer, und diese Leere und unsere Bereitschaft, sie mit politreligiösem Wahn zu füllen, sind Egans eigentliches Thema. Ihre Hauptfigur wird von narzisstischen Notstandsgesetzen bestimmt. Sie zwingen sie in einen Traum vom Heldentum, aus dem es kein Erwachen gibt.

Das ist Literatur für finstere Zeiten: Krieg ist Frieden, und Frieden ist Krieg. Träume sind Waffen. Autoren sind Söldner in den Machtkämpfen von Medienkonzernen. Schreiben ist Krieg. Jennifer Egan hat Twitter und das Internet benutzt, erobert und ausmanövriert. Occupy Twitter! Ihre Waffe war übrigens der Bleistift, sie hat die Geschichte mit der Hand in mit dem Lineal vorgezeichnete Twitter-Kästchen geschrieben. Auf Twitter muss man das Werk dann von unten nach oben lesen, weil der neueste Tweet immer über dem vorherigen erscheint.

Man kann diesen literarischen Text unmöglich mit U. D. Bauers Kunstprojekt vergleichen. Bei Jennifer Egan ist die Avantgardetechnik der Zersplitterung einer Geschichte in einzelne Sätze kein abstrakter Versuch der Sprachkritik nach dem Muster historischer Bewegungen der Kunstmoderne, sondern das Ergebnis eines Versuchs, für eine heutige Geschichte eine heutige Form zu finden. Aber beide operieren im gleichen Spannungsfeld, im gleichen Krisengebiet. Beide sind dem gleichen Druck ausgesetzt, sollen die Durchschlagskraft ihres Mediums behaupten und drohen dabei in der Umarmung ihrer Vermarkter zu ersticken. Bei U. D. Bauer lernt man, dass die Avantgardestrategien der Kunstmoderne alt geworden sind. Bei Jennifer Egan lernt man, dass Literatur auch unter Druck subversive Strategien entwickeln kann, mit denen sich ein eigener Raum behaupten lässt: Ein bisschen Eigentlichkeit geht noch. Nur die Buchform ist dabei vom "Muss" zum "Kann" geworden.