Marius, Alex und eine Katze

Eine kleine Straße, die sich durch ein Dorf hinter Göttingen schlängelt, vorbei an Fachwerkhäusern und Apfelbaumwiesen: Hier liegt ihre erste gemeinsame Adresse. In einem Klinkerhaus aus den siebziger Jahren haben sie in diesem Juli eine Dachwohnung gefunden. Alex’ Geschwister haben Tapete abgekratzt, Marius’ Vater hat beim Tapezieren geholfen, eine Schwester und seine Mutter haben die Wohnung gewischt und Fenster geputzt, der Freund seiner Schwester hat Möbel aufgebaut, und Alex’ Eltern haben beim Umzug geholfen. Und als alles fertig war, haben Marius und Alex ein Katzenbaby adoptiert.

"Es hat sich alles geändert. Zu wissen, dass es der Familie egal ist, was andere dazu sagen. Dass man die Bestätigung hat, dass die Familie hinter einem steht", sagt Marius.

Eine Wochenendbeziehung kam für Alex und Marius langfristig nicht infrage. Sie wollten den Alltag miteinander teilen. Jetzt haben sie ihn. Nach zwei Wochen Zusammenleben fiel zum ersten Mal das Wort Privatputzfrau. Marius sagte es in dem Zusammenhang, dass er sich blöd vorkomme, wenn er sich, während Alex arbeitet, den ganzen Tag um die Wohnung kümmere. Sein Medizinstudium fängt erst im Oktober an, bis dahin hat er viel Zeit. Alex hat gesagt, er solle nicht den ganzen Tag auf ihn warten und zum Beispiel mal wieder schwimmen gehen. Um zusammenzuleben, haben beide zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Heimatorte verlassen. In der neuen Wohnung fällt Marius das Alleinsein schwer, und auch Alex fühlt sich zurzeit nicht besonders stabil.

Neulich kam Alex morgens gar nicht aus dem Bett. Er hatte Streit mit einem Bekannten, von dem er sich nicht respektiert fühlte, und das machte ihn so fertig, dass er Mühe hatte aufzustehen.

"Du nimmst das zu persönlich, wenn dich jemand nicht mag. Weil du es immer allen recht machen willst", sagt Marius, als sie an einem Julitag zusammen auf dem Sofa sitzen, das sie gemeinsam gekauft haben.

"Für mich ist es halt schwieriger, damit umzugehen, als für jemanden, der das von klein auf erlebt", sagt Alex.

Er war bei einer Heilpraktikerin und hat mit ihr darüber gesprochen, ob es mit seiner Homosexualität zusammenhängen könnte. "Ich vermute, dass ich immer versuche, mich ins rechte Licht zu rücken. Sodass sie sagen, Alex ist ja doch nicht so verkehrt, das ist ein Guter."

"Ich habe festgestellt, dass viele Menschen irgendwelche Erwartungen haben, wenn sie zu einem kommen. Und wenn man die nicht erfüllt, wenden sich die Leute auch schnell von einem ab", sagt Marius, der vor einem Monat mit einer seiner alten Schulfreundinnen gebrochen hat, weil er das Gefühl hatte, dass sie ihn nur anrief, wenn sie ihn brauchte. "Mir ist es wichtiger, herauszufinden, wer die wahren Freunde sind. Und das finde ich raus, indem ich ab und zu mal Nein sage." Marius hat sich jetzt in Rage geredet: "Man muss nicht perfekt sein. Ganz früher, wo ich den Leuten auch noch hinterhergelaufen bin, hab ich gemerkt, dass mir das nicht guttut, den anderen etwas vorzuspielen, was ich nicht wirklich bin. Wenn man sich verstellen muss und jemand anderes sein muss: Das ist kein Leben. Ich bin kein Schauspieler, ich muss das nicht machen."

Als die Wohnung fertig war, haben sie zwei von Alex’ Freunden eingeladen, zum Essen, und die beiden haben kurz vorher abgesagt. Wegen Fußball.

Später am Abend schrieb Marius noch eine SMS: "Schön, dass ihr so kurzfristig absagt, ist ja nicht so, als hätte man nichts vorbereitet."

Eine Stunde später waren die Freunde da.

Alex lächelt: "Ich kann von Marius noch viel lernen."

Janinas Highway

Neulich beim Judotraining hat jemand Janina gefragt, wie lange es eigentlich jetzt her ist, die Sache mit Konstantin. Und sie hat geantwortet: Fast zweieinhalb Jahre. Und dann hat sie gedacht: Was hab ich eigentlich gemacht in den zweieinhalb Jahren? "Es kamen nicht so viele Erinnerungen", sagt sie, und dass sie darüber traurig war. Wenn sie etwas von Koni gelernt hatte, dann doch, dass man sein Leben im Moment leben sollte. Er hatte immer so viele Pläne.

Im Herbst will Janina ihre Freundin besuchen, die als Au-pair in den USA arbeitet. Dann will sie für einen Tag ihr Traumauto mieten, einen alten Ford Mustang, und damit über die Highways brettern. Koni stand auch auf solche Amischlitten. Sie will anfangen zu studieren. Lange hat sie überlegt, ob sie Psychologie studieren soll, das war schon immer ein Traum von ihr. Je mehr Soldaten sie nach Konis Tod kennenlernte, die Verluste verkraften und Kriegstraumata überwinden mussten, desto größer wurde er. Seitdem denkt Janina darüber nach, ob sie das schaffen könnte. Ob sie in den Einsatz gehen und Soldaten betreuen könnte. Oder ob es ihr nur wieder schlechter gehen würde, weil sie jeden Tag an Koni denken müsste. Noch wäre es zu früh, glaubt sie. Sie wird mit Lehramt anfangen.

Früher wollte sie weit weg studieren, heute will sie erst einmal in der Nähe bleiben. Ihre Schwester Katharina ist mittlerweile ausgezogen und wohnt mit ihrem Freund zusammen, aber Janina und sie schicken sich den ganzen Tag Nachrichten und sehen sich mindestens einmal die Woche. Zum Abschied umarmen sich die Schwestern lange. Janina passt auf, dass sie sich immer verabschiedet von den Menschen, die ihr wichtig sind.

Die Abi-Tour ihrer Klasse hat Janina nicht mitgemacht. Zwei Wochen Saufen in Kroatien, dazu hatte sie keine Lust. Überhaupt, so manches, was ihre Freundinnen heute beschäftigt, kann sie nicht mehr nachvollziehen. Wie sie den Jungs hinterherrennen, in die sie verknallt sind, und wie wichtig ihnen die neuesten Klamotten sind. "Früher war ich genauso", sagt Janina. "Heute denke ich: Hey, Mädel, das ist nicht das Wichtigste im Leben."

Gerade hat sie bei einem Wettkampf jemanden kennengelernt. Groß und blond ist er, ein Sportler. Solche Männer mag sie immer noch. Nur dass es damit heute längst nicht getan wäre. Er ist aus Berlin, wiedergesehen haben sie sich noch nicht. Aber jeden Abend telefonieren sie stundenlang. Wenn sie über ihn redet, dann lächelt Janina viel und sagt, dass er sehr nett sei. Pass auf, hat sie zu ihm gesagt. Ich will keinen, der nur Sex will. – Ich wohne 600 Kilometer entfernt, hat er geantwortet, Sex könnte ich einfacher haben. Von ihrem Bruder hat Janina ihm noch nichts erzählt. "Das mache ich dann, wenn wir uns wiedersehen."

Für ihren Abi-Ball hat sich Janina zwei Kleider gekauft, ein Prinzessinnenkleid, pink und bodenlang. Und ein Minikleid in einem schlichten Schnitt. Sie hat hin und her überlegt. Früher wäre es wohl das pinke Prinzessinnenkleid geworden, aber irgendwie fühlt es sich nicht mehr richtig an. Sie zieht das Minikleid an. Ihre dunklen Haare sind gerade wieder so lang, dass sie sie hochstecken kann.

Und dann, an einem heißen Sommerabend im Juli, läuft Janina mit ihrem Jahrgang in den Festsaal des Bürgerhauses von Backnang, aus den Lautsprechern kommt der Sommerhit des Vorjahres, Hall of Fame . Vor zweieinhalb Jahren fand in diesem Saal die Sportlerehrung statt, zu der niemand aus der Familie ging, weil Konstantin gestorben war. Heute bestellen ihre Eltern Wein, blättern in der Abi-Zeitung und lachen über die Kommentare von Janinas Freunden über ihre Tochter – "In einer Beziehung mit ihrem Blackberry"– "Allerbeste Mathe-Nachhilfe" – "Kleines Spanisch-Ass: Sie hat Blumen in ihrem Hühnchen" – "Cool" – "Sehr lieb gewonnen. War immer lustig mit dir".