Ob er Weimar ins Navigationsgerät eingeben soll, fragt Alex. Nein, er kenne die Strecke, sagt Marius, und dann fällt ihm wieder ein, dass man, um von Sömmerda nach Weimar zu kommen, über Erfurt fahren muss und dass man, um nach Erfurt zu kommen, erst mal nach Schlossvippach fahren muss, aber wie es jetzt von Sömmerda nach Schlossvippach geht, ist ihm in dem Moment entfallen. Rechts? Links? Geradeaus? Umkehren?

Hey, sagt der andere, den er eine Woche zuvor auf gay.de kennengelernt hat und mit dem er sich seither jeden Tag schreibt: Alles gut.

Marius ist jetzt 18 Jahre alt, und niemand weiß, dass er an dieser Kreuzung steht. Seine Mutter ist übers Wochenende weggefahren. Sein Vater, der an diesem Abend Geburtstag hat, glaubt, dass er die Feier früher verlassen hat, um dem zuckerkranken Kater Garfield seine Insulinspritze zu geben. Seine Schwester ist in Weimar, eine Freundin besuchen. Er hofft, dass sie sich dort nicht zufällig über den Weg laufen. Als ob man etwas Schlimmes zu verheimlichen hätte, denkt er. Er weiß, dass Schwulsein nichts ist, für das er sich entschieden hat wie für eine Partei. Er kennt schwule Fernsehmoderatoren, Sänger, Politiker. Er hat den Film Brokeback Mountain gesehen, zusammen mit seiner Mutter auf dem Sofa, über zwei Cowboys, die heimlich zusammen sind, und seine Mutter meinte danach, dass es ein sehr guter Film sei.

Trotzdem kam ein Outing für ihn bisher nicht infrage. "Ich hatte ja keinen wirklichen Grund, weil ich eben keine Beziehung hatte. Man hat schon Angst, dass es sich negativ auf das Verhältnis auswirkt. Ich dachte, wenn ich es sage: Vielleicht ist es dann anders. Ich habe eine Art Gewinn-und-Verlust-Rechnung aufgemacht und gedacht: Letztendlich bringt es mir nichts." Er fürchtet, dass seine Mutter ihn mit anderen Augen betrachten und seine Oma keinen Kontakt mehr wollen könnte. Das Verhältnis zu seinem Vater, der ausgezogen ist, als Marius drei war, ist sowieso nicht besonders innig, Marius stört, dass der Vater seine Gefühle für ihn nur mit Geschenken zum Ausdruck bringt. Falls er überhaupt etwas für mich empfindet, denkt er manchmal.

An dem Abend läuft er mit Alex durch den Goethepark, zwei Stunden lang, obwohl es regnet, weil es einfacher ist, in der Dunkelheit nebeneinanderher zu laufen, als sich anzuschauen, und Alex sagt, dass er nicht aufgeregt sein müsse, dass alles perfekt sei. Und irgendwann erzählt Alex, der schon 30 ist, von seinem ersten Freund, der ihre Beziehung vor den Eltern verborgen habe, und sagt, dass er sich eine heimliche Beziehung nicht mehr vorstellen könne.

Hätte ich jetzt einen Freund, würde ich es meiner Familie erzählen, antwortet Marius.

Der Abend endet in Sömmerda. Sein erster Kuss. Auf der Wohnzimmercouch.

"So unwirklich", sagt Marius später darüber.

Als Alex schon wieder auf dem Rückweg ist, bekommt Marius eine Nachricht auf WhatsApp von ihm:

"Danke."

"Du brauchst dich nicht bedanken. Mir hat es mindestens genauso gut gefallen", antwortet Marius. Zwei Stunden später schreibt Alex noch einmal:

"Ich bin nun wieder zu Hause. Ich hab bei mir die Ausfahrt verpasst, rate mal, warum?"

Marius: "Mir ist der Abschied auch nicht leichtgefallen. Hätte nicht gedacht, dass ich das nach so kurzer Zeit sagen würde. Und Garfield mag dich auch."

Als Marius geboren wurde, 1994, war Homosexualität schon lange kein Tabu mehr. Als in den Niederlanden als erstem europäischen Land gleichgeschlechtliche Partner heiraten können, ist er sechs; als sich Prominente wie Klaus Wowereit outen, geht er zur Schule. Aber Marius ist ein Kind. Und wie alle Kinder will er dazugehören, und er hat Eltern, die wollen, dass ihr Kind kein Außenseiter ist.

Der Junge war von Anfang an anders: Seine Mutter, eine Krankenschwester, sah es nicht gerne, wenn er mit den Barbiepuppen seiner älteren Schwestern spielte. Tu die Teile weg, sonst nehm ich sie dir weg, sagte sie. Sein Vater kaufte ihm welche, Hauptsache, er freute sich. Marius nahm sie mit nach Hause und holte sie immer dann hervor, wenn seine Mutter sich föhnte. Sobald der Föhn ausging, versteckte er sie.

In der 1. Klasse schickte ihn seine Mutter in einen Fußballverein, aber nach dem Probetraining riet der Trainer zu einer anderen Sportart: Der Junge hatte die ganze Zeit im Rasen nach vierblättrigen Kleeblättern gesucht. Sie einigten sich schließlich auf Schwimmen.

An einem Besuchswochenende bei seinem Vater sahen sie einen Mann mit Flipflops über die Straße laufen: Sieht das schwul aus!, sagte der Vater, der als Modelltechniker arbeitet und die Formel1 liebt. Marius war 12, und er ahnte bereits, dass das Thema etwas mit ihm zu tun hatte. Er stimmte dem Vater zu, um von sich abzulenken. In der Schule trug er weite Kapuzenshirts wie die anderen, obwohl er lieber enge Sachen getragen hätte.

In der Schule fiel er trotzdem auf. Schwuchtel nannten ihn die anderen beim Fußball, oder Mariella, wenn keine seiner Freundinnen da war, um ihn zu verteidigen. Die eine wollte als Gegenleistung Hausaufgaben abschreiben, für die andere musste er immer auf Abruf Zeit haben. Marius widersprach selten, die beiden Mädchen waren sein Schutz vor der Gruppe.

Auf Klassenfahrt sagte ein Junge bei einem Streit: Früher hätten sie einen wie dich verbrannt.

Weichwurst, sagte sein Stiefvater, wenn er zu Hause davon erzählte, dass er sich gegen die Attacken in der Schule nicht zu wehren wusste, Jammerlappen.

In der 7. Klasse war es so schlimm, dass seine Mutter mit der Klassenlehrerin sprach. Die Sprüche wurden seltener, aber Marius fürchtete noch immer die Tage, an denen Sportunterricht war, Dienstag und Donnerstag.